Erster Test: Honda CX 500 Zurückgeblättert

Die Moderne kam plötzlich: Zweizylinder mit Wasserkühlung, H4-Licht, Doppelscheibe am Vorderrad. Dazu schlauchlose Reifen auf Leichtmetallfelgen, Kardanantrieb und alle schweren Bauteile nach dem Prinzip der Massenzentralisierung rund um den Schwerpunkt angeordnet. So baut man bis heute Motorräder. Nur: Wir schreiben 1978. Und lange bevor dieses Motorrad erst zur Güllepumpe und dann zum Liebhaberstück geadelt wird, ist MOTORRAD-Tester Franz-Josef Schermer einer der Ersten, der der CX 500 auf den Zahn fühlen darf.

Die Moderne kam plötzlich: Zweizylinder mit Wasserkühlung, H4-Licht, Doppelscheibe am Vorderrad. Dazu schlauchlose Reifen auf Leichtmetallfelgen, Kardanantrieb und alle schweren Bauteile nach dem Prinzip der Massenzentralisierung rund um den Schwerpunkt angeordnet. So baut man bis heute Motorräder. Nur: Wir schreiben 1978. Und lange bevor dieses Motorrad erst zur Güllepumpe und dann zum Liebhaberstück geadelt wird, ist MOTORRAD-Tester Franz-Josef Schermer einer der Ersten, der der CX 500 auf den Zahn fühlen darf. Eine seiner ersten Feststellungen: "Man hockt sich drauf und fühlt sich wohl." Sitzkomfort, Kniewinkel und Instrumentenanordnung überzeugen, auch beim Motor-Layout zeigt sich das durchdachte Konzept: Wo sich Guzzisti blaue Flecken an den Knien holen, sitzen bei der Honda die Zylinder um 22 Grad zur Kurbelwelle verdreht. So kommen die Extremitäten nicht mit dem heißen Motor in Berührung, und die Vergaser verschwinden unter dem Tank. Mit seiner unregelmäßigen Zündfolge verbreitet der V2 ein wenig Italo-Flair, läuft aber durch die Wasserkühlung mechanisch viel leiser. Das gilt ebenso für das unaufdringliche Pötteln aus dem Auspuff. Von der sprichwörtlichen Zuverlässigkeit ahnte der Tester damals noch nichts. Ebenso wenig, dass viele Motorradkuriere - speziell die englischen, von denen es hieß, sie hätten den härtesten aller Jobs auf zwei Rädern - bald scharenweise auf die CX umsteigen sollten.
Mit einer Höchstgeschwindigkeit von immerhin 183 km/h liegend zählt die Honda zu den Schnellsten in der 50-PS-Klasse, bietet zudem über einen sehr weiten Drehzahlbereich verwertbaren Schub. Schermer verdeutlicht das mit einem Experiment:
Er durchfährt dieselbe Kurve mit rund
92 km/h jeweils im zweiten, dritten und vierten Gang, Zeit- und Schubunterschiede sind dabei kaum messbar. Allerdings erweist sich der 80-Grad-V2 nicht gerade als Kostverächter: 7,5 Liter Testverbrauch sind nicht von Pappe.
Angetan ist Schermer vom ausgewogenen Fahrverhalten. Die längsliegende Kurbelwelle reduziert Antriebseinflüsse auf ein Minimum, die in entgegengesetzter Richtung rotierende Kupplung erspart eine Ausgleichswelle. Auch der Kardan bleibt unauffällig, die Fahrstuhleffekte fallen wesentlich milder aus als bei den BMW. Ein weiterer Glanzpunkt: die gut dosierbaren und kräftig zupackenden Bremsen, jedenfalls nach damaligen Maßstäben. So viel Entschlossenheit waren die Journalisten von Honda-Bremsanlagen bis dahin nicht gewohnt. Gleich mehrere Tester legten sich bei der Vorstellung im französischen Nogaro auf die Nase.
Das Fahrwerk beschreibt Schermer als komfortabel, die Gabel dämpft aber zu lasch. Bei den Reifen wird der CX eine Pionierrolle zuteil: Sie ist das erste Serienmotorrad mit schlauchlosen Reifen. Heute eine Selbstverständlichkeit, war das damals ein nicht unerheblicher Sicherheitsgewinn. Ohne Schlauch kann eben kein Ventil abreißen, außerdem entweicht die Luft bei einem Defekt langsam und nicht mehr schlagartig.
