Sport: Motocross-WM Teutschenthal Ryan könnte Tony schlagen

Die Behauptung, dass die Motocross-Weltmeisterschaft nur noch eine öde KTM-Bühne darstellt, erhielt beim deutschen WM-Lauf in Teutschenthal neue Nahrung. Jeffrey Herlings geißelt die MX2, und Antonio „Tony222“ Cairoli verwaltet den MXGP. Doch der Run brachte auch Überraschendes: US-Superstar Ryan Villopoto liebäugelt mit der Europa-Bühne – und Max Nagl kam stark zurück.

Am Ende des Tages sieht er auf der Siegerehrungsplattform ganz klein aus. KTMs Dauerbrenner Tony Cairoli, der Sizilianer mit der Jockey-Figur, wird als WM-Führender wortwörtlich in die Ecke gedrängt. Auf den erhöhten Plätzen 1, 2 und 3 des MXGP-Podestes stehen der belgische Suzuki-Fahrer Clément Desalle als Tagessieger, der Deutsche Max Nagl (Honda) auf dem Silberplatz und Jeremy van Horebeek (Yamaha), ebenfalls aus Belgien. Der sonst so smart überlegen wirkende Italiener erscheint bei der Siegerzeremonie reichlich deplatziert.

Nicht nur, dass es Buhrufe gibt, als er das sogenannte Red Plate des Meisterschaftsführenden überreicht bekommt. Nein, auch während die japanische Nationalhymne für das Suzuki-Siegermotorrad erklingt, sieht Cairoli blass, alt und abgekämpft aus. Er­leben wir da den nicht mehr für möglich ­gehaltenen Zeitenwechsel in der großen Klasse? Oder liegt es ganz banal nur an der Tatsache, dass der 28-jährige Ausnahmekönner das ganze Wochenende krank herumkrebste und einfach nicht fit war? Halt, stopp! Bevor wir den siebenfachen Weltmeister vielleicht zu schnell verscharren, seien wir uns seiner energiereichen, unaufgeregten Beharrlichkeit bewusst und beleuchten zuvor das große Ganze.

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Die USA macht ihr eigenes Ding

Immer freitags, wenn noch keine Motoren auf der Strecke dröhnen, gibt das Fahrer­lager samt der Umgebung in Teutschenthal schon mal die Stimmung des Wochen­endes preis. Stapft der Ankommende bis dort schon knietief im Schlamm, empfehlen sich für die kommenden zwei Tage besser Gummistiefel. Die heutige Aussicht im Teutschenthaler Talkessel: extrem böig, staubig, leicht frisch, aber heiter bis wolkig. Im Jahr eins nach dem phänomenalen Motocross der Nationen 2013 an selber Stelle und einem Cross-Märchen mit Zuschauerrekord stellen sich alle Wiederkehrenden aber natürlich mit einer Mischung aus vergangener Euphorie und Kater die Frage: Was geht dieses Jahr? Die Entwicklung der Motocross-Weltmeisterschaft dreht jedenfalls munter weiter und spaltet ziemlich unversöhnlich Traditionalisten und Reformer. Die einen möchten Naturrennstrecken, pickepacke volle Starterfelder und günstige Ticket­preise, während die anderen von globaler ­Vermarktung, neuen Märkten, Professiona­lisierung und Fernsehpräsenz referieren. Die Wahrheit stellt sich aktuell ganz einfach dar: exakt dazwischen – und das lässt den Betrachter mit der uralten Frage zurück: Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Vielleicht hilft es, dem nicht so gewieften Motocross-Insider ganz vereinfacht die Grundsätze des Sports näherzubringen. Seit diesem Jahr nennt sich die Topklasse MXGP statt bisher MX1, bleibt aber technisch unverändert. Viertakter bis maximal 450 cm³, Zweitakter bis 250 cm³ möglich, aber im Feld nicht vorhanden, Prototypenreglement. Dazu die MX2 mit Fahrern bis zum Maximalalter von 23 Jahren und einem Viertaktlimit von 250 cm³ und ebenfalls nicht existenten 125-cm³-Zweitaktern. So weit, so einfach – gäbe es da nicht die USA, denn die machen ihr eigenes Ding. Da pappt zwar auf der Sta­dion-Supercross-Serie auch WM-Status, aber das interessiert eh keinen. Und wenn während des europäischen Sommerjahres die Motocross-WM, sprich MXGP läuft, beginnt auf der anderen Seite des großen Teichs die amerikanische AMA Outdoor National Championship.

