24 Stunden von Le Mans/F: ZieleinlaufErster Honda-Sieg seit fünf Jahren nach eiskalter Nacht

Le Mans/F (abs) – Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts – sicher keine idealen Bedingungen, um ein Motorradrennen zu fahren. Doch Eiseskälte, heftiger Regen und starker Wind konnten die 55 Teams mit ihren 165 Fahrern nicht davon abhalten, beim Langstrecken-Klassiker »24 Heures du Mans« an den Start zu gehen und um den Sieg zu kämpfen. Nach 24 Stunden und zwei Minuten standen die Gewinner fest: Die Franzosen Costes/Charpentier/Gimbert hatten nach 719 Runden auf dem »Circuit Bugatti« in Le Mans ihrem japanischen Motorrad-Lieferanten Honda zu einem grandiosen Sieg verholfen – dem ersten seit fünf Jahren für Honda in Le Mans. Die drei anderen japanischen Hersteller teilten sich die Ehrenplätze. Auf Rang zwei kam die Suzuki GSX-R 750 von Bayle/Lavieille/van den Bossche (alle Frankreich) ins Ziel (3 Runden zurück), Platz drei errangen Morrison (GB)/Cazade (F)/Paillot (F) auf der Yamaha YZF-R7 (6 Runden zurück). Für Kawasaki blieb mit Guyout/Dussauge/Scarnato (alle F, 11 Runden zurück) der vierte Platz, aber das Team wird darüber nicht unglücklich sein, dass es nicht zur Siegerehrung auf das Treppchen geladen wurde: Guyout und seine Mitstreiter werden im Gegensatz zu den Werksteams auf den Plätzen eins bis drei die komplette Weltmeisterschafts-Saison bestreiten und haben sich mit diesem Ergebnis im Hinblick auf den Titel eine sehr gute Ausgangsposition geschaffen. Nicht unerwartet dominierten auf der Strecke in Le Mans die Superbikes. Das beste Motorrad der seriennahen Stocksport-Klasse war die Yamaha YZF R1 von Couturier/Waldemeier/Cuzin (alle F, 28 Runden zurück), die als Siebte abgewinkt wurden. Als bestes deutschsprachiges Team erreichte die schweizer Bolliger-Truppe Graf (CH)/Kellenberger (CH)/Heiler (D) Rang acht (35 Runden zurück). Ohne schwerwiegende Probleme fuhr das von »PS – Das Sport-Motorrad Magazin« unterstützte Team Palmer/Fritz/Heidger (alle D) seine Yamaha YZF R1 auf den 16 Gesamtrang und Platz acht in der Stocksport-Wertung.
Das Rennen in Le Mans ging unter schwierigsten Wetterbedingungen über die Bühne, die schlussendlich eine Unzahl von Stürzen provozierten. Das Kawasaki-Werksteam mit den Fahrern Sebileau(F)/Plater (GB)/Holon hatte Trainings-Bestzeit gefahren, musste jedoch schließlich aufgeben, weil Sebileau sich beim letzten seiner Stürze einen Mittelfußknochen gebrochen hatte und Plater sich ebenfalls fahruntüchtig gestürzt hatte – ihre Kawasaki ZX-7RR stand die letzten Stunden des Rennens startklar an der Box, doch es gab nicht genügend Piloten. Das Suzuki-Werksteam, das noch den zweiten Platz eroberte, erschien nur mit zwei der drei Fahrer bei der Siegerehrung: Jean-Michel Bayle hatte sich bei einem Sturz den Arm gebrochen. Den zweiten Platz hatten sie dabei nur dem Umstand zu verdanken, dass sich Kollege Cazade vom am Ende drittplatzierten Yamaha-Team 90 Minuten vor dem Ziel mit einem kuriosen Sturz auf die Nase legte und zu einem außerplanmäßigen Reparatur-Stopp an die Box musste. Offensichtlich waren die Slick-Reifen der Yamaha nicht korrekt aufgewärmt worden. Guyot/Dussauge/Scarnato zeigten den 100.000 Zuschauern in Le Mans dagegen, wie in echter Endurance-Manier Erfolge herausgefahren werden. Das Team leistete sich keinen einzigen Sturz und verbrachte nur 22 Minuten der 24 Stunden für planmäßige Service-Arbeiten an der Box – rekordverdächtig.
Unglückliche Stürze warfen auch das MOTORRAD Action Team mit den Fahrern Gerhard Lindner (D), Fernando Cristobal (E) und Markus Barth aus dem Rennen. Die Mannschaft um Teamchef Hanns-Martin Fraas, der sich nebenher als Co-Kommentator beim Fernsehsender Eurosport betätigte, hatte beim Start auf nasser Fahrbahn gepokert und war mit Intermediate-Reifen ausgerückt – die meisten Konkurrenten waren auf Regenreifen losgefahren. Die Rechnung ging auf, nach einer knappen Stunde konnte Cristobal auf Platz acht an Lindner übergeben, der sich noch auf Rang sieben vorarbeitete. Dann begann das Pech. Barth fuhr seinen Turn ohne funktionierende Kupplung, die musste ausgewechselt werden. Trotzdem konnte er die Position halten. Bei Einbruch der Dunkelheit setzte in Le Mans auch der Regen wieder ein, die Verhältnisse wurden mehr als unangenehm. Dann passierte ein typischer Langstrecken-Unfall: Barth geriet bei Dunkelheit auf die Ölspur, die der geplatzte Motor eines Konkurrenten gelegt hatte, und stüzte. »Ein blödsinniger Unfall«, ärgerte sich Barth, »der Pace Car war schon auf der Strecke, aber ich hatte ihn noch nicht gesehen und ahnte deshalb nichts von der Gefahr. Eine halbe Minute, nachdem ich mich überschlagen hatte, kam er an.« Barth konnte an der Ecke seines Niedergangs noch zwei weitere Kollegen begrüßen, denen dasselbe Missgeschick passiert war wie ihm. Immerhin konnte er die Suzuki in zehn Minuten an die Box schieben, wo sie innerhalb einer halben Stunde wieder instand gesetzt wurde. »Uns war klar, dass wir danach etwas forcieren müssen«, sagte Teamchef Fraas, »das hat Fernando Cristobal auch probiert.« »Hätte auch kein Problem sein dürfen, Angriffe in der Nacht sind eigentlich unsere Stärke«, fügte Barth hinzu. Doch Cristobal stürzte fast an derselben Stelle wie Barth. Auch er konnte das Motorrad an die Box zurückbringen, doch das Benzinversorgungssystem der Suzuki hatte zuviel Schmutz abbekommen. Fraas: »Wir wären weitergefahren, schon um Testkilometer zu bekommen. Aber als der Motor nur noch stotterte, wollten wir ihn nicht mit Gewalt ganz kaputt machen und haben aufgegeben.« Bleibt für das MOTORRAD Action Team eine Standortbestimmung. Barth: »Die Werksmaschinen haben sicher noch 15 PS mehr als wir, da kommen wir nicht mit. Aber sonst macht unser Motorrad in allen Belangen einen wesentlich besseren Eindruck als im Vorjahr.«

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