Fahrbericht des ersten europäischen Baggers: Moto Guzzi MGX-21.

Fahrbericht Moto Guzzi MGX-21 Bagman begins

Auch Batman muss mal Urlaub machen. Aber des­wegen aufs stilprägende Fledermaus-Design verzichten? Nein, weshalb er wohl zur neuen Moto Guzzi MGX-21 greifen würde. Taugt der erste europäische Bagger auch Nicht-Superhelden für geruhsame Trips?

Die Lage in Gotham City ist entspannt. Alle Gangster schmoren im Knast. Für den Superhelden der Stadt bedeutet das: Freizeit. Fehlt nur das richtige Fahrzeug, ein Batmobil mit Entspannungs-Garantie. Das haben sie gerade bei Moto Guzzi zusammengebaut. Zum 95. Geburtstag der italienischen Marke ist dem Fundament der heiligen Hallen am Comer See ein neuer Spross entsprungen, der alle Modelle, die bisher unter dem Decknamen Chopper oder Cruiser von Guzzi entstanden, in den Schatten stellt. Über sie legt sich der undurchsichtige Nebel der Banditenstadt Gotham, in taghelles Licht getaucht stiehlt ihnen die MGX-21 die Schau.

Und reichlich Helligkeit braucht es auch, um die neue Guzzi überhaupt zu erkennen. Grundfarbe: Schwarz. Abgerundet durch Sicht-Karbonteile als Schutzblech an der Front, als Blende am Rad vorne, am Tank, an den Koffern und am Motor. Nur die roten Ventildeckel stechen farblich hervor. Ein Fragezeichen steht im Raum: Karbon an so einem Motorrad? Ja, denn die MGX-21 (Moto Guzzi eXperimental, die 21 steht fürs Gründungsjahr der Marke) will anders sein, ein Bagger. Also die Art von Motorrädern, die vorne hoch bauen, nach hinten flach abfallen. Rund um Gotham, also in den USA, ist das gerade die angesagteste Stilform im Bereich Cruiser. Die etablierte California in diese Richtung umzumodeln, wäre zu einfach gewesen. Bei Guzzi wollten sie mehr, etwas Einzigartiges kreieren. Deshalb zieren die MGX-21 nicht nur zahlreiche Karbonflächen, die den vollgetankt über 350 Kilogramm schweren Brocken etwas leichter machen, sondern auch ein 21 Zoll großes Vorderrad. So wandert die Front wie von selbst nach oben. Damit sich dieses überhaupt frei bewegen kann, fällt der Lenkkopf der MGX-21 sehr flach aus. 58 Grad suchen ihresgleichen. Gleiches gilt für den mit 187 Millimetern lang ausfallenden Nachlauf. Und auch der Radstand von 1,7 Metern spricht eine eindeutige Sprache. Allen, die nicht über die Kräfte von Batman verfügen, verschlägt es da die Sprache. Lässt sich das Ding überhaupt von normalen Motorradfahrern bewegen?

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Der Versuch macht klug. Noch lehnt die MGX-21 auf dem Seitenständer. In die Senkrechte damit. Da heißt es zupacken. Jedes der vielen Kilos stemmt sich gegen die Lageänderungen. Das fängt ja gut an. Vernehmlich, aber zurückhaltend blubbert der dicke 1400er-V-Motor zwischen den Rahmenzügen, strahlt Gelassenheit aus, spricht Mut zu. Das wird schon. Dank der kurzen Schaltwege rastet Gangstufe eins fast von selbst ein. Per Ride-by-Wire nimmt der Motor lastwechselfrei selbst im spontansten der drei zur Verfügung stehenden Fahrmodi geschmeidig Gas an. Bei Schrittgeschwindigkeit wartet die erste Biegung. Und schon der nächste Dämpfer. Die MGX-21 lenkt sich nur unwillig. Schuld daran ist wirklich ein Dämpfer, der Lenkungsdämpfer. Der ist in Fahrtrichtung montiert und verbindet Rahmen und untere Gabelbrücke. Wegen des kurzen Arbeitsweges fällt die Dämpfkraft bei langsamer Fahrt und großen Lenkeinschlägen immens aus. Anders ließe sich ein verlässliches Fahrverhalten mit dem großen 21-Zoll-Rad vorne aber nicht realisieren, vermeldet Guzzi dazu. Wenn das so bleibt, wird Batman wohl auf Dauer als Einziger in der Käuferkartei für die MGX-21 stehen bleiben.

