Fahrbericht des selten anzutreffenden Einzylinder-Sportlers Suzuki Goose 350.

Auf Achse mit Suzuki Goose 350 Gans selten

Man muss schon viel Glück haben, um in unseren Gefilden auf eine Suzuki Goose 350 zu treffen. Um so mehr freut es uns, dass wir sogar die Gelegenheit bekamen, die Qualitäten des kleinen Einzylinder-Sportlers in der Tradition von Aermacchi & Co. selbst zu erfahren.

Normalerweise kommen Ange­hö­rige der Familie der Anserinae ja ganz schön rum. Schließlich gehören Gänse zu den Zugvögeln, die auf ihren Flugrouten nicht selten sehr weite Strecken zurücklegen.

Doch eine Gans scheint da ein wenig aus der Rolle gefallen zu sein. Denn von der Suzuki Goose, die ihre Brutstätte im japanischen Hamamatsu hatte, schafften es nur einige wenige bis zu uns. Was vermutlich daran liegen dürfte, dass Suzukis seltener Vogel zur Spezies der Mildgänse gehört. Mit gerade mal 33 PS aus 350 cm³ zählt auch die Goose zum typisch japanischen Motorrad-Kleinvieh, das hierzulande traditionell nicht die besten Lebens­bedingungen vorfindet. Schon gar nicht im Leistungs-verrückten Deutschland der Nachwendezeit, weshalb der deutsche Suzuki-Importeur 1991 ohne viel Feder­lesens entschied, keine Gänseaufzucht zu betreiben.

Anzeige

Höchstmaß an Exklusivität

Was Roland Kappelt gerade recht war. Der Augsburger hatte schon immer ein Herz für seltene Motorrad-Kreationen. In den frühen 1990er-Jahren importierte er auf eigene Faust japanische Zweirad-Spezialitäten, denen die offiziellen Importeure keine Marktchancen einräumten. Und so holte er damals auch eine Suzuki Goose 350 nach Augsburg, die sogar in den Fuhrpark von MOTORRAD flatterte.

Tester Jupp Schmitz nahm sich ihrer dereinst wohlwollend an, erinnerte ihn die Goose doch an die italienischen Kleinkaliber der 60er-Jahre von Aermacchi, Ducati oder Motobi. Deren Revier waren die anspruchsvollen Fahrerstrecken, wo die leichtgewichtigen Davids zum Schrecken leistungsstarker Goliaths wurden. Im Fall der Suzuki musste dieses Vergnügen mit 14 970 Mark jedoch ebenso teuer erkauft werden wie bei einem viermal so starken Supersportler. Das sicherte der Goose 350 hierzulande ein Höchstmaß an Exklusivität. Deshalb freut es mich umso mehr, dass mir Roland die Gelegenheit zu einem Ausflug mit diesem super-seltenen 350er-Eintopf ermöglicht.

Anzeige

ohc-Einzylinder liefert 33 PS

Seine schwarze Goose hat er vor zwei Jahren via Internet in England erstanden und per Spedition nach Augsburg bringen lassen. „Schon damals, als ich mich mit den Japan-Importen befasste, hat mir die Goose richtig gut gefallen. Später wollte ich unbedingt selbst eine haben, die aber so gut sein sollte, dass sich das Aufbewahren lohnt“, erzählt mir der gelernte Elektrotechniker, der längst wieder in seinem Beruf arbeitet. „Nach so einem guten ­Exemplar wie diesem habe ich mehrere Jahre gesucht und sofort zugeschlagen.“

Mit knapp 1300 Kilometern auf dem Tacho ist der kleine Vierventil-Single aus der DR 350 S gerade mal eingefahren. Im Gegensatz zur wohlbekannten Enduro-Variante leistet der ohc-Einzylinder in der Goose dank Flachschiebervergaser und angeschärften Steuerzeiten 33 PS. Ob die wirklich reichen, um die Gans fliegen zu lassen? Allzu groß sind meine Erwartungen nicht, als ich mich auf das spartanisch gepolsterte Sitzbrötchen schwinge, das dem Allerwertesten nur 75 Zentimeter überm Boden ausreichend Platz bietet.

bereits bei 2000 Touren ohne Ruckeln oder Hacken

Wegen der hoch angebrachten Fußrasten stochere ich jedoch erst einmal ins Leere – ja, Gänschen ist wirklich klein! Aber, mit Ausnahme des spitzen Kniewinkels, gar nicht so unbequem, wie es zunächst den Anschein hat. Trotz unterhalb der Gabelbrücke angebrachter Lenkstummel fällt die Haltung recht kommod aus.

Der luftgekühlte Single startet spontan auf Knopfdruck, dem Alu-Topf entweicht aber nur ein dezentes Prötteln – der Vorschalldämpfer unterm Motor leistet ganze Arbeit. Bis das in einem separaten Tank vor dem Motor gebunkerte Öl seine Betriebstemperatur erreicht hat, bleibt Zeit, mit der Goose warm zu werden. Mit dem luftgekühlten Einzylinder habe ich jedoch schon nach ein paar Metern Freundschaft geschlossen, er zieht bereits bei 2000 Touren ohne Ruckeln oder Hacken durch die Stadt – selbst im sechsten Gang, wenn es sein muss! Auch jenseits der City-Limits gibt sich der 350er erfreulich engagiert, sobald die Nadel des Drehzahlmessers die 5000er-Marke passiert. Wenn es flott voran gehen soll, muss allerdings auch der Pilot ein gewisses Engagement an den Tag legen und den relativ kleinvolumigen ­Single mit emsiger Schaltarbeit im exakten Getriebe bei Laune halten. Ab 7000/min zeigt der Kurzhuber dann durchaus sportlichen Biss und dreht willig bis neuneinhalb, akustisch untermalt vom energischen Einzylinder-Trommeln. Ruck, zuck zeigt der Tacho 140 km/h, dann biege ich ins eigentliche Revier der Goose ab.

