Sport: Night of the Jumps in Köln Apollo Köln

Gute Laune – dank eines bemannten Freiflugprogramms: Wenn die Freestyle-Motocrosser bei der Night of the Jumps in Richtung Hallendecke ­abheben, kommen selbst schwermütigste Zeit­genossen mächtig in Wallung.

Die Night of the Jumps-Veranstal­tungen kennzeichnet allesamt ein strammer Zeitplan. Da macht auch diese Samstagabend-Sause­ keine Ausnahme. Nebenan läuft bei der Messe Köln noch die INTERMOT, während sich Punkt 17.30 in der Lanxess Arena schon die Hallentüren öffnen. Dann heißt es für die Besucher zackig Orientierung aufnehmen, um sich ohne größere Umschweife auf den Weg zur sogenannten Pit-Party zu machen. 18 bis 19 Uhr, klar geregelt, securitygesichert, findet die in den Katakomben der Halle statt. Laut, voll, lässig.

Ein proppