Schon gefahren: MV Agusta Brutale 800 Die MV Agusta Brutale im Test

Schön, schnell und radikal: MV stockt den Hubraum der Brutale 675 auf und verpasst ihr ein voll einstellbares Fahrwerk. Das rockt gewaltig.

Foto: Jahn

Ausgeglichenheit war noch nie  die Stärke italienischen Motorradbaus. Schon gar nicht bei MV Agusta. Das gilt ganz besonders für den jüngsten Spross aus Varese, die Brutale 800. Sie sucht noch stärker die Extreme als ihre kleine 675er-Schwester, auf der sie basiert. Beiden gleich sind die Komponenten Rahmen, Sitzbank, Lenker, Einarmschwinge, Tank, Beleuchtung und Instrumente – kurzum: Sie sehen scharf aus.

Attraktiv auch der rauchige Motorklang, der unschwer den Dreizylinder erkennen lässt. Weiteres Erkennungsmerkmal: die schon im Drehzahlkeller reichlich vorhandene Kraft. Bei 6000 Umdrehungen zuckt die MV dann kurz mit dem Bizeps, haut dir bei 8000/min leistungsmäßig eine in die Fresse. Stellt die Fuhre ohne Anmoderation aufs Hinterrad, fordert volle Konzentration. Der Grund dafür liegt nicht nur in der Macht des Motors, sondern bedauerlicherweise auch am mies abgestimmten Ride-by-Wire. Die Kommunikation zwischen Gasgriff und elektronisch gesteuerten Drosselklappen gelingt nur verzögert, so, als würde man mitten … im Satz eine Gesprächspause einlegen. Zuerst kommt nichts, man dreht das Gas weiter auf, und hoppla – da ist sie ja, die Leistung! Bummeln mit diesem Antrieb? Geht nicht.

Kurvenswingen erfordert ähnlichen Einsatz. Zwar lässt sich die Brutale extrem handlich bewegen, wenn’s drauf ankommt blitzschnell umlegen und Kurskorrekturen können noch in letzter Sekunde bewerkstelligt werden. Doch macht sie das auch zum nervösen Tier. Ein Zucken am Lenker und die Linie ist dahin, vor allem, wenn in Schräglage Bodenwellen das Fahrwerk herausfordern – nicht nur dann gibt sich das harte Federbein bockig. Immerhin lässt sich viel mit den Einstellmöglichkeiten des Fahrwerks herumexperimentieren, abstellen lässt sich die Disharmonie zwischen komfortabler Front und unnachgiebigem Heck nicht.

Bei der Gasannahme kristallisierte sich von den vier wählbaren Mappings der Sport-Modus als umgänglichster heraus, unbrauchbar hingegen die Option Rain: Man meinte fast, ein Defekt läge vor, so ruckelig und zeitversetzt geht der Drilling dann ans Gas. So radikal und schön die MV auch ist, so kapriziös ist der Umgang mit ihr. Brächte man ihr ein wenig Manieren bei, gar nicht auszudenken wäre ihr Erfolg.

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Foto: Jahn

Daten, Fakten und Kurzurteil

Die Daten*

MotorDreizylinder-Viertakt/Reihe
Hubraum798 cm³
KraftübertragungSechsganggetriebe/Kette
Leistung92 kW (125 PS) bei 11 600/min
Max. Drehmoment81 Nm bei 8600/min
Bremse vornDoppelscheibe (Ø 320 mm)
Bremse hintenScheibe (Ø 220 mm)
Reifen vorn120/70 ZR 17
Reifen hinten180/55 ZR 17
Federweg vorn/hinten125/125 mm
Tankinhalt16,6 Liter
FarbenGrau, Rot, Weiß
Wartungsintervalle6000 km
Preis1 290 Euro plus Nebenkosten

Die Messwerte

Höchstgeschwindigkeit*245 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h3,5 sek
Durchzug 60−140 km/h6,3 sek
Gewicht vollgetankt186 kg
Zuladung178 kg
Verbrauch Landstraße6,1 l/100 km

*Werksangabe

Maße und Gewicht

Sitzhöhe810 mm
Radstand1380 mm
Gewicht186 kg

Kurzurteil

Stärken:
+ Phänomenaler Durchzug
+ Schön leicht
+ Lässt sich spielerisch von einer Ecke in die andere werfen
+ Voll einstellbare Federelemente
+ Scharfer Sound
+ Supersportliche Fahrleistungen

Schwächen:
- Relativ hoher Verbrauch
- Maue Zuladung
- Unausgeglichenes Fahrwerk
- Relaxtes Touren gelingt kaum
- Mangelhaftes Ride-by-Wire

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Foto: Jahn

Abschlusszeugnis

In der Stadt
Egal in welcher Stadt und egal wo Sie sich dort mit der Brutale bewegen, immerzu zieht sie die Leute an. Kein Wunder bei dem Design. Die Kehrseite erlebt man im Verkehr: viel Gas-auf und Gas-zu kostet wegen des verzögerten Leistungseinsatzes Nerven. Ihr leichtfüßiges Handling indes begeistert.

Auf der Landstraße
Die Paradedisziplin radikaler Naked Bikes wird für die Brutale leider nicht zum Heimspiel. Stets muss man zu 110 Prozent bei der Sache sein, um den enormen (zeitversetzten) Schub zu beherrschen. Ihre hohe Wendigkeit geht zu
Lasten der Stabilität, nervös reagiert die MV auf kleinste Bewegungen am Lenker.

Auf der Autobahn
Die angegebene Höchstgeschwindigkeit glaubt man der Italienerin gern. Nur wer möchte sie freiwillig auskosten? Beim dann enormen Winddruck wird die Fahrt zum Drahtseilakt, zumal sich die MV nicht rühmen kann, besonders stabil geradeaus zu fahren. Leistungsmäßig bietet der Motor hier jedoch einen Kick.

 

Motor
Brutal, und zwar in jeder Hinsicht. Brillante Fahrleistungen, miserable Gasannahme und ein Verbrauch
 deutlich überm Durchschnitt.
4 von 5 Sternen

Fahrwerk
Vermutlich schwierig, ein noch handlicheres Motorrad zu finden. Es mangelt jedoch an Rückmeldung, Stabilität
und Lenkverhalten. Nachbessern!
2 von 5 Sternen

Bremsen
Zugegeben: Es existieren noch bessere. Doch an Wirkung und Dosierbarkeit gibt es nichts auszusetzen, ABS
ist erst zum Herbst geplant.
4 von 5 Sternen

Ausstattung
Ride-by-Wire, Traktionskontrolle,
verschiedene Mappings, Edelstahlauspuffanlage, justierbares Fahrwerk: Diese MV Agusta bietet viel fürs Geld.
5 von 5 Sternen

Komfort
Sogar Piloten über 1,90 Meter passen auf die Brutale. Das zappelige Fahrwerk und die ruckelige Gasannahme verursachen jedoch Stress.
3 von 5 Sternen

Einsteigertauglichkeit
So gern wir sie empfehlen würden,
es geht nicht. Ihr eigenwilliges Verhalten erfordert kundige Führung und keinen schreckhaften Neuling.
1 von 5 Sternen

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