Alpen-Masters 2016: Maschinen aus der Easy-going-Gruppe.

Alpen-Masters 2016, Teil 1: Easy going Easy going

Leicht, niedrig und vor allem superhandlich: Mit den vier Motorrädern aus dieser Gruppe lassen sich selbst die fiesesten Spitzkehren ganz easy umrunden.

Das haben viele in den Alpen schon mal beobachtet: ein ohnehin schon fadendünnes Passsträßchen, dann auch noch eine infame Haarnadelkurve mit annäherndem 180-Grad-Knick. Von oben nähert sich eine mächtige, vollgepackte 1200 XY (Namen eines beliebigen Adventure-Bikes einsetzen). Wegen Gegenverkehrs kann der Fahrer nicht ausholen, bremst, sucht mit dem Fuß auf der schrägen Bahn vergeblich Halt – und schon liegt die Fuhre samt Besatzung auf dem Asphalt wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Sie möchten so etwas lieber nicht am eigenen Leib erfahren? Dann sind Sie hier genau richtig, denn mit den Easy Going-Maschinen kann das nicht passieren. Die vier Zweizylinder von Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha wieseln quietschvergnügt durch die engsten Kurven, garantieren dank niedriger Sitzhöhe auch auf abschüssigem Asphalt sicheren Stand und nehmen selbst die schurkischste aller Spitzkehren noch mit anmutiger Eleganz. Allerdings, das sei von vornherein eingestanden: Schutz vor Wind und Wetter bieten die vier unverkleideten Flitzer nicht, und für die große Dolomiten-Tour mit Sozius und Campinggepäck gibt es sicher geeignetere Motorräder; die meisten unserer Kandidatinnen sind schon mit einem Beifahrer überfordert.

Das gilt besonders für die zwei Vertreterinnen der trendigen 300er-Klasse, also für die Yamaha MT-03 und die Kawasaki Z 300. Beide gibt es schon für rund 5000 Euro, beide setzen auf einen Reihen-Twin und auf eine Leistungsentfaltung, die ständig nach hohen Drehzahlen giert. Dennoch fühlen sich diese so ähnlichen Konzepte im Pässegewusel unterschiedlich an, denn die Yamaha verfügt über das entscheidende Quäntchen mehr Hubraum, Leistung und Drehmoment. Während sich die Kawasaki bergauf ständig am Anschlag bewegt und auf Dauer mit extremen Drehzahlen nervt, bringt die Yamaha in der Mitte des Drehzahlbands mehr Drehmoment zustande, was ihr zu einem besseren Durchzug verhilft und gerade beim Beschleunigen aus Spitzkehren heraus im Vergleich zur Kawa positiv auffällt.

Den objektiven Beweis dafür liefert die MOTORRAD-Durchzugsmessung am Fedaia-Pass. Zähe 13,2 Sekunden braucht die Z 300 im zweiten Gang, bis sie es bergauf von 25 auf 75 km/h schafft, während der MT-03 dafür zehn Sekunden reichen. Okay, auch das ist nicht gerade ein Spitzenwert, aber schließlich geht es hier ja um zwei schmalbrüstige 300er mit nur rund 40 PS und um die 30 Nm Drehmoment, sozusagen die Westentaschen-Formate beim Alpen-Masters.

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Die Motorwertung in diesem Duell entscheidet die Yamaha also klar für sich, und das Gleiche gelingt ihr beim Fahrverhalten. Zwar zirkelt die Kawasaki ebenso lässig und agil selbst durch spitzeste Kehren und prunkt sogar mit der größten Schräglagenfreiheit der Easy Going-Gruppe. Doch Gabel und Federbein der Yamaha wirken etwas komfortabler, ihr Bremsweg bergab fällt unter gleichen Bedingungen kürzer aus, sie überzeugt mit einem guten Druckpunkt bei Bremse und Kupplung. Vor allem aber liefert sie deutlich mehr Rückmeldung, was gerade auf nassen Passstraßen eine vertrauensvolle Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine fördert. Der Hauptschuldige für das schlechtere Abschneiden der Kawasaki ist schnell ausgemacht: die Erstbereifung vom asiatischen Hersteller IRC. Dessen harte, störrische Gummis namens „Roadwinner“ mögen auf geraden Strecken im warmen Thailand funktionieren, doch im anspruchsvollen und tendenziell kalten Hochgebirge zwischen Pordoi, Valparola und Falzàrego führen sie schnurstracks auf die Verliererstraße. Der Kawasaki bleibt daher nur der letzte Rang, mit deutlichem Vorsprung schnappt sich die Yamaha MT-03 den dritten Platz.

