Museum PS.Speicher Gut gelagert

Von einer riesigen Sammlung deutscher Motorräder, der Kornkammer einer Fachwerk-Stadt, einem edlen Stifter – und vom Wunder, das alles zusammenbrachte: Hurra, der PS.Speicher in Einbeck hat eröffnet!

Es hätte alles ganz anders kommen sollen. Nach dem Willen Karl-Heinz Rehkopfs nämlich. Der 77-jährige Unternehmer hatte zwar verfügt, die von ihm zusammengetragene Motorradsammlung sei der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, allerdings erst nach seinem Tod. Dieses Detail jedoch missfiel den Testamentsverwaltern, denn Rehkopf würde keine Normgarage hinterlassen, gefüllt mit mehr oder weniger klassischem Schrott. Sondern gut 1000 fast durchweg fahrbereite Zwei-, Drei- und Vierräder überwiegend deutscher Herkunft, zusammengetragen in 50 Jahren entschlossener Sammelleidenschaft. Die Herren witterten Komplikationen, verwiesen auf den rüstigen Gesundheitszustand des zukünftig Verstorbenen, seine Schaffensfreude im Allgemeinen und die am technischen Kulturgut im Besonderen. Kurzum: Sie überredeten ihn, diesen Teil seines Lebenswerks gefälligst selbst zu vollenden.

Doch womöglich wäre all ihr Drängen verpufft, wenn nicht ein riesiger Kornspeicher ins Spiel gekommen wäre. Das agrar-industrielle Baudenkmal, am Rande der fachwerkseligen Innenstadt von Einbeck in Niedersachsen gelegen, stand zwar aus ­gutem Grund unter Denkmalschutz, verfiel aber aus gleichfalls guten Gründen: Was macht man mit einem solchen sechsstöckigen, pflegeintensiven Giganten?

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4000 m² Ausstellungsfläche, über 300 Motorräder und Autos

Karl-Heinz Rehkopf wohnt seit über 20 Jahren in Einbeck, dem kleinen Städtchen zwischen Göttingen und Hannover. Nicht weit entfernt, im Töpferdorf Fredelsloh, erarbeitete er sich als 16-Jähriger sein erstes Motorrad. Mit Tonstechen, eine 100er-Victoria von 1936. Auch die Zentrale seiner Baumarktkette liegt in dieser Region. Rehkopf ist also im besten Sinn bodenständig – und sah im Kornspeicher nicht nur die ehrenwerte Endstation seiner schönsten Sammlerstücke, sondern auch die ideale Gelegenheit, seiner Heimat etwas zurückzugeben. 2009 wurde die „Kulturstiftung Kornhaus“ gegründet.
Am 23. Juli eröffnete schließlich, wofür Rehkopf mit vielen Mitstreitern die letzten Jahre geschuftet hat und was mit der enormen Investitionssumme von 25 Millionen Euro zu schaffen war: der PS.Speicher, eine museale Reise durch die Geschichte des In­dividualverkehrs, ein tiefer Einblick in den deutschen Motorradbau, ein Zauber voller herrlicher Motorräder und einiger wunderbarer Autos, ein sechsstöckiger Spaziergang durch die eigenen Erinnerungen und die der Väter oder Großväter, ein Erlebnis, das trotz 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und über 300 präsentierter Motorräder und Autos viel zu früh, aber immerhin in ­einem gut geführten Restaurant endet. Rehkopfs Anspruch, die Ausstellung müsse ­anschaulich und abwechslungsreich sein, wird vom Gesehenen weit übertroffen: Der PS.Speicher sucht in Mitteleuropa gewiss seinesgleichen.

