Sport: Erlebnis Endurance-WM in Oschersleben Devise Durchhalten

Seit die Motorsport Arena in Oschersleben existiert, gibt es auch die German Speedweek. Mit der Vergabe des WM-Status an das seit 17 Jahren stattfindende Langstreckenrennen erhielt sie ihren Ritterschlag. Für Sportler, Organisatoren und Zuschauer gilt gleichermaßen: Langer Atem ist gefragt.

Bratwurstqualm steigt in die Luft, ­eine weiße Wolke verbreitet den Geruch von echter Holzkohle. Auf dem Rost färbt sich das Gehackte im Naturdarm langsam in ein leckeres Goldbraun. Nur einen Schritt weiter schlängelt sich braun-gelb-gestreiftes Softeis aus dem röchelnden Automaten in die drei verschiedenen Größen von Waffelbechern. Wer es schneller mag, für den gibt es einen Coffee to go. Suzuki hat seinen Claim mit einer ­riesigen, aufblasbaren Zeltburg abgesteckt. Die Auflieger von Yamaha, Honda, Suzuki, Kawasaki, Aprilia, Ducati und Co parken sauber aufgereiht vor den Boxen. Dazwischen wird geköchelt, gebraten, gedünstet, geschmiert oder geschlafen.

Es ist Speedweek-Zeit. Die Zeit des Kult-Wochenendes in der Motorsport Arena von Oschersleben, die ihre Besucher im Ort mit dem Transparent „Biker welcome“ empfängt. Mitten in der Magdeburger Börde, so ziemlich genau in der Mitte zwischen Hannover und Berlin. Wenn Speedweek-Zeit ist, dann steppt auf der Rennstrecke der Bär. Eine Woche lang wird Vollgas gegeben. Seit 16 Jahren wird hier auch der einzige Deutschland-Lauf zur FIM Endurance-WM ausgetragen. Zuerst war es ein 24-Stunden-Rennen. Mittlerweile tickt der Zeiger nur noch achtmal im Kreis um die Uhr.

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Skurrile Geschichten

Endurance ist französisch und heißt auf Deutsch Ausdauer. Anders gesagt: Eine Runde nach der anderen wird abgespult. Mensch und Maschine laufen am Limit. Ein Boxenstopp dauert nicht viel länger als in der Formel 1, aber inklusive Fahrerwechsel. Drei Fahrer bilden ein Team. Wenn einer stürzt, muss er das Motorrad aus eigener Kraft zurück in die Box bringen, das ist Gesetz. Es wird gekämpft bis zum Umfallen. In der Nacht, wenn sich der Streckenrand im Scheinwerferlicht aufzulösen beginnt. Im Morgengrauen, wenn der Tau über die ­Wiesen steigt. Am Tag, wenn die Zuschauer wieder aus den Zelten und Wohnwagen herauskriechen und Leben auf den Tribünen einzieht. Es geht Runde um Runde, Stunde für Stunde. Und immer wieder passieren bei der Endurance-WM Geschichten, die so skurril sind, dass man sie nicht einmal mit größter Fantasie erfinden könnte.

Der Brüller, der bis heute die Nummer eins ist: 2002 stürzte mitten in der Nacht ein Fahrer des Mille Racing-Teams. Statt sein Motorrad vorschriftsmäßig zu Fuß an die Box zurückzuschieben, wich er heimlich auf den ­Rettungsweg aus, der parallel zur Strecke verläuft und kurz vor der Zielkurve rechts abbiegt. Damit rechnete der gute Mann ­allerdings nicht. Mit vollem Speed, laut Datarecording müssen es 296 km/h gewesen sein, donnerte er weiter geradeaus – genau in einen Teich. Und weg war er. Pech: Sein rechtes Bein war zwischen Tank und Böschung eingeklemmt. Zum Glück musste Streckensprecher Tommy Deitenbach damals zur Toilette und begab sich dabei auf die eigene Keramik im Wohnmobil, das im Infield in Teichnähe parkte. Als er durchs Fenster lugte, fiel ihm draußen ein Scheinwerferstrahl auf, der da nicht hingehörte. Und dann hörte er auch die Hilferufe des verzweifelten Italieners. Ein herbeigerufener Suchtrupp rettete ihn schließlich aus dem stinkenden Morast, und die mit Algen und Schlamm verhängte Aprilia wurde auch geborgen. Völlig irre: Ein Druck auf den Startknopf – und die Mille lief wieder. Ins Rennen kehrte sie zwar nicht mehr ­zurück, aber einen Preis bekam das Team bei der Siegerehrung trotzdem: Schwimmflügel und Rettungsring.

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Vom 24-Stunden-Rennen zur Acht-Stunden-Kurz­version

Ein Rennen über 24 Stunden, das ist die ultimative Distanz und der Mythos Langstrecke. Zur ersten German Speedweek 1998 traten 27 Teams an, heutzutage sind es um die 40. Obwohl nur noch acht Stunden gefahren wird. Aber es geht nicht anders. Die volle Packung kann sich außer Frankreich, dem Mutterland der Langstrecke, niemand mehr leisten. Doch die Idee, in Deutschland ein Pendant aus der Taufe zu heben und zu pflegen, lebt. Entstanden auf den Schultern von Seitenwagen-Ikone Ralph Bohnhorst, Arena-Geschäftsführer Peter Rumpfkeil und Langstrecken-Spezi Ottmar Bange. Dabei war die Crew vor drei Jahren kurz davor, alles hinzuschmeißen. „Wir waren uns nicht sicher, ob wir das Ganze weiter durchziehen sollen oder nicht“, blickt Bohnhorst zurück. „Die Kosten haben uns aufgefressen, die Talsohle war erreicht.“ Ursache: Schon bei den legendären 24-Stunden-Rennen waren die Besucherzahlen von einst 30 000 Bikern auf die Hälfte geschrumpft. Der allgemein im Motorsport zu beobachtende Zuschauerrückgang schlug auch in der ohnehin abgelegenen Region zu. Der totale Einbruch folgte schließ­lich bei der Acht-Stunden-Kurz­version, die nicht zuletzt auch deshalb ­nötig wurde, um die Lärmbelästigung der näheren Anwohner einzudämmen.

Es half nur eines, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen: Kosten reduzieren. Die Fahrgeschäfte auf dem Partyareal verschwanden genauso wie die große Leinwand. So richtig mitbekommen oder vermisst hat das niemand, nur im Geldsäckel macht sich das schwer bemerkbar. Im ­Gegensatz zu den 24-Stunden-Rennen sind bei den Acht-Stunden-Veranstaltungen auch keine zwei Personalschichten notwendig. Und das Preisgeld, bei 24 Stunden werden um die 50 000 Euro aufgerufen, ist entsprechend angepasst. „Alles Sachen, die immer keiner sieht“, sagt Ralph „Bohni“ Bohnhorst. „Klar hängt unser Herz an den 24 Stunden, das ist unser Baby. Nur, aus sachlichen Gründen kriegen wir so ein Projekt nicht gebacken. Dafür müssten wir 20 000 zahlende Zuschauer mehr haben. Der Motorsport wurde hochgezüchtet und wir haben den Knall gehört. Aber wir haben die Kurve gekriegt und stehen jetzt auf gesunden Füßen. Die Langstrecken-WM ist unser Aushängeschild, und das lassen wir nicht sterben.“ Was bei allen Beteiligten durchweg positiv ankommt.

Auch im renommierten Bolliger-Kawasaki-Team aus der Schweiz, das zur FIM Endurance-WM gehört wie das Feuer zur Flamme, ist man sich einig: „Das Ding geht so in Ordnung. Wir müssen nicht aus­schließ­lich 24 Stunden fahren. Das passt schon.“ Für die deutschen Teams, die nicht die komplette WM fahren, sondern nur die Oschersleben-Runde, reichen die acht Stunden ohnehin. Steve Mizera, der für BMW ein Versuchsbike um die Ecken trieb, war auch nach 480 Minuten und 275 Runden über 3,667 Kilometer platt wie eine Flunder, obwohl er nicht in die Kategorie Weichei fällt.
Es ist fast schon wieder wie früher, nur ein bisschen kleiner. Nachts liegen sich alle in den Armen, und es wird gefeiert. Das Grinsen in den Gesichtern ist so breit wie ein paar Fans vor der Bierbude. Ja, in Oschersleben wird die Langstrecken-WM aus vollstem Herzen gelebt. Hinter den Kulissen macht die Runde, dass auch die FIM daran interessiert sei, das Baby prestigeträchtiger zu machen. Sogar von Live-Übertragungen im Fernsehen ist die Rede. Die Biker sind willkommen.

IDM Supersport 600

Pingpong-Spiel

Auch die Supersport 600-Piloten aus der Superbike*IDM rollten im Rahmen der 17. German Speedweek an den Start. Es ging um die letzte Entscheidung vor dem Finale in Hockenheim vom 19. bis 22. September 2014. Enger hätte das Ergebnis nicht aus­fallen können. Ein einziger Meisterschaftspunkt trennt die beiden Titelfavoriten ­Marvin Fritz (Yamaha) und Roman Stamm (Kawa­saki) nun voneinander. Wobei der Schwei­zer mit vier Punkten Vorsprung nach Oschersleben kam und auf dem Heimweg einen Punkt Rückstand hatte. Fritz war indessen das Glück hold. Er presste sich im ­ersten Lauf zügig an Gastfahrer Florian Alt vorbei, der normalerweise in der Spanischen Moto2-Meisterschaft unterwegs ist. Stamm dagegen wurde von Alt in einen Zweikampf verstrickt. Bis er vorbeikam, war der Zug nach ganz vorne abgefahren. Der zweite Lauf wurde noch in der ersten Runde ­abgebrochen. Der Schweizer Christian van Gun­ten, Tatu Lauslehto aus Finnland sowie der deutsche Gastfahrer David Schmidt waren schwer gestürzt, erlitten aber keine lebensgefährlichen Verletzungen. Einen Neu­start gab es nicht.
Vor dem Hockenheim-Finale müssen jetzt nur noch einmal die Klassen Superbike/Superstock 1000 ran. Ihr Auftritt im Rahmen der DTM vom 12. bis 14. September auf dem Lausitzring ist gleichzeitig eine Premiere. Erstmals trifft Deutschlands höchste Motorrad-Straßenrennsportklasse bei einem Event auf Vierräder.

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