Den Wettstreit um den Gruppensieg entscheiden daher zwei Motorräder, die deutlich erwachsenere Maße aufweisen als die beiden 300er: Hondas überarbeiteter Reihen-Twin CB 500 F und Suzukis V-Zweizylinder SV 650, der einst der Gladius weichen musste, diese seit 2016 – natürlich in neuer Aufmachung – nun wieder beerbt. Zu erben gibt es für die SV 650 auch bei den Easy Going-Maschinen einiges, denn ihr kraftvoller 76-PS-Motor sorgt für gute Laune beim Kurventurnen am Alpenreck. Schon der voluminöse V2-Sound betört, doch für den gibt es leider keine Punkte. Umso mehr aber für die gelungene Leistungsentfaltung und das gute Ansprechverhalten: Der 650er ist allzeit voll präsent, bietet selbst für die steilsten Bergpassagen am Pordoi immer genau den richtigen Druck und lechzt ungeduldig nach dem nächsten Gipfelsturm. Auch die Honda überzeugt mit einem lebendigen Antrieb, der gut am Gas hängt, doch richtig Feuer entwickelt ihr 500er-Motor erst ab 5000/min, während die Suzuki schon bei niedrigsten Drehzahlen freudig vorwärtsdrängt. Ein gut abgestimmter V2 ist in den Bergen einfach eine Macht, das bestätigt sich immer wieder.

Wobei die Suzuki nicht nur den temperamentvolleren Antritt hinlegt, sondern auch mit überlegenen Beschleunigungs- und Durchzugswerten glänzt. Ohne nun dem Leistungsfetischismus das Wort reden zu wollen: In der Wunderwelt der Dolomiten, wo sich steile Pässe in schier atemloser Folge aneinanderreihen, machen gerade in der kleinsten Klasse des Alpen-Masters ein paar Pferdestärken mehr tatsächlich den Unterschied zwischen wohligem Behagen und echtem Alpenglück. Wobei im konkreten Fall gar satte 28 PS die Konkurrentinnen trennen: Einsteigertaugliche 48 hat die Honda, ausgewachsene 76 die Suzuki. Das spürt man in jeder einzelnen Sekunde, in der es bergauf geht – und ganz besonders auf den kurzen, leistungshungrigen Geraden zwischen den vielen Spitzkehren. Die Honda braucht dort deutlich länger, um auf Touren zu kommen, wie die Durchzugsmessung bergauf zeigt: 9,2 Sekunden dauert es, bis sie 75 km/h erreicht. Gegenüber der lahmen Kawasaki Z 300 fühlt sich das zwar schon fast feurig an, liegt aber eine halbe Welt von den 5,6 Sekunden der Suzuki entfernt. Da kann sich die CB 500 F mühen, so viel sie will, mit leichtgängiger Kupplung und knackiger Schaltung punkten – der satte Leistungs- und Spaßvorsprung der Suzuki lässt sich so einfach nicht wettmachen.

Noch nicht mal durch das leicht bessere Fahrverhalten. Lenkpräzision, Komfort, Handlichkeit – in vielen Testkriterien schlägt die Honda ein Pünktchen mehr heraus als ihre Konkurrentin, bewältigt den oft unangenehm welligen Untergrund der Dolomitenpässe geschmeidiger als die Suzuki, die zudem bei höheren Drehzahlen mit Vibrationen nervt. Sogar beim Bremstest bergab liegt die Honda vorn, obwohl bei ihr nur eine einzelne Scheibe das Vorderrad verzögert. Insgesamt präsentiert sich ihr Fahrwerk mit der harmonischsten Abstimmung aller vier Maschinen, wenn auch auf generell niedrigem Niveau – in dieser Preisklasse darf man nicht zu viel erwarten. Die Suzuki wirkt im Vergleich zur Honda nicht so gut ausbalanciert, doch ihr knackiger Motor beschert ihr in der Endabrechnung einen überlegenen und letztlich verdienten Sieg.