Aber die Dinge ändern sich, sobald der Tacho das in der Stadt erlaubte Limit anzeigt. Aus dem Bagger wird dann zwar kein federleichter Hüpfer, aber ein verlässlicher Partner. Wozu der Motor wieder einen großen Teil beiträgt. Bei 50 km/h rotiert die Kurbelwelle gute 1600-mal in Gangstufe sechs im Kreis, ohne dass das den dicken V-Zweizylinder stören würde. Selbst spontanes Öffnen der Drosselklappen bei diesen niedrigen Drehzahlen macht er klaglos mit. Bei 3000 Umdrehungen hat er mit 121 Nm sein Drehmomentmaximum erreicht, die höchste Leistung liegt bei 6500/min an. Knapp 97 Pferde galoppieren dann im Brennraum. Schnell ist Landstraßentempo erreicht. Geht es geradeaus, läuft die MGX-21 stabil und ohne zu zucken. Wahrscheinlich ist der Lenkungsdämpfer doch gar nicht so schlecht. Dieses untadelige Fahrverhalten behält der Bagger in Kurven bei. Die Schräglagenfreiheit liegt leicht überm Klassenstandard, das Einlenkverhalten gibt keine Rätsel auf. Nur Richtungsändern in Schräglage mag die MGX-21 nicht so sehr. Dann sind schon fast wieder Superkräfte gefragt. Und ein wenig Vorsicht sollte nicht nur Batman beim Bremsen in Schräglage walten lassen, weil das Vorderrad zum Einklappen neigt. Was aber mehr der Geometrie als den Bremsen anzulasten ist. Die radial montierten Brembo-Stopper an der Front haben das Schwergewicht jederzeit fest im Griff, lassen sich gut dosieren. Und bevor das Vorderrad dauerhaft blockiert, baut das ABS zuverlässig den Bremsdruck ab. Das System könnte zwar feiner regeln, macht die Sache aber gut. Ähnliches trifft auf die Traktionskontrolle zu. Die lässt sich in vier Stufen von „aus“ bis „sehr sensibel“ einstellen, agiert aber selbst in der sportlichsten Regelstufe auf der sicheren Seite.

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Beim Schwung von Ecke zu Ecke spielt auch das Fahrwerk mit. Die 45 Millimeter starke Gabel führt das Vorderrad nicht hypersensibel, aber stabil, geht beim harten Ankern nicht auf Block. Die Stereofederbeine hinten schwingen zwar bei langen Wellen etwas nach, haben zudem einige Mühe, die wegen des dicken Kardans hohen ungefederten Massen feinfühlig zu dämpfen, aber das ist alles nichts, woran sich Superheld und normaler Motorradfahrer nicht gewöhnen könnten. Unterm Strich bietet die MGX-21 trotz des Bagger-Fahrwerkslayouts viel Motorrad, ordnet die Dynamik keineswegs dem ungewöhnlichen Design unter.

Und da auch die Sitzposition mit dem hohen, an der oberen Gabelbrücke angeschraubten, zweiteiligen Lenker, der bequemen, 740 Millimeter hohen Sitzbank und den gut platzierten Fußrasten sehr kommod ausfällt, dürfen die Trips mit dem Bagger von Guzzi gerne lang ausfallen. Reichweite gibt es dank des großen, 21,5 Liter fassenden Tanks genug. Falls dabei Unterhaltung gewünscht ist, sorgt die integrierte Multimedia-Plattform für die ideale Untermalung. Radio hören, per Bluetooth die eigene Musik vom Handy abspielen, Freisprechanlagen einrichten – alles ist möglich. Das freut selbst den von Batman zu Bagman mutierten Comic-Helden beim entspannten Gleiten hinter der fledermausinspirierten, den Oberkörper relativ gut schützenden Verkleidung.

Dessen Alter Ego Bruce Wayne muss sich um Geld keine Sorgen machen, weshalb ihm die 23000 Euro für die Moto Guzzi MGX-21 ziemlich egal sein dürften. Für alle anderen ist das der Preis, um sich auf einem Motorrad mal als Superheld zu fühlen.

Daten Moto Guzzi MGX-21

Motor

Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, je eine hochliegende, kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile, Tassenstößel, Stoßstangen, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, 2 x Ø 52 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 550 W, Batterie 12 V/18 Ah, hydraulisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, Kardan, Sekundärübersetzung 3,600.

  • Bohrung x Hub 104,0 x 81,2 mm
  • Hubraum 1380 cm³
  • Verdichtungsverhältnis 10,5:1
  • Nennleistung 71,0 kW (97 PS) bei 6500/min
  • Max. Drehmoment 121 Nm bei 3000/min

Fahrwerk

Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 45 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis und Zugstufe, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 282 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Traktionskontrolle, ABS.

  • Alu-Gussräder 3.50 x 21; 5.50 x 16
  • Reifen 120/70 21; 180/60 R 16

Maße + Gewichte

Radstand 1700 mm, Lenkkopfwinkel 58,0 Grad, Nachlauf 187 mm, Federweg v/h 107/80 mm, Sitzhöhe 740 mm, Trockengewicht 341 kg, Tankinhalt/Reserve 20,5/5,0 Liter.

  • Garantie zwei Jahre
  • Farben Schwarz/Karbon
  • Preis inkl. Nebenkosten 23000 Euro

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