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Wer stößt den amtierenden Weltmeister vom MXGP-Thron?

Genug der Theorie, denn schnell sind die Europäer auch. Manchmal so schnell, dass sie gar zum Exportartikel reifen. Deutschlands bester, Ken Roczen, räumt bei den Amis derart auf, dass, wenn er noch nicht preisgibt, welches Team er nächstes Jahr wählt, weltweit das Transferkarussell steht. Aber um auch dieses schlecht ge­hütete Geheimnis zu lüften: Er wechselt nach einigen Jahren auf KTM definitiv für 2015 wieder zurück zu Suzuki. Nur: Ken Roczen kommt mit diesem Wechsel natürlich nicht zurück nach Europa. Also steht die Frage im Raum, wer den seit 2009 amtierenden Weltmeister Cairoli vom MXGP-Thron stößt? Vielleicht der franzö­sische Kawasaki-Werksfahrer Gautier Paulin, der sich bis zu seiner Sturzverletzung neben Clément Desalle als stärkste Herausforderer Cairolis behauptete? „Cairoli ist defi­nitiv zu schlagen, wenn man Druck auf ihn ausübt“, gibt er zu Protokoll. „Das habe ich schon bewiesen. Leider hatte ich dieses Jahr zweimal technische Probleme mit einem Steinschlag und miesem Benzin in Thailand. Aber ich beklage mich nicht. Ich drücke dann einfach die Löschtaste im Kopf und fange wieder von vorne an.“ Der ehemalige BMX-Weltmeister reflektiert ausgezeichnet, was in der Szene geschieht. Nur wo er 2015 fährt, möchte er nicht verraten. Das vermeidet auch MX2-Champ Jeffrey Herlings und reagiert gereizt auf die Frage, ob er für KTM nächstes Jahr in die höhere Klasse wechselt, um die Welt nicht weiter mit seiner MX2-Dominanz zu langweilen: „He, ihr vergesst, ich bin 19 Jahre alt. Ich kann noch lange genug Rekorde brechen.“

Gut, aber auch in eigenen Landen haben wir mit Max Nagl noch einen, der Cairoli das Leben schwer machen kann. Da Honda es mit seinem offiziellen HRC-Auftritt gegen KTM offensichtlich ernst meint und für 2015 starkes Personal sucht, wackelt auch der Platz des in Belgien lebenden Bayern erheblich. Aber die Möglichkeit eines frischen Ver­trages und lukrativer Gehaltsschecks scheinen ihn zu beflügeln. Nagl fährt in Teutschenthal wie entfesselt, zeigt famose Starts und erkämpft sich einen nicht er­warteten Laufsieg. Und dann ist da noch einer, den als ­Cairoli-Gegner bisher niemand auf dem Zettel hatte. Ryan Villopoto, aktueller Supercross-Meister und US-Superstar, sammelte in Teutschenthal erste Europa-Eindrücke. Der Ami holte sich zu Motivationszwecken schon Ken Roczen als Sparringpartner. „Das funktioniert gut, denn Ken ist wie ich, unkompliziert und ohne Geheimnisse“, plaudert er aus dem Nähkästchen. „Ich bin schon am Ende meiner Karriere und Ken erst am Anfang“, so der 25-jährige Florida-Boy, Fliegenfischer und bekennende Bierfan. Vielleicht ist da einer angesichts der ­Roczen-Performance bereits auf dem Absprung. Er könne sich eine Zeit in Europa schon vorstellen, so Villopoto. Und Cairoli sei zu schlagen, glänze vor allem durch Konstanz. Na dann an die Arbeit, Ryan!

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