BMW Vision Next 100 Flucht in die Zukunft

Die BMW-Gruppe feiert ihr 100-jähriges Jubiläum und macht sich dabei Gedanken um die Mobilität der Zukunft. Ihre weiß-blaue Zweiradvision für übermorgen nennt sie „The Great Escape“ – intelligent, vernetzt, emissionsfrei und unstürzbar. Doch wir können aufatmen: Motorrad fahren wir auch dann noch selbst.

In einer zunehmend digitalisierten Welt ist Motorradfahren das ultimative sinnliche, analoge Erlebnis.“ Edgar Heinrich, Designchef bei BMW Motorrad, hat völlig recht. PC, Tablet, Smartphone, WhatsApp, Facebook, Twitter, E-Mail, Videokonferenz. Ständig online, ständig vernetzt, ständig verfügbar. All das ist innerhalb erstaunlich kurzer Zeit Realität und Normalität geworden. Motorradfahren ist der Gegenentwurf dazu. Draußen, offline, auf der Straße, nicht verfügbar, selbstbestimmt, mit allen Sinnen in der physischen Wirklichkeit. Kein Wunder, dass sich das motorisierte Zweirad nach langen Jahren wieder sichtbar wachsender Beliebtheit erfreut. Doch auch wenn der allgegenwärtige Retro-Trend eher in die Vergangenheit blickt – das Motorrad kann sich den Fragen der Gegenwart und Zukunft, des technologischen Fortschritts nicht entziehen. Das Erdöl ist endlich. Klimaschutz ist Pflicht. Sicherheitsdenken wird wichtiger. Und das autonom fahrende Auto und damit ein tief greifender Wandel der Mobilität im Allgemeinen ist sehr viel näher, als vielen bewusst sein dürfte. All das wirft Fragen auf: Wie wird das Motorrad der Zukunft aussehen? Wie wird es angetrieben? Wie kann es sicherer werden? Wie werden sich die Digitalisierung und die Vernetzung der Maschinen auswirken? Oder ganz allgemein: Wie werden wir in Zukunft Motorrad fahren?

Genau diesen Fragen hat sich BMW Motorrad mit dem „VISION NEXT 100“-Konzept angenommen, das der Hersteller anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der BMW-Gruppe nun in Los Angeles vorgestellt hat. „The Great Escape“ – „die große Flucht“ nennt sich die Vision. Motorradfahren als Flucht aus dem digitalen Alltag, als Refugium analogen Erlebens – das könnte die Zukunft sein. Aber nicht in 100 Jahren, sondern schon in 20 bis 30 Jahren oder vier bis fünf Modellgenerationen. Was Sie hier sehen, ist dennoch weniger als konkreter Ausblick zu verstehen, nicht als die übernächste R 1200 R. „The Great Escape“ ist eher eine Art bestens recherchierter Science-Fiction. Gegenwärtige Trends und Entwicklungen, existierende oder absehbare Technologien werden in die Zukunft projiziert. „Unser Team hat die Gelegenheit genutzt und sich mal so richtig ausgetobt“, freut sich Heinrich. Vieles darf also getrost vage bleiben, durchdachte Spekulation. Fahren kann das Konzeptbike trotzdem. Und fahren, das dürfen wir auch in Zukunft noch selbst. „Das autonom fahrende Motorrad wäre auch völliger Unsinn“, zerstreut Stephan Schaller, Chef von BMW Motorrad, derlei Bedenken. Natürlich fahren wir noch selbst, darum gehts es doch. Dereinst allerdings vollständig beobachtet, vor eigener und fremder Dummheit beschützt von digitalen Helfern. Nochmals Edgar Heinrich: „Die Möglichkeiten der Vernetzung und der Digitalisierung machen unsere Vision des ultimativen Fahrerlebnisses ja überhaupt erst möglich.“