Auch die speziell für den deutschen Stufenführerschein gedrosselte 27-PS-Version stellt sich dem Test. Andere Vergaser und Reduzierhülsen im Auspuff schnüren den Motor ein, das Gewicht von vollgetankt 227 Kilo tut ein übriges: Die zugestopfte Honda fährt nicht mal einer Zündapp KS 175 mit 17 PS davon. Dabei geht sie mit dem Sprit kaum knausriger um als die offene Version, im Test zieht sie sich immer noch sieben Liter auf 100 Kilometer durch die Vergaser.
So empfiehlt Schermer mit Nachdruck die 50-PS-Variante, zumal sie genauso viel kostet wie die gedrosselte.
Kritik muss die offene CX von Schermer eigentlich nur für ihre pummelige Form einstecken. Zitat: "Noch nie gab es von Honda ein optisch so gewöhnungsbedürftiges Motorrad." Am Ende relativiert der MOTORRAD-Tester sein Urteil jedoch wieder: "So hässlich die Maschine aussieht, so gut fährt sie sich." Womit alles gesagt ist.
Während "Star Wars" die Leinwände erobert, greift auch Yamaha Anfang 1978 nach den Sternen und präsentiert in der senegalesischen Hauptstadt Dakar zwei Neuheiten. Die erste nennt sich XS 1100, ist die zu dem Zeitpunkt hubraumgrößte Großserienmaschine und bietet noch einiges an Superlativen: Die damals fettesten Serienreifen im Format 3.50-19 vorn und 4.50-17 hinten sowie die größten Bremsscheiben, vorne wie hinten 298 mm. Auch hier ist MOTORRAD-Tester Franz-Josef Schermer vor Ort und fährt die Maschine zur Probe. Er bescheinigt dem vollgetankt 283 Kilo schweren Dampfer besten Durchzug und standfeste Bremsen. Auf offener Strecke lässt sich die XS im höchsten Gang schon ab 2000 Umdrehungen ruckfrei beschleunigen und läuft über 200 Sachen, die Handlichkeit und Stabilität geben Schermer keinen Anlass zur Kritik. Einzig in der Stadt, konstatiert er, "fährt sich die Maschine etwas schaukelig", was vom randvollen 24-Liter-Tank und entsprechend hohen Schwerpunkt herrührt. Sein Fazit: gewaltig, aber gutmütig.
Der zweite Pfeil, den Yamaha im Senegal aus dem Köcher zieht, soll zu einem der erfolgreichsten Modelle der Marke werden: die SR 500. Die oft strapazierte Phrase vom "urigen Eintopf" passte nie besser als zu diesem Anachronismus in einer Zeit der galoppierenden Hightech-Entwicklungen. Während sich die großen Hersteller reihenweise Superlative an den Kopf werfen, bringt Yamaha das Minimalismuskonzept der XT 500 - ein Zylinder, ein Vergaser, eine Nockenwelle und zwei Ventile - auf die Straße. Das Ergebnis: vollgetankt 170 Kilo, Scheibenbremse, ordentliches Fahrwerk und satter Bums von unten. Die SR 500 wird ein Volltreffer, der weggeht wie geschnitten Brot und mit behutsamer Modellpflege bis 1999 Yamahas Programm bereichert; denn Retro war schon damals angesagt, das wusste auch Franz-Josef Schermer: "Nicht zuletzt, weil Nostalgie in zeitgerechter Verpackung einen ständig wachsenden Kundenkreis anspricht, können sich die Händler auf die SR 500 freuen."
2187 Mark brutto bringt der Durchschnittsverdiener nach Hause8688 Mark kostet die günstigste 1000-cm³-Maschine: Hondas GL 1000 K31485 Mark im Jahr kostet die Haftpflicht bei 100 Prozent für ein Motorrad zwischen 28 und 50 PS beim günstigsten Versicherer