leicht und unbeschwert

Auf engen, kurvigen Landstraßen läuft die kleine Suzuki nämlich zu großer Form auf. Schon ein Gedanke genügt, und die Goose klappt in Schräglage, ohne dabei einen Anflug von Nervosität zu zeigen. Nervös werden höchstens Big Bike-Treiber, weil sich die Suzuki einfach nicht abschütteln lässt. Ja, dieses federleichte Dahinschwingen, das einem so locker von der Hand geht, ist wirklich ein ganz besonderes Vergnügen, das ich so tatsächlich nicht erwartet hatte.

Von den gar nicht mal so leichten 166 Kilogramm ist jedenfalls nichts zu spüren, die Fahrwerksabstimmung absolut geglückt. Vorn federt eine satt gedämpfte Upside-down-Gabel, hinten versteckt sich ein ebenfalls straff abgestimmtes Zentralfederbein zwischen den Alu-Platten, die zugleich die Schwingenlager aufnehmen. Zusammen mit dem stabilen Gitterrohrgeflecht, den bissigen, tadellos dosierbaren Bremsen und der geglückten Fahrwerksgeometrie ist Suzukis Gänsezüchtern vor 25 Jahren ein tierisch spaßiges Motorrad gelungen, das Kurven-Diskussionen gar nicht erst aufkommen lässt – weil alles so leicht und unbeschwert gelingt!

benannt nach der Gooseneck-Spitz­kehre des TT-Kurses auf der Isle of Man

Gut, die modernen Bridgestones, die Roland extra für diesen Fahrtermin aufgezogen hat, haben sicher auch ihren ­Anteil daran. Ebenso wie die penible Einstellung von Motor und den Fahrwerkskomponenten, Roland schraubt eben „für sein Leben gern“. Mitunter auch ab, wie die im Regal liegenden Soziusrasten und der fehlende rechte Spiegel zeigen: „Ich fahre schon immer nur mit linkem Rückspiegel.“ Abgesehen von den stahlummantelten Bremsleitungen aus England, die HEL passgenau für die Goose anbietet, und Alu-Lenkerstummeln von der GSX-R 600, hat Roland seine Goose, eine „Special-Edition“, im Originalzustand ­belassen. Nur die Alu-Einlagen in den ­Seitendeckeln, die die Gooseneck-Spitz­kehre des TT-Kurses auf der Isle of Man symbolisieren sollen – von der auch der Name der 350er herrührt –, hat Roland schwarz lackieren lassen.

Bei einer kurzen Rast an einem kleinen See lasse ich die Suzuki auf mich ­wirken. Das Heck mit dem integrierten Staufach dürfte für meinen Geschmack zierlicher ausfallen. Und die Schwinge mit der Exzenter-Lagerung der Hinterachse würde ich mir lieber aus Alu wünschen. Ansonsten jedoch wirkt die Goose sehr gefällig, selbst die geschwungenen Gussräder passen prima ins Bild.

Schade, dass Suzuki damals nicht den Mut hatte, die Goose offiziell – dann natürlich zu einem konkurrenzfähigen Preis – anzubieten. Denn auf winkeligen Strecken bietet die 350er mit ihrem munter trommelnden Single und dem Fahrrad-gleichen Handling mehr Unterhaltungswert als so manches Big Bike. Mein Fazit lautet daher: Gans klasse!

 

 

 

Daten Suzuki Goose 350

Motor: Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, eine kettengetriebene, obenliegende Nockenwelle, vier über Gabelkipphebel betätigte Ventile, Bohrung x Hub 79 x 71,2 mm, Hubraum 349 cm³, Verdichtung 9,5:1, ein Mikuni-Vergaser, Ø 40 mm, Leistung 33 PS bei 8000/min
Kraftübertragung: Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Kettenantrieb
Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl mit Schwingenlagerplatten aus Aluminium, Upside-down-Telegabel, Zweiarmschwinge mit über Hebelsystem angelenktem Zentralfederbein, Alu-Gussräder mit Reifen 110/70-17 vorn und 140/70-17 hinten, Scheibenbremse vorn mit Vierkolbensattel, Ø 300 mm, Scheibenbremse hinten mit Zweikolbensattel, Ø 220 mm
Maße und Gewichte: Radstand 1350 mm, Gewicht 166 kg vollgetankt, Tankinhalt 15 l
Fahrleistungen: 0-100 km/h in 7,5 sek, Höchstgeschwindigkeit 156 km/h

 

 

 

Meinung

Roland Kappelt, Besitzer der Suzuki Goose 350

Eines gleich vorweg: Ich bin ein absoluter Suzuki-Fan, bei den Motorrädern lebe ich diese Marke geradezu. So, jetzt kann jeder selbst einschätzen, wie „objektiv“ meine Aussagen zur Goose sind. Denn für mich ist dieser kleine Sportler ein ganz Großer, selbst wenn es die eher zahmen Eckdaten nicht vermuten lassen. Man muss mit ihr eben nur dort spielen, wo auch eine Gilera Saturno oder eine Honda Clubman so richtig in ihrem Element sind. Und ja, mir hat die Goose vom Styling schon immer gefallen. Dass an den Gitterrohrrahmen moderne Komponenten geschraubt wurden, gereicht ihr fahrdynamisch zum Vorteil.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote