Leben: Enduro-Marathon Novemberkåsan - das härteste Endurorennen

Schwedische Wälder im November: Schlamm, Regen, Schnee, Steine und Baumwurzeln. Bodenloser Morast, tiefste Nacht, undurchdringliches Gestrüpp. Nichts für Schwächlinge, denn entbehrungsreicher kann Motorradfahren kaum sein: Der traditionsbeladene Offroad-Wettbewerb Novemberkåsan gilt seit fast 100 Jahren als das härteste Endurorennen der Welt.

Dreck verkleistert die Brille. Schon wieder versinkt das Vorderrad in einem bodenlosen Schlammloch. Nicht immer hilft Vollgas. Die Enduro schleudert, verliert Traktion, wischt nur um Zentimeter an Bäumen vorbei, knallt auf Wurzeln und Steine, versetzt unberechenbar. Das Hirn des Fahrers wird weich von all den Schlägen, seine Muskeln sind sauer, wild bockt der Lenker. In tiefster Nacht kann der Pilot den schmalen Pfad vor sich nur ahnen. Tausende Löcher, Rinnen und Bäume wollen ihn vom Kurs abbringen. Zweige streifen den Helm, Schlamm dringt in Mund und Nase, doch seit Stunden hält er die Konzentration und sein Motorrad halbwegs in der Spur.

Schweden ist ein Land mit besonderen Traditionen. Eine davon ist der Endurosport. Er hat Generationen von Weltklassefahrern hervorgebracht, die neben fahrerischem Können, Kraft und Kondition auch Schraubertalent mitbringen mussten. Endurorennen an sich sind schon eine harte Prüfung, wenn die Etappen aber besonders lang werden und noch Nachtfahrten dazukommen, ergibt sich die brutalste Herausforderung, der sich ein Motorradfahrer stellen kann. Das ist der schwedische Novemberkåsan. Im Volksmund nennt man das berühmte Rennen einfach „Kåsan” (Den Buchstaben „a” mit dem kleinen Ring darüber spricht man wie ein langes ooo). Hier zeigt sich, wer Durchhaltevermögen hat und das Motorradfahren beherrscht. Und das ist schon lange so, sehr lange.

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Foto: Lundgren
Die Zuschauer wissen, wo die beste Action zu finden ist.
Die Zuschauer wissen, wo die beste Action zu finden ist.

Premiere im Jahr 1915

Erstmals wurde der Novemberkåsan 1915 ausgetragen. Was bedeutet, dass man 2015 in Trollhättan ein Jubiläum feiern wird. Nur wenige Male fiel das Rennen seit 1915 aus: 1917 und 1918 sowie von 1939 bis 1945 als Folge der Weltkriege. Aus heute unbekannten Gründen fand das Rennen auch 1948 nicht statt. 1967 fiel es aus, weil in diesem Jahr die Umstellung auf Rechtsverkehr eine nationale Krise heraufbeschwor. Im Jahre 1925 zog ein Schneesturm über Mittelschweden und versperrte die meisten Straßen. Deshalb wurde die Strecke gekürzt. Trotzdem kam nur ein einziger Teilnehmer ins Ziel: Erik Sagström. Die Rennleitung sah sich gezwungen, die Veranstaltung für nichtig zu erklären, der Sieg wurde Herrn Sagström aberkannt. Dennoch bleibt er einer der fast mythischen Helden des Rennens.

Kommen wir ins Jahr 2013: Vor rund zwei Monaten, am 23. und 24. November, wurde in Eksjö die 89. Veranstaltung ausgetragen. Wie in jedem Jahr zogen auch diesmal Zuschauer in erstaunlich großen Mengen in die kalten, matschigen Wälder. Etwa zehn Vereine wechseln sich als Veranstalter ab, und deshalb variiert die Strecke von Jahr zu Jahr. Was konstant bleibt, ist die Tatsache, dass die Zahl der Teilnehmer nie besonders groß ist. Der Grund liegt in der enormen Schwierigkeit, das Ziel überhaupt zu erreichen. Es gibt Enduroweltmeister, die dem Sieg beim Novemberkåsan höhere Bedeutung beimessen als ihren WM-Titeln!

Im Laufe der fast 100 Jahre haben sich die technischen Voraussetzungen drastisch geändert. Je besser die Motorräder wurden, desto schwieriger legte man die Strecke aus. Echte Spezialisten reden von „alten Zeiten“ und „modernen Zeiten“.

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Foto: Lundgren
Rolf Tibblin wählt hier 1964 nicht die beste Spur, gewinnt trotzdem zum fünften Mal in Folge.
Rolf Tibblin wählt hier 1964 nicht die beste Spur, gewinnt trotzdem zum fünften Mal in Folge.

Es folgten viele Änderungen

Früher, in den alten Zeiten, fuhr man auf Idealzeit: Für die verschiedenen Strecken wurde die Zeit pro Minute gezählt. Wer ohne Strafpunkte ins Ziel kam, hatte einen „Nuller“. Geteilte Siege waren daher nicht unbekannt. Allein im Jahre 1922 wurden 19 Sieger ausgerufen! Mit den Jahren wurde die Idealzeit gekürzt, die Siege gingen immer häufiger nur an einen Fahrer. Das Terrain für Sonder-prüfungen wurde schwieriger, Schotterpisten und Pfade ersetzte man durch wildesten Wald. Ab 1972 wurde die Zeitnahme für die Sonderprüfungen auf Sekunden umgestellt, und ab 1976 gab es für die gleichen Strecken keine Idealzeit mehr.

Zu den größten Helden der Kåsan-Geschichte zählt Svenerik Jönsson. „Jösse“ fuhr seinen ersten Sieg im ruhmreichen Rennen von 1981 ein. Das war der Anfang einer fantastischen Karriere, oder wie soll man 500 Siege in verschiedenen Endurorennen sonst bezeichnen? Dazu kommen mehrere schwedische und europäische Meisterschaften plus zwei WM-Titel (1991 und 1993). Dreimal fiel Jösse beim Kåsan in Führung liegend mit technischen Problemen aus. Neunmal kam er ins Ziel, einmal als Dritter, zweimal als Zweiter und sechsmal als Sieger (1981 bis 1991)!

Oft ist der Novemberkåsan eine rein schwedische Veranstaltung. Nur viermal konnten ausländische Fahrer einen Sieg erringen. Der Erste war der Finne Otto Brandt (1929), gefolgt von dem Dänen ­Josef Koch (1947). Der Finne Mika Ahola gewann zwei Jahre, 1993 und 1998. Sein erster Sieg gelang ihm mit einer 125er. Eine Heldentat, die der schwedische Haudegen Steve Tell auf einer 125er-Husqvarna bereits 1979 als Erster vollbracht hatte. Hart war auch Rolf Gülich: 1929 siegte er mit 17 Jahren das erste Mal in Örebro, anschließend fuhr er 80 Jahre lang Motorradrennen, bevor er 2010 mit 98 Jahren starb.

Foto: Lundgren
Hier zeigt sich, wer Durchhaltevermögen hat und das Motorradfahren beherrscht.
Hier zeigt sich, wer Durchhaltevermögen hat und das Motorradfahren beherrscht.

Kaum ausländische Teilnehmer

Kleine Randnotiz: Vor Jahren brüstete sich ein Fahrer in Endurokreisen damit, dass er 1996 in Uppsala einen Kåsan vollendet hätte. Ein Besserwisser wusste Bescheid: „Das war der leichte Kåsan, als 50 Fahrer ins Ziel kamen!“ Darauf sagte der sonst schweigsame Jösse nur einen Satz, der die vorlaute Runde sprachlos machte: „Es gibt keinen leichten Kåsan!“

Heute startet das Rennen mit den Tagesetappen und vier bis sechs Sonderprüfungen. Die Schnellsten brauchen dafür vier bis fünf Stunden. Danach folgen die dunklen Etappen, abends und nachts, mit zehn bis 15 integrierten Sonderprüfungen. Für Spitzenfahrer bedeutet das acht bis zwölf Stunden Fahrzeit. Wenn die langsameren ins Ziel kommen, ist es schon wieder hell! Die Gesamtstrecke beträgt 350 bis 450 Kilometer, und zwischen den Sonderprüfungen hat der Fahrer fünf bis 15 Minuten Zeit zum Schrauben.

Gastgeber des 2013er-Rennens war Eksjö in der Provinz Småland, die auch durch Astrid Lindgren bekannt ist. Oder durch den jährlichen Ränneslätt-Lauf im Sommer, an dem mehr als 2000 Endurofahrer teilnehmen. Auf dem diesjährigen Kåsan herrschten Temperaturen knapp unter null, aber es gab wenig Schnee, dafür viel Morast. Es war ein hartes Rennen, trotzdem kamen von knapp 200 Fahrern 72 ins Ziel. Das geht als hohe Prozentzahl in die Geschichte ein. Gesamtsieger wurde der WM-Star Joakim „Jocke” Ljunggren, der hier seinen fünften Sieg im Novemberkåsan feierte und damit zu einem der erfolgreichsten Fahrer der Kåsan-Historie wurde!

Einziger deutscher Teilnehmer 2013 war Robert Richter vom MSC Wechselburg auf einer Beta RR 300. Die Tagesetappe schaffte er, musste aber nachts nach einigen Sonderprüfungen aufgeben. Schade, dass sich nicht mehr Deutsche trauen, nach Schweden zu kommen, zum härtesten Endurorennen aller Zeiten!

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