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Daten Honda und Kawasaki

Hier sehen Sie einen Auszug der technischen Daten. Wenn Sie die kompletten, von uns ermittelten Messwerte inklusive aller Verbrauchs-, Durchzugs- und Beschleunigungswerte möchten, können Sie den Artikel als PDF zum Download kaufen.

Technische Daten Honda CB 500 F (k.A.)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , Reihenmotor
Bohrung/Hub 67,0 / 66,8 mm
Hubraum 471 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,7
Leistung 35,0 kW ( 47,6 PS ) bei 8500 /min
Max. Drehmoment 43 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Brückenrahmen
Federweg vorn/hinten 108 mm / 119 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 320 mm Doppelkolben-Schwimmsattel / 240 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1410 mm
Lenkkopfwinkel 64,5 °
Nachlauf 102 mm
Leergewicht vollgetankt 190 kg
Sitzhöhe 790 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 374 kg
Höchstgeschwindigkeit 175 km/h
Preis
Neupreis 5705 Euro
Technische Daten Kawasaki Z 300 (ER300A)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , Reihenmotor
Bohrung/Hub 62,0 / 49,0 mm
Hubraum 296 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,6
Leistung 29,0 kW ( 39,0 PS ) bei 11000 /min
Max. Drehmoment 27 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Brückenrahmen
Federweg vorn/hinten 120 mm / 132 mm
Reifen 110/70 17 , 140/70 17
Bremse vorn/hinten 290 mm Doppelkolben-Schwimmsattel / 220 mm Doppelkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1405 mm
Lenkkopfwinkel 64,0 °
Nachlauf 82 mm
Leergewicht vollgetankt 170 kg
Sitzhöhe 785 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 350 kg
Höchstgeschwindigkeit 166 km/h
Preis
Neupreis 5195 Euro

Daten Suzuki und Yamaha

 

Hier sehen Sie einen Auszug der technischen Daten. Wenn Sie die kompletten, von uns ermittelten Messwerte inklusive aller Verbrauchs-, Durchzugs- und Beschleunigungswerte möchten, können Sie den Artikel als PDF zum Download kaufen.

Technische Daten Suzuki SV 650 (WVBY)
Modelljahr 2006
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , V-Motor
Bohrung/Hub 81,0 / 62,6 mm
Hubraum 645 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 11,5
Leistung 53,0 kW ( 72,1 PS ) bei 9000 /min
Max. Drehmoment 64 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Brückenrahmen
Federweg vorn/hinten 130 mm / 137 mm
Reifen 120/60 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 290 mm Doppelkolben-Schwimmsättel / 220 mm Zweikolben-Festsattel
ABS Nein
Maße und Gewichte
Radstand 1440 mm
Lenkkopfwinkel 65,0 °
Nachlauf 102 mm
Leergewicht vollgetankt k.A.
Sitzhöhe 800 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 400 kg
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Preis
Neupreis k.A.
Technische Daten Yamaha MT-03 (RM02)
Modelljahr 205
Motor
Zylinderzahl, Bauart 1 , Motor
Bohrung/Hub 100,0 / 84,0 mm
Hubraum 660 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,0
Leistung 33,4 kW ( 45,4 PS ) bei 6000 /min
Max. Drehmoment 56 Nm
Zahl der Gänge Fünfganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Zentralrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend
Federweg vorn/hinten 130 mm / 120 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 298 mm Doppelkolben-Schwimmsättel / 245 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Nein
Maße und Gewichte
Radstand 1420 mm
Lenkkopfwinkel 64,0 °
Nachlauf 97 mm
Leergewicht vollgetankt k.A.
Sitzhöhe 780 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 382 kg
Höchstgeschwindigkeit 160 km/h
Preis
Neupreis k.A.
Foto: www.factstudio.de
Suzuki SV 650.
Suzuki SV 650.