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Was bedeutet das? Fahrer, Maschine und Umwelt sind intelligent miteinander vernetzt, das Motorrad der Zukunft wird unstürzbar sein. Es wird mittels fortschrittlicher Sensorik um Straßenbeschaffenheit und Kurvenverlauf wissen. Auf diesen Informationen basierend wird es erkennen, wenn eine Kurve zu engagiert angegangen wird, dann warnen und schließlich einen Sturz verhindern. Dieses Motorrad wird selbstständig bremsen und lenken können (Kreiselstabilisatoren machen dies möglich, schon der Prototyp balanciert von allein). Und es wird – falls gewünscht oder notwendig – selbstständig beschleunigen können. Von da wäre es wiederum nur ein kleiner Schritt zum autonom fahrenden Zweirad, aber genau darum soll es ja eben nicht gehen. Dezent, im Hintergrund, soll die Assistenz-Armada arbeiten, der Fahrer soll davon nichts spüren, wenn er dies nicht möchte. Aber auch digitale Hilfestellung ist möglich. Einsteiger kann die Maschine an die Hand nehmen, etwa beim Einlenken unterstützen. Profis sollen noch sportlicher unterwegs sein, dank „vorausschauender“ Gyros, die einen extrem schnellen Richtungswechsel ermöglichen. Zum Sicherheitskonzept gehört auch, dass „The Great Escape“ mit anderen Fahrzeugen kommuniziert und von dem (ebenfalls vernetzten) Traktor hinter der Kurve weiß.

Ein solcher hundertprozentiger digitaler Käfig macht Schutzkleidung und Helm theoretisch überflüssig. Statt Zweiteiler könnte der Motorradfahrer der Zukunft modischere Kleidung ohne Protektoren tragen. Auch die wäre intelligent, könnte sich dem Klima anpassen, mit vibrierenden Elementen vor Gefahren warnen oder Navigationshinweise geben. Und statt Helm trüge der Zukunftsbiker den sogenannten Visor. In ihm werden situationsabhängig relevante Informationen eingeblendet. Blickt der Fahrer weit nach vorne, sieht er einen anderen Inhalt, als wenn er direkt vor das Fahrzeug schaut. Im Normalfall aber soll nichts oder gerade das Nötigste zu sehen sein. Pures Fahrerlebnis ohne Helm, ohne Ablenkung, das ist die Kernidee. Falls auch Sie sich fragen, wie es zukünftig wohl um den Schutz vor Starkregen, Insekten oder gar aufgewirbelten Steinchen steht: Das ist für BMW jetzt vielleicht zu kleinlich gedacht und zu kleinlich gefragt.

Foto: BMW
Im Mittelpunkt soll der Mensch und sein Fahrerlebnis stehen.
Im Mittelpunkt soll der Mensch und sein Fahrerlebnis stehen.

Und der Antrieb der Zukunft? Bestimmt elektrisch, oder? Das wiederum ist zu konkret gefragt. Emissionsfrei soll er sein, so viel ist klar, und er wird aussehen wie ein Boxer, denn das liege nun mal in der BMW-DNA. Angedacht ist, dass er seine Form verändern kann, die „Zylinder“ einziehen oder in den Fahrtwind legen, zur Kühlung oder aus aerodynamischen Gründen. Wie er allerdings Leistung erzeugen wird, ist offen. Elektrisch, Wasserstoffzelle, Fluxkompensator – denkbar ist vieles, und wie gesagt, die Vision darf da vage bleiben. Genauso, wie bei der Reifentechnologie der Zukunft. Die Idee ist, dass ein intelligenter Reifen sich in Rücksprache mit dem Fahrzeug auf die jeweilige Fahrsituation anpasst. Nässe? Regenprofil. Kälte? Weichere Mischung. Perfekte Bedingungen? Slick. Ebenfalls wenig konkret, aber hochinteressant, ist die Vision beim Chassis von übermorgen. Statt Rahmen, Gelenken und Federelementen soll der „Flexframe“, ein einteiliges flexibles Monocoque, die Räder führen und deren Kontakt zur Fahrbahn sicherstellen. Er wäre biegsam, je nach Fahrsituation mehr oder weniger, und er bewegte sich beim Lenken mit. Als Reminiszenz an die Vergangenheit greift der Flexframe die Linien des ersten BMW-Motorrads, der R32, auf.