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Was uns 1978 noch bewegte

19. Januar Im niedersächsischen Emden läuft der letzte VW Käfer aus deutscher Fertigung mit der Fahrgestellnummer 1.182.034.030 vom Band. Und zwar in der Farbe "Dakotabeige".10. Februar Der erfolgreichste Film des Jahres kommt ins Kino: George Lucas‘ "Krieg der Sterne". Am Ende landen "Zwei sind nicht zu bremsen" mit Bud Spencer und Terence Hill und "Grease" mit John Travolta und Olivia Newton-John auf den Plätzen zwei und drei.2. April In den USA strahlt der Fernsehsender CBS die erste Folge der Fernsehserie "Dallas" aus. Die Serie um Fiesling J. R. Ewing wird zur weltweit erfolgreichsten Seifenoper der 80er
Jahre, läuft bis 1991 und umfasst am Ende 357 Folgen. Vorbild für die Serie war der Film "Giganten" mit James Dean.24. April Der Song "Rivers of Babylon" von Boney M. erreicht Platz eins der Charts, hält sich insgesamt 17 Wochen an der Spitze und wird so zur erfolgreichsten Single des Jahres. Meistverkauftes Album des Jahres wird in Deutschland der Soundtrack zum Film "Saturday Night Fever".3. Mai Der DEC-Mitarbeiter Gary Thuerk geht als erster Spammer in die Computer-Geschichte ein. Am 3. Mai schickte er an 400 Benutzer des amerikanischen Arpanet, dem militärischen Teil des heutigen Internets, eine ungebetene Werbemail, mit der er Zubehör für die Minicomputer der "Digital Equipment Corporation" (DEC) anbot. Damit sind die unerwünschten Werbebotschaften bereits 15 Jahre älter als das Internet selbst.8. Mai Reinhold Messner und Peter Habeler erreichen den Gipfel des Mount Everest als erste ohne Sauerstoffgerät. Drei Tage später erklimmt Reinhard Karl, Teilnehmer der gleichen Expedition, als erster Deutscher den Gipfel.3. Juni "Mike The Bike" Hailwood gewinnt auf einer Werks-Ducati 900 SS nach elfjähriger Rennsportpause die Tourist Trophy auf der Isle of Man und wird mit 38 Jahren TT-F1-Weltmeister. Sein Comeback wird jedoch von insgesamt fünf tödlichen Unfällen während der TT überschattet.
19. Juni Garfield, der "fette, faule und philosophische" Kater von Autor Jim Davis, erscheint erstmalig als Comic. Heute ist "Garfield" der am weitesten verbreitete Comicstrip weltweit und treibt in über 2500 Zeitungen sein Unwesen.21. Juni Bei der Fußball-WM in Argentinien erleidet die deutsche Mannschaft als amtierender Weltmeister die "Schmach von Cordoba", sie wird in der zweiten Finalrunde von Österreich mit 3:2 geschlagen. Die Österreicher bezeichnen ihren Triumph als das "Wunder von Cordoba", weil sie nach 40 Jahren die Deutschen erstmals wieder besiegt haben. Das Endspiel gewinnt Argentinien gegen Holland mit 3:1 nach Verlängerung. 26. August Albino Luciani wird zum Nachfolger von Papst Paul VI. gewählt und nimmt den Namen Johannes Paul I. an. Nach nur 33 Tagen im Amt stirbt er. Sein Nachfolger, Karol Wojty?a, geht als Johannes Paul II. in die Geschichte ein. Ein Dreipäpstejahr wie 1978 gab es davor zuletzt 1605. 3. September Sigmund Jähn und Valery Bykowski kehren aus dem Weltraum zurück. Am 26. August starteten die beiden im Rahmen des Interkosmos-Programms zur Raumstation Saljut-6. Damit ist Jähn der erste Deutsche im All. 10. September Beim Grand Prix von Italien in Monza sichert sich Mario Andretti auf Lotus 79 vorzeitig die Formel 1-Weltmeisterschaft. Den Triumph überschattet der Tod seines Freundes und Teamkollegen Ronnie Peterson.18. November In Jonestown, Guyana, befiehlt Jim Jones, der Anführer der US-Sekte "Peoples Temple", seinen Anhängern den Selbstmord. Es ist mit über 900 Opfern der größte Massensuizid der Geschichte. Sektenmitglieder, die sich weigern, den mit Zyankali versetzten Saft zu trinken, werden erschossen. Auch Jones wird mit einer Kugel im Kopf gefunden. Ob er sich selbst umbrachte, ist offen.

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