Ganz oben, im ersten Saal, kommt der Motor auf die Straße, belebt wacklige Chaisen und dürre Fahrradrahmen. Das erste Motorrad der Welt, die Hildebrand & Wolfmüller, steht für diese Epoche ebenso wie eine unrestaurierte NSU-Zweizylinder 2,5 hp. Spätestens im Stockwerk darunter beweist die Sammlung ihre einzigartige Tiefe, denn neben der ersten BMW, einer R 32, ­geben sich hier unter dem Slogan „1914– 1929: Das Motorrad für jedermann“ so erlesene Schätze wie eine unrestaurierte Victoria KR 1 (ebenfalls mit BMW-Boxer, aber mit querliegender Kurbelwelle eingebaut), eine Mars (mit Kastenrahmen aus Stahlblech), ­eine Neracar (quasi der Urmeter des Rollers) und ein Reichsfahrtmodell (die erste DKW) ein Stelldichein – unter anderem natürlich. Und erstmals umfängt den Besucher auch eine nachgestellte Szene: Vor dem Straßenbild von Einbeck und auf historisch anmutendem Kopfsteinpflaster machen sich drei stattliche Motorräder ziemlich klein neben einem schwelgerischen Horch Typ 350. Der automobile Luxusgigant fungiert hier wie all seine Artgenossen eher als Beiwerk, befördert aber den realistischen Blick aufs Ganze – Automobilität hat vorrangig mit Autos zu tun, mindestens in der Tendenz. Massenwirksam wurde sie dennoch zunächst auf zwei Rädern, und hier liegt ein Schwerpunkt der Sammlung: Womöglich der ersten eigenen Maschine – seiner nied­lichen Victoria – geschuldet, hat sich Karl-Heinz Rehkopf immer für den Kleinkram interessiert, der die normalen Leute bewegte. So konnte ohne Not der dritte Saal „1930– 1945: Volksfahrzeuge“ bestückt werden, der gleichzeitig aber auch Zeugnis ablegt über die damals führende Rolle der deutschen Motorradindustrie. Blockmotor, Telegabel, Zweitakter – Neckarsulm, München, Nürnberg und Zschopau setzten die Trends.

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Maschinen wecken Erinnerungen und Bezüge

Bis in die Zukunft reicht dieser Reigen, lässt schwere Nachkriegsjahre ebenso ­wenig aus wie übermütiges Love & Peace, zeigt Florett wie Mammut, wagt sich vor zum Wasserstoff, zur vernetzten Mobilität – und ja, auch einige Europäer oder Japaner tauchen auf. Karl-Heinz Rehkopf wusste, dass seine Sammlung, bedingt durch den Niedergang der deutschen Motorradindustrie, lange beim Vorgestern stehen geblieben war. Erst nach Gründung der Stiftung reihte er die eine oder andere Ikone der Boomjahre ein: Honda CB 750, Kawasaki Z 900, Yamaha RD 350, Norton Commando, Ducati 750 SS.

Wohl wahr, dass ein Motorradmuseum, dessen Motto „Räder, die uns bewegen“ lautet, auch solche Exponate braucht. Sie stehen für Zeiten, in denen das Motorrad Teil der Freizeit war. Was auf dem langen Weg dorthin passierte, erzählen Maschinen von Adler bis Zündapp viel besser. Denn sie wecken Erinnerungen und Bezüge, werden zu Zeugen der eigenen, der deutschen Geschichte: Mit dem Wehrmachtsgespann geht es in die Katastrophe, mit Simsons Schwalbe an den Baggersee, mit Zündapps KS 50 in die Disco. Und zwar wirklich, denn geniale Arrangements und erhellende Texte erleichtern die historische Rückwärtsrolle – und versetzten bislang schon über 12000 Besucher in Begeisterung. Ebenso sichtbar ist trotz stressiger Startphase, wie froh Karl-Heinz Rehkopf ist, das alles noch erlebt zu haben.

Infos

PS.Speicher: Tiedexer Tor 3, 37574 Einbeck
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 10–18 Uhr (dienstags: Veranstaltungen für angemeldete Gruppen/Schulklassen)
Preise: Erwachsene 12,50 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Familienkarte 30 Euro, Gruppenpreis ab 20 Personen: 10,50 Euro pro Person www.ps-speicher.de
Fotoshow auf: www.motorradonline.de/ps-speicher

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