02.05.2001 Von: Mathias Wohlfeld
Erschienen in: 10/ 2001 MOTORRAD

1000 Kilometer von Hockenheim (Archivversion) Gesetz der Serie

Sie ist die Königin unter den Veranstaltungen des Serienrennsports. 1000 Kilometer Rennstrecke auf dem legendären Hochgeschwindigkeitskurs in Hockenheim. Ein Krimi mit schleifenden Pads und bunter Besetzung.

Die Wettervorhersage erwies sich als zuverlässig: ein Grad unter Null. So kalt war es noch nie am Ostersamstag im Badischen. Zumindest nicht in den letzten 27 Jahren. Denn so lange gibt es sie schon, die 1000 Kilometer von Hockenheim. Und trotzdem waren sie alle da. Insgesamt 165 Teams mit je zwei Fahrern, aufgeteilt in fünf verschiedene Hubraumklassen. Im bunt gemischten Starterfeld befindet sich neben Rennprominenz wie Supersport-DM-Pilot Stefan Nebel, Ex-Superbiker Jochen Schmid und vielen Hobby-Racern auch MOTORRAD-ACTION-TEAM-Mitarbeiter Georg Jelicic. Mit seiner vollkommen serienmäßigen Kawasaki ZX-6R fühlt sich unser Mann jedoch etwas einsam. Seriensport? Beim Anblick der Maschinen am Start sucht man fast vergebens nach den Sportmotorrädern von der Stange. Von einigen Ausnahmen und einer Suzuki Bandit mit der Startnummer 25 mal abgesehen. Natürlich ist es auch im Seriensport sinnvoll, die für den Rennstreckenbetrieb nutzlosen und obendrein sturzgefährdeten Teile abzuschrauben und das geliebte Renntier in ein kostengünstigeres Gewand der Zubehörindustrie zu hüllen. Doch laden die Möglichkeiten des Reglements, auf Wunsch der Fahrer Jahr für Jahr erweitert, zu weit ausgiebigeren Basteleien ein. An den Motoren wird nach mehr Leistung gesucht, Übersetzungsverhältnisse werden geändert, und selbst mit leichteren Schrauben sollen die letzten Zehntelsekunden herausgekitzelt werden. Sei’s drum. Die Kawa von Georg und Kollege Maik Schäfer reicht locker aus, um mitzuhalten. Auch weil beide als ehemalige Supersport-Rennfahrer schon viele Rennstrecken-Kilometer auf dem Buckel haben. »Ohne Rennstreckenerfahrung sollte man hier nicht starten, das ist zu riskant«, warnt auch Supersport-DM-Fahrer Michael Galinski vor der gemeinsamen Suche der 165 Piloten nach Platz und Ideallinie. Ein oder zwei Renntrainings vorher nehmen die Angst vor Rennstrecke und Kollegen. Offensichtlich nicht bei allen. Kunterbunte Verkleidungsteile in den Kiesbetten erinnern an das Werk eines fleißigen Osterhasen. In den Boxen herrscht dafür umso mehr agiles Treiben. Es wird geklebt, geschraubt und getankt – das Endurance-Fieber greift um sich. Auch unsere Kawasaki braucht Sprit, die langen Waldgeraden fordern ihren Tribut. Tanken aus dem Kanister, kurze Tipps, und weiter geht’s. Nur nicht runterfallen lautet die Devise. Die Zeit für den Reifenwechsel muss herausgefahren werden. Denn ohne bestandene Dauerprüfung gibt es keine Sprintprüfung. Und gerade dieses finale Zehn-Runden-Rennen in jeder Klasse bildet für viele das Salz in der Suppe des Seriensports. An der benachbarten Box hält eine Honda VTR 1000: »Die fliegt auf der Geraden an dir vorbei, als stünde Castrol drauf!« gibt Georg Partner Maik noch mit auf den Weg. Aber egal. Die Rundenzeiten zeigen, dass bei 2:24 Minuten noch alles im grünen Bereich ist. Zudem bietet die Serien-Kawa Spaß pur. Und in der Sprintprüfung sollen dann die 2:20 Minuten fallen. Knapp 1000 Kilometer sind geschafft. Boxenstopps mit Reifenwechsel, in fast jeder Zelle. Auch unsere Fahrer wollen die letzten Runden der Dauerprüfung nutzen, dem zweiten Satz D 207 RR klarzumachen, was im Finale auf ihn zu kommt. Doch das Endurance-Fieber! Trotz reichlich herausgefahrener Zeit fällt dem Eifer des Radwechsels die innere Distanzhülse des Kettenradträgers zum Opfer. Vergessen liegt sie auf dem Asphalt der Boxengasse. Wie ein graues Osterei! Und keiner bemerkt’s. Auch Maik nicht, in der Aufregung des Starts zum Sprintrennen der 600er, dem finalen Countdown. Binnen einer halben Runde fräsen sich die Köpfe der Befestigungsschrauben des Kettenrads in die Hinterradschwinge. Blockierendes Hinterrad – aus und vorbei. Wie durch ein Wunder stürzt Maik nicht. Mit der Erleichterung verschwindet der Ärger über das tollpatschige, fast peinliche Missgeschick beim Radwechsel. Naja.Unerwarteterweise unter die Anhänger der Szene gemischt, schaut sich die ACTION-TEAM-Truppe von den Tribünen der Sachskurve die fünf Sprintrennen an. Sieht, dass die Bandit mit Nummer 25 längst nicht als Letzte durchs Ziel rennt, dass der Kampf im Pulk vielen sichtlich Spaß bereitet und Altmeister Helmut Dähne seinen 26. Start in den 18. Sieg verwandelt. Mit 57 Jahren – auf einer R1 mit Blinker, Licht, Rückspiegel und amtlichem Kennzeichen.


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