Platz 1: Suzuki SV 650

Plus:

  • kräftiger Gute-Laune-Motor mit linearer Leistungsentfaltung
  • guter Durchzug, erwachsene Beschleunigungswerte
  • Doppelscheibenbremse vorn, Bremshebel einstellbar

Minus:

  • Fahrwerk nicht ganz auf Höhe des Motors
  • trotz großer Zuladung für Beifahrer nicht wirklich komfortabel
Foto: www.factstudio.de
Honda CB 500 F.
Honda CB 500 F.

Platz 2: Honda CB 500 F

Plus:

  • kürzester Bremsweg, gutes ABS
  • anständiges Fahrwerk, gutes Feedback
  • geringster Verbrauch aller Testmaschinen, riesige Reichweite

Minus:

  • nur moderate Durchzugs- und Beschleunigungswerte
  • Display spiegelt stark 
  • Ausleger am Seitenständer kann aufsetzen
Foto: www.factstudio.de
Yamaha MT-03.
Yamaha MT-03.

Platz 3: Yamaha MT-03

Plus:

  • für eine 300er ordentlicher Durchzug
  • agil, sehr handlich und niedrig
  • gutes, vertrauenerweckendes Feedback
  • große Reichweite

Minus:

  • fordert hohe Drehzahlen
  • mickrige Beschleunigungswerte
  • geringe Zuladung
Foto: www.factstudio.de
Kawasaki Z 300.
Kawasaki Z 300.

Platz 4: Kawasaki Z 300

Plus:

  • viel Schräglagenfreiheit
  • 17-Liter-Tank mit großer Reichweite
  • handlich und niedrig

Minus:

  • zu wenig Druck in der Drehzahlmitte
  • hohe Drehzahlen nerven auf Dauer
  • störrische Reifen, wenig Rückmeldung
  • sportliche Sitzposition

Alpen-Masters-Wertung

Wenn Sie die detaillierte MOTORRAD-Punktewertung möchten, können Sie den Artikel als PDF zum Download kaufen.

 

Maximale
Punktzahl
Honda
CB 500 F
Kawasaki
Z 300
Suzuki
SV 650
Yamaha
MT-03
Motor150814810959
Fahrverhalten18011989115106
Alltag10059576252
Komfort7027192528
Gesamtwertung500286213311245
Platzierung2.4.1.3.

MOTORRAD-Fazit

Platz 1 Easy Going: Suzuki SV 650

Der Motor macht’s! Ohne Druck geht in den Bergen nun mal wenig, das gilt für die kleinste Gruppe im Alpen-Masters ganz besonders. Und so holt sich die Suzuki SV 650 mit ihrem starken 76-PS-Motor völlig unangefochten den Gruppensieg. Zwar überzeugt das Fahrverhalten der sorgfältiger verarbeiteten Honda CB 500 F etwas mehr, doch ihr fehlt das muntere Temperament der Suzuki. Und die beiden kleinen 300er-Flitzer? Sind ehrlich gesagt eher was fürs Flachland, auch wenn sich gerade die Yamaha MT-03 tapfer müht und einen Achtungserfolg einfährt.

Foto: jkuenstle.de
In der Regel nicht scharf, aber manchmal doch? Boxen zur Radarkontrolle in den Dolomiten.
In der Regel nicht scharf, aber manchmal doch? Boxen zur Radarkontrolle in den Dolomiten.

Alles Fake – oder?

Radarkontrollen in den Dolomiten. Grelle orangefarbene Kästen säumen im Trentiner Teil der Dolomiten in schier inflationärer Zahl die Straßen. Sie sehen aus wie stationäre Radarkontrollen, und genau das ist wohl auch ihre Aufgabe: die Abschreckung. Stichproben des MOTORRAD-Teams ergaben, dass alle Boxen komplett leer waren. Die örtliche Polizei hat eine andere Erklärung: Das teure Messgerät werde im Rotationsverfahren in den orangenen Kästen eingesetzt. Ob’s stimmt? Einheimische behaupten, die Boxen seien nie geladen, doch genau wissen es auch sie nicht. Und bei Messungen müsse immer ein Polizist danebenstehen. Trotzdem gilt weiterhin: Gas weg bei orangefarbener Blitzgefahr. Ohnehin heißt es in den Alpen: Bitte immer defensiv und rücksichtsvoll fahren!

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