19.01.2012 Von: Thorsten Dentges
Erschienen in: 03/ 2012 MOTORRAD

Kaufberatung: Persönliche Schutzausrüstung für Biker Darauf sollte bei Motorrad-Schutzkleidung geachtet werden

PSA - nein, kein holländischer Fußballklub, auch kein Pestizid oder Ähnliches. Die drei Buchstaben stehen für: Persönliche Schutzausrüstung. Die Ausrüster müssen sich an feste Normen halten, Motorradfahrer hingegen wissen oft nicht, worauf sie beim Kauf achten sollen.

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Kein unnützes Geblähe: Im Rennsport und bei Tests hat der Fahrer-Airbag die Feuerprobe gut bestanden.  

Bild: Hersteller  

Eltern kennen das, und alle anderen erinnern sich vielleicht noch an die eigene Kindheit. Beim Laufen und Toben semmeln die Gören meistens auf die Knie. Die Kleinen tragen an den betroffenen Stellen zunächst blutig-eitrige Verzierungen, danach tunen Mütter die Cordhose gerne auch mit Aufnählederherzen oder Teddybärflicken aus abriebfestem Garn. An Fahrerausstattungen lassen sich solche funktional-modischen Gimmicks weniger häufig beobachten, aber im Straßenverkehr fliegt man zum Glück ja auch deutlich seltener auf die Nase. Diese wird bei einem Unfall normalerweise kaum in Mitleidenschaft gezogen, die Knie und Unterschenkel hingegen schon. Das Verletzungsrisiko dieser Körperzone liegt bei einem Motorradunfall bei beachtlichen 40 Prozent. Weil man eben genau wie die tobenden Kleinen auf der Spielstraße auch als Großer auf dem Spielzeug Motorrad in vielen Sturzsituationen auf die Knie fällt. Verlässliche Zahlen zum Verletzungsrisiko stammen übrigens aus der Unfallforschung. Professor Dietmar Otte und sein Team von der Verkehrsunfallforschung an der Medizinischen Hochschule in Hannover haben seit 1999 mehr als 1600 Motorradunfälle ausgewertet. Wertvolle Daten, vor allem wenn es darum geht, wie und an welchen Stellen die Sicherheit von Motorradfahrern zu verbessern ist.

Und schon sind wir mitten drin im Thema: Persönliche Schutzausrüstung für Motorradfahrer, abgekürzt PSA. Dass sich Biker keine Teddybären ans Knie binden, sollte klar sein, aber wie sollte eine optimale PSA eigentlich genau aussehen? Christoph Gatzweiler vom Industrieverband Motorrad in Essen hat seine Meinung dazu, verweist außerdem auf gesetzliche Vorgaben, die auf Europaebene in Form von Normen aufgestellt werden. Für Gelenkprotektoren gilt die Europa-Norm EN 1621-1, die sich zurzeit in Revision befindet. Und das tut auch Not, denn diese Norm ist beinahe 15 Jahre alt, und bei deren Erstellung standen mehr politische Grabenkämpfe als medizinische Fakten, genauer: biomechanische Grundlagenforschungen, im Vordergrund. Als Kompromiss einigte man sich seinerzeit auf Grenzwerte, die nach heutigem Dafürhalten keinen ausreichenden Verletzungsschutz bieten. Einzelschläge bis 50 Kilonewton (kN) und ein gemittelter Wert von 35 kN reichen aus, um die Baumusterprüfung zu passieren. Menschliche Knochen brechen laut Untersuchungen aber schon bei vier bis fünf Kilonewton. Außerdem wurde bisher der Kraft-Zeit-Verlauf nicht berücksichtigt. Zur Veranschaulichung: Ein müder Schwergewichtsboxer, der nur rangelt statt puncht, ist weniger gefährlich als ein frischer Karatekämpfer, der mit geringerer Krafteinwirkung, aber höherer Schlaggeschwindigkeit sogar Steinwände niederprügelt. Zwischen Kraft und Kraft und zwischen Protektor und Protektor gibt es also Riesenunterschiede.