So also sieht die weiß-blaue Vision der zweirädrigen Zukunft aus. Manche dieser Ideen sind sicher noch weit, weit weg, anderes scheint durchaus für die nähere Zukunft denkbar. Dass all das in genau dieser Form kommt, ist unterm Strich natürlich unwahrscheinlich, dafür sind die Entwicklungskorridore der einzelnen Technologien und auch die politischen Entscheidungen der Zukunft zu unvorhersehbar. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Nehmen wir „The Great Escape“ doch einfach mal als das, was es ist: ein mutiger Denkanstoß. Denn dass sich unsere Umwelt in die von BMW skizzierte Richtung entwickelt, steht außer Frage. Motorradfahren muss in der Tat sicherer werden. Man stelle sich einmal vor, das Motorrad würde heute erfunden – es würde niemals eine Zulassung für den Straßenverkehr erhalten. Viel zu gefährlich. Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, ob sich denn ein solches Fahren mit digitalem Netz und doppeltem Boden auf einer Maschine, die unseren Input überhaupt nicht mehr braucht, noch wie Motorradfahren anfühlen kann? Muss das Motorradfahren am Ende nicht auch ein bisschen riskant sein, um echt, um analog zu sein? Über all das und vieles mehr lohnt es sich nachzudenken, und dafür brauchen wir Visionen. So wie diese – von BMW.

Bekleidung

Vision: Wenn das Motorrad der Zukunft unstürzbar ist, entfällt die Notwendigkeit von Schutzkleidung mit Protektoren und Helm. Modisch, leicht und natürlich ebenfalls vernetzt soll die Bekleidung dann sein. Intelligente Materialien schützen je nach Bedarf vor Kälte und Regen. Vibrierende Elemente teilen dem Fahrer etwa mit, wenn die Haftungsgrenze erreicht ist. In der  „Visor“ genannten Brille können Fahrzeugeinstellungen vorgenommen und alle relevanten Informationen angezeigt werden. Oder, wenn nicht erforderlich, gar keine.

Wirklichkeit: Das Head-up-Display im Helm wird wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen, darin dürften sich dann alle möglichen Informationen anzeigen lassen. Die Klimamembran ist Realität, aber Helm und Protektoren sind bis auf Weiteres unverzichtbar.

Sicherheit

Vision: Vernetzt und intelligent soll „The Great Escape“ fahren. Fahrsituation und Umgebung werden durch ausgefeilte Sensorik und Kommunikation mit den (selbstverständlich ebenfalls vernetzten) anderen Verkehrsteilnehmern überwacht. Zu schnell in die Kurve? Das Motorrad bremst aktiv und korrigiert die Linie. Ein unaufmerksamer (Selbst-) Fahrer übersieht einen? Der Rechner bringt einen aus der Gefahrenzone. Aber erst im letzten Moment greift der digitale Kumpel ein, bis dahin entscheidet der Pilot selbst.

Wirklichkeit: Abstandsradar ist in Oberklasse-Autos heute Standard, einige verfügen sogar über (rudimentäre) Selbstfahr-Modi. Für Motorräder ist diese Technologie bislang zu klobig und teuer. Die Kommunikation von Fahrzeug zu Fahrzeug ist technisch ohne Weiteres möglich, es fehlt an einem gemeinsamen Standard. Auch rechtliche Fragen sind noch ungeklärt.

Chassis

Vision: Die Trennung der Funktionalität von Rahmen und Federelementen wird aufgehoben. Stattdessen eine Art einteiliges Monocoque, genannt „Flexframe“. Keine Lager, keine Gelenke. Die variablen Biegeeigenschaften machen Federgabel und Federbein hinfällig. Wird der Lenker bewegt, verformt sich der gesamte Rahmen.

Wirklichkeit: Bislang und bis auf Weiteres besteht ein Motorrad aus einem Rahmen mit Lenkkopf, Schwingenlagerung und separaten Federelementen. Der Motor wird zwar zunehmend als (mit)tragendes Element genutzt, der Trend geht zur Vereinfachung, Baugruppen werden zusammengefasst (z. B. Ducati Panigale). Federbein und Federgabel sind aber unverzichtbar. Telelever, Achsschenkellenkung und andere Fahrwerksalternativen sind nur Spielarten dieses Prinzips.

