22.05.1997 Von: Sven Markurt
Erschienen in: 12/ 1997 MOTORRAD

Die Deutschen in der Enduro-WM (Archivversion) Steinbeisser

In der Enduro-WM beißen die deutschen Cracks immer wieder auf Granit. Trotzdem stellen sie das größte Fahrerkontingent.

Morgens um sechs raus, abends um zehn ins Bett, dazwischen acht Stunden lang die Enduro über glitschige Felskanten wuchten und über Schotterpisten prügeln. Bergauf, bergab, mit Motor- und mit Muskelkraft. Das war in groben Zügen das Programm der beiden getrennt gewerteten Fahrtage für 136 Enduro-Cracks aus 18 Nationen beim Enduro- WM-Lauf rund um die französische Stadt Le Puy en Velay. Wer hier bestehen wollte, mußte nicht nur mit der Enduro-Tugend Nummer eins, Ausdauer, reichlichst gesegnet sein, sondern auch über exzellente Fahrkünste in übelstem Terrain verfügen.»Die Strecke erinnert mich stark an das Gilles Lalay Classic«, kommentierte der jetzt als Betreuer agierende Ex-Enduro-Weltmeister Kent Karlsson. Am Vortag hatte der Schwede mit einem Streckenmarschall den Parcours abgefahren. Das Statement des schwedischen Lalay Classic-Siegers dürfte den meisten der 36 deutschen Fahrer vor dem Start ein leichtes Unwohlsein in der Magengegend beschert haben. Der Thüringer Andreas Krebs betrachtete die Sache ganz nüchtern: »Die Strecken sind nicht für unsereins gemacht, sondern für die Fahrer, die um die WM fahren.«Stimmt, und schon seit Jahren fehlt es an deutschen Spitzenfahrern in der Eliteliga der Stollenreiter. Einzige Ausnahme: Dirk von Zitzewitz. Der mit 28 Jahren jüngste Sproß der norddeutschen Enduro-Dynastie ist seit Jahren in den Top Five zu finden. In den Kampf um die Krone konnte er bislang aber noch nie eingreifen. Weiter denn jeh ist der KTM-Werksfahrer, der 1997 von der großen in die kleine Viertaktklasse gewechselt ist, davon entfernt: »Das war der schwärzeste Tag meiner Laufbahn«, analysierte von Zitzewitz den ersten Fahrtag in L Puy, als er nur auf Rang zehn landete. »Ich kann genauso schnell fahren wie die anderen und habe dieses Jahr auch schon eine Sonderprüfung gewonnen, aber irgendwie klappt es einfach nicht.«An Trainingsmangel oder fehlendem Einsatz liegt es bestimmt nicht. Als einziger deutscher Fahrer richtet von Zitzewitz sein Leben ganz auf den Endurosport aus. Dafür findet er jedoch keine Nachahmer. Das wurmt ihn und mündet zum Beispiel in offener Kritik an seinem Kumpel Niko Klaus: »Als ehemaliger Trial-Fahrer bringt Niko die allerbesten Voraussetzungen mit, aber ohne Training reißt man in der WM nichts« entrüstet sich der Blondschopf.Diese Erkenntnis gewann auch Thomas Brinkmann aus Bottrop. Der Mann aus dem Revier, immerhin vor zwei Jahren deutscher Meister, war am Ende des ersten Tages fix und alle. »Ich bin fertig. Nach fünfzehn Jahren Enduro-Sport sollte ich mir langsam etwas anderes suchen. Vielleicht Super Moto«, gab er völlig entkräftet zu Protokoll.In Steilauffahrten mußte er seine 125er Husky häufig schieben, lag dadurch eine halbe Stunde über der vorgegebenen Sollzeit. »Mein größtes Handikap ist, daß es in meiner Gegend niemanden gibt, der mit mir trainiert.«Das Übel mangelnder Mitstreiterschaft ist ostdeutschen Geländefahrern völlig fremd. Selbst finanzielle Probleme können sie nicht bremsen. Daß die DDR-Mangelwirtschaft erfinderisch machte, kommt der Geländefahrer-Clique um den Thüringer Andreas Krebs heute wieder zugute. Zusammen mit einigen Sachsen startet Krebs mit tschechischer Lizenz. Kostenvorteil gegenüber der deutschen OMK-Lizenz: 300 Mark. Gespart werden muß trotzdem an allen Ecken und Enden, denn die Reisekosten quer durch Europa sind heftig. »Gern hätte ich nach dem ersten Tag frische Reifen aufgezogen, um wieder richtigen Grip zu haben, aber die 250 Mark sind mir einfach zu schade«, erklärt der 250er Fahrer. Voll des Lobes ist er über die tschechische Meisterschaft: »Hier fahren wir fünf anspruchsvolle zwei-Tages-Fahrten. Eine ideale Vorbereitung für die WM-Läufe.Geldnot gab es im Lager des Heilbronner Enduro-Recken Wolfgang Koch noch nie. Er kann aus dem vollen schöpfen, und wird zudem von seinem Vater Herrmann gemanagt. Trotz 60-Stunden Woche ist Vater Koch immer dabei. »Ohne mich ist der Wolfi noch keinen WM-Lauf gefahren. Bei seinen allerersten Starts vor sechs Jahren in Spanien und Portugal hat er gleich die Gosch voll gekriegt«, erzählt er über die Härten der Enduro-WM, während er die Zwiebeln für die Spaghhetti-Sauce im Luxus-Wohnwagen schneidet. Diesesmal ist Wolfi auf die Gosch geflogen. In einer gefährlichen Steilabfahrt auf Felsen hat er sich überschlagen und prellte sich Becken und Rippen. »An jeder Kontrolle habe ich ihm dann eine Aspirin eingeworfen, sonst hätte er es nicht bis ins Ziel geschafft«, berichtet Koch senior.Eine ähnlich gute Betreuung erfährt Deutschlands jüngste Enduro-Hoffnung, der 19jährige Marko Barthel. Hauptsponsoren des Nachwuchstalents aus Flöha bei Zschopau sind sein Vater, sein Motorradhändler und der deutsche Husqvarna-Importeur. Die Funktionäre der OMK-Trägerverbände ADAC und DMV kümmert die Nachwuchsförderung nicht. Sie träumen lieber von der Copacabana, denn im Juni sollen in Brasilien zwei WM-Läufe stattfinden.Marco Barthel fing erst vor drei Jahren mit dem Motorradfahren an. Auf Anhieb gewann er den OMK-Pokal. In der Enduro-WM fährt er nur, um Erfahrungen für die noch ausstehenden Europameisterschaftsläufe für Fahrer bis 23 Jahre zu sammeln. »Ich wäre froh, wenn ich hier unter die ersten fünfzehn komme« gibt er sich bescheiden. Vor dem Parcours bekundete er viel Respekt. Wer ihn dagegen in den glitschigen Felspassagen beobachtete, war vom Gegenteil überzeugt. Ziemlich unbeeindruckt von den gemeinen Hindernissen, gab er der 125er Husky die Sporen und flog nur so durchs Gelände. Durch einen Sturz in einer Sonderprüfung langte es diesmal noch nicht zu einem guten Ergebnis. Großes Lob erhielt er trotzdem. Dirk von Zitzewitz attestiert dem jungen Enduristen aus dem Erzgebirge eine große Enduro-Zukunft.In den achtziger Jahren fuhren die MZ-Fahrer um Harald Sturm reihenweise WM-Titel ein, 1990 setzte Simson-Pilot Thomas Bieberbach den vorläufigen Schlußpunkt deutscher Enduro-Herrlichkeit, als er die 80er Klasse gewann. Ob und wann daran wieder angeknüpft werden kann, steht in den Sternen. Fest steht aber, daß die große Begeisterung der Ostdeutschen für den Enduro-Sport der notwendige Grundstein zukünftiger Erfolgserlebnisse ist. Letztere haben die österreichischen Enduro-Bauer aus Mattighofen zur Zeit genug. In drei von vier Klassen führt KZM. Lediglich Yamaha-Pilot Stéphane Peterhansel verdarb den totalen Triumph. Er nutzte seinen Heimvorteil und besiegte Angstgegner Giovanni Sala in der großen Zweitakt-Klasse.Nach den Steinen des französischen Zentralmassivs erwarten die WM-Fahrer noch der Dschungel Brasiliens und die Nadelwälder Finnlands. Im August geht es schließlich zu den Six days nach Italien. Aus diesem Grund fahren viele Deutsche in der Enduro-WM. Vier in Wertung beendete Läufe sind die Qualifikationshürde. In Le Puy haben die meisten deutsceh Fahrer die Herausforderung geschafft. Spitzenplätze waren allerdings Mangelware, denn der Großteil der deutschen Cracks fehlt der letzte Biß. Sie leben lieber den olympischen Gedanken: Dabeisein ist alles.

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