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Die ersten als solche zu identifizieren-den Gelenkprotektoren kamen vor rund 25 Jahren vom schwedischen Hersteller Halvarssons - gepolsterte, vorgeformte Plastikschalen für die Knie. Und auch der italienische Ausrüster Dainese hat sich früh des Themas angenommen, gilt als Vorreiter. Aber erst in den letzten zehn Jahren sind die Materialien deutlich verbessert worden. Hartschalen versuchen generell den Schlagpunkt auf eine größtmöglich vorhandene Fläche zu verteilen und gleichzeitig ein Eindringen von spitzen Gegenständen zu verhindern. Prima etwa im Gelände, wenn man auf Stock und Stein fällt. Protektoren aus Weichschaum - hierbei handelt es sich nicht etwa um einfachen Matratzenschaumstoff, sondern um spezielle Schäume aus Polyurethan (PU) und anderen Kunststoffen - dämpfen hingegen den Schlag besser und lassen idealerweise die einwirkende Kraft nur langsam durch (siehe auch Diagramm Seite 54). Gute Dämpfung ist dann gut, wenn man platt auf dem Asphalt aufschlägt, aber nach dem Aufschlag kommt ja noch die Schleifphase. Und die wird bei keiner Normierung berücksichtigt. Beim Sturz fallen die Verletzungen sehr unterschiedlich aus, je nachdem ob der Fahrer, eine entsprechende Sturzzone vorausgesetzt, wie ein Rodler bis zum Stillstand ausgleitet (im Idealfall nur ein paar Kratzer und blaue Flecken) oder ob er sich mit ungewollten Turnfiguren und Saltos überschlägt (Brüche sind dann eher Regel als Ausnahme). Die novellierte EN 1621-1, die bald in Kraft treten wird, senkt den gemittelten Restkraftwert auf 20 statt 35 kN. Keine Revolution, zumal schon jetzt gute Gelenkprotektoren diese Vorgaben locker erfüllen.

Test-Ruekenprotektoren (jpg)

Rückenprotektoren: Eine Verletzung des Rückenmarks mit der Aussicht auf ein restliches Leben im Rollstuhl berechtigt ein gesteigertes Schutzbedürfnis.  

Foto: fact  

Bei Rückenprotektoren liegen die Grenzwerte niedriger (bei Level 2 zurzeit 9 kN
im Mittel, 12 kN beim Einzelschlag). Große Fläche, großer Schutzbedarf, so wohl die Denke vieler Motorradfahrer. Zugegeben, eine Verletzung des Rückenmarks mit der Aussicht auf ein restliches Leben im Rollstuhl berechtigt ein gesteigertes Schutzbedürfnis. Die Zahlen der Unfallforscher sprechen jedoch eine andere Sprache. Nur bei rund acht Prozent der Unfälle ist die Rückenwirbelsäule betroffen, und das Gros der unfallbedingten Querschnittslähmungen rührt her von Stauchungen und Torsionen (Verwindungen). Tragische Verletzungen sind also auch mit einem hervorragend schlagdämpfenden Rückenprotektor wohl kaum komplett zu vermeiden. Dennoch ist jedem Motorradfahrer ein möglichst vollständiger Rücken- oder Gelenkschutz angeraten, denn Protektoren gelten als zusätzlicher Schleifschutz, wenn das Außenmaterial (Leder oder Textilgewebe) der Kombi durchgerieben ist. Auch Schürfwunden können, wenn es dumm läuft, hartnäckige Keiminfektionen nach sich ziehen.

Für Brustprotektoren und Airbags gilt seit Neuestem auch eine Norm, die EN 1621-3 bzw. EN 1621-4. Das ist ein Fortschritt, denn alles, was Motorradfahrern hilft, schweren Verletzungen vorzubeugen, ist lobenswert. Insbesondere im Brustbereich treten sie doppelt so häufig auf wie an der Wirbelsäule. Verletzungen an lebenswichtigen Organen wie etwa der Lunge sollte man deshalb möglichst mit allen Mitteln entgegenwirken. Das gilt auch für Nackenschutzssysteme, für die bisher noch keine Norm erstellt wurde - anders als bei Stiefeln (EN 13634), Handschuhen (EN 13594) und Oberbekleidung (EN 13595-1 bis 4).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Normen bedeuten für Motorradfahrer nicht, dass sie in eine Rüstung gezwungen werden, sondern die Vorgaben gelten für die Hersteller, auf deren (Marketing-)Versprechen man sich ansonsten komplett verlassen müsste. Da ist eine gesunde Skepsis angesagt, wenn der Gegenwert nicht klar zu bemessen ist.


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