Reifen

Vision: Ein intelligenter Reifen steht in permanentem Dialog mit dem Großhirn des Motorrads, passt sich an Witterungsbedingungen und Fahrsituation selbstständig an. So könnte sich etwa bei Regen ein spezielles Nässeprofil ausbilden.

Wirklichkeit: Reifen für nahezu alle Bedingungen und Einsatzgebiete sind verfügbar, und die bestehende Technologie deckt, beispielsweise dank Mehrkomponenten-Laufflächen, einen immer weiteren Einsatzbereich ab. Der Fortschritt der Reifentechnologie ist beeindruckend. Aber: Ein Reifen, der während der Fahrt seine Eigenschaften ändert, das ist gewiss die am weitesten entfernte Zukunftsmusik. Vielleicht wird uns die Nanotechnologie irgendwann diese verlockende Möglichkeit bieten?

Antrieb

Vision: Emissionsfrei, denkt BMW vor, lässt aber völlig offen, wie dies konkret gelingen soll. Erkennbar ist, dass dieser Antrieb die klassische Boxerform aufgreift. Auf den Fotos nicht zu sehen: Der Boxer bewegt sich, kann je nach Fahrzustand seine „Flügel“ in den Wind stellen oder einziehen. Der Grund: Aerodynamik und Kühlung.

Wirklichkeit: Seit 100 Jahren ist der Verbrennungsmotor Standard. Er ist nicht ausentwickelt, wird es nie sein. Aber ihn vollkommen emissionsfrei zu bekommen, ist praktisch unmöglich. Naheliegend und schon verfügbar ist der Elektromotor. Der ist allerdings nur dann annähernd emissionsfrei, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien kommt. Auch braucht die Akku- und Ladetechnologie noch viel Entwicklung. Eine Alternative wäre der Wasserstoffantrieb, aber der steckt noch in den Kinderschuhen.

Foto: Yvonne Hertler
Johannes Müller, Redakteur Test und Technik, über die Zukunftsvision von BMW Motorrad.
Johannes Müller, Redakteur Test und Technik, über die Zukunftsvision von BMW Motorrad.

Kommentar

„Es wird Zeit, dass wir endlich mal über die Zukunft reden“

Batmobil, Spielerei, Marketing-Gag – es wäre einfach, diese Zukunftsvision spöttisch abzutun. Und es wäre töricht. Zunächst einmal ist Design Geschmackssache, darüber zu streiten, ist müßig. Wichtiger als das betont futuristische Aussehen der BMW-Studie ist doch ohnehin die Sammlung von Fragen und Ideen, die sich hier verbirgt. Sicher, auch in mir lösen die Zukunftsvisionen vom autonomen Straßenverkehr und Gedanken an SkyNet Befremden aus. Auch ich liebe den Verbrennungsmotor. Und noch mehr liebe ich es, selbstbestimmt, ganz analog, einfach nur Motorrad zu fahren. Nur: Der Straßenverkehr wird im Zuge der digitalen Revolution einen tief greifenden Wandel durchmachen, so oder so. Das können wir jetzt noch ignorieren, aber es ist Fakt. Seien wir doch mal ehrlich: Ins Smartphone versunkene Grünphasenparker sind mittelfristig genauso untragbar wie ungebremst auf Stauenden auflaufende Lkws. Aber wird nicht mit dem allumfassenden digitalen Schutzkäfig auch das essenzielle Freiheitsgefühl auf der Strecke bleiben? Gerade nicht, denkt BMW mit „The Great Escape“ vor. Und ich hoffe, dass sie damit recht haben werden. In München hat man sich die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, was Motorradfahren im Kern bedeutet, und dies dann klug in die Zukunft projiziert. Um dieses Freiheitsgefühl zu bewahren, nur eben in sicher. Ob und wie das möglich ist, werden wir herausfinden. Bis dahin kann es nicht schaden, wenn alle sich Gedanken darüber machen, was die Zukunft bringen wird. Um so besser wird sie vermutlich werden.

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