MotoGP-Krise in Deutschland Deutsche GP-Krise: Keine WM für Bradl? Kein Sachsenring-GP?

Stefan Bradl kam als Moto2-WM-Tabellenführer mit über 50 Punkten Vorsprung zum Heim-GP auf dem Sachsenring vor über 100000 Fans. Im Juli war die deutsche Motorradsport-Welt in bester Ordnung. Inzwischen sind der WM-Titel und der deutsche Motorrad-GP an sich in Gefahr.

Stefan Bradls Vorsprung in der Moto2-WM schmilzt dahin. Und der Aufstieg in die MotoGP-Klasse rückt in weite Ferne.

Während Motorradrennen zum Beispiel in Márquez Heimatland Spanien als Gentleman-Sportart hofiert werden, sind Helden auf zwei Rädern in Deutschland nach wie vor Außenseiter, deren Sport von seinen Gegnern nicht nur wegen seiner Gefahren, sondern auch wegen Umweltbelastung und Ressourcenvergeudung kritisiert wird. Weshalb das Heizungsunternehmen Viessmann, das mit seinen Sponsor-Engagements im Wintersport Ökologie und Nachhaltigkeit propagiert, dem im Raum stehenden MotoGP-Aufstieg vor dem Aragón-GP eine Absage erteilte.
Beim Sachsenring-GP im Juli, als Bradls Teamchef Stefan Kiefer mit Firmenbesitzer Martin Viessmann gutgelaunt auf dem Roller durchs Fahrerlager kurvte, hatte er das Wohlwollen seines wichtigsten Ehrengastes noch als Zusage gedeutet und war in den folgenden Wochen drauf und dran, bei Honda Werksmaschinen zu ordern.
Dass Viessmann am Ende Rücksicht auf die Ansichten seiner Verwaltungsräte und offizielle Unternehmensinteressen als Ganzes nahm, traf Kiefer Racing wie ein Keulenschlag. "Es ist supersuperschade. Das hätten wir nicht gedacht. Bis vor zwei, drei Wochen haben wir an die Option geglaubt, mit Viessmann und Stefan Bradl MotoGP machen zu können", erklärte Kiefer. "Wir akzep-
tieren, dass dieses Projekt aufgrund von
Umwelterwägungen und Stichworten wie Nachhaltigkeit jetzt nicht verwirklicht wurde. Es war eine Unternehmensentscheidung, und ich glaube, dass bei Herrn Dr. Viessmann zwei Herzen in einer Brust schlagen." Dabei muss allerdings die Frage erlaubt sein, was der äußerst energieverzehrende Unterhalt einer Bob- und Rodelbahn mit Nachhaltigkeit zu tun hat.
Für Moto2 gibt es von der Viessmann-Gruppe freilich weiterhin grünes Licht. "Der Unterschied ist, dass man in der Formel 1 des Motorradsports mehr im Fokus steht. Das will man bei Viessmann vermeiden, um kein falsches Image zu bekommen", so Kiefer weiter. "Wir haben uns bereits darauf eingestellt, auch nächstes Jahr Moto2 zu fahren und hoffen, dass Stefan bei uns bleiben wird."
So lapidar die Nachbemerkung auch klang, brisanter könnte die Situation des Kiefer-Rennstalls derzeit nicht sein. Erst kam das unsanfte Erwachen aus dem Traum, in die MotoGP-Klasse aufsteigen zu können. Dann nahm das GP-Auswahlkomitee dem Team einen der beiden Startplätze weg - laut einem anderen Manager "als Strafaktion" dafür, dass die Kiefer-Brüder ihren bisherigen zweiten Platz an den Züricher Randy Krummenacher und dessen Struktur vermietet hatten. Falls jetzt auch noch Kiefer-Star Bradl abwandern sollte, ist das Team um Jahre seiner Entwicklung zurückgeworfen, weshalb die Kiefer-Brüder derzeit nur hoffen können, dass Stefan Bradl am Jahresende dem Lockruf des Geldes konkurrierender Rennställe widersteht.
Nach Fragen zu seiner Zukunft war Bradl in Aragón verständlicherweise nicht zumute. Denn wie bei Márquez im Positiven derzeit alles zusammenpasst, entspricht es dem Rückschlag der MotoGP-Absage, dass sich Stefan Bradls Hinterreifen im Rennen auf der Felge drehte und heftige Vibrationen auslöste. Stark gestartet und in der Anfangsphase immer wieder in Führung, drehte Bradl irritiert den Kopf in Richtung Hinterrad und begann gnadenlos zurückzufallen, bis auf den achten Platz. "Es tut mir leid für ihn. Dass er mit stumpfen Waffen antreten muss, hat Bradl nicht verdient", erklärte selbst Márquez-Fan Alex Crivillé, 500-cm³-Exweltmeister und spanischer TV-Kommentator.
Denn eins hat Bradl mit Márquez gemeinsam - die Tapferkeit. "Jetzt habe ich halt nur noch sechs Punkte Vorsprung. Aber ich mache mit gleichem Einsatz weiter - und werde im nächsten Rennen wieder alles geben", kündigte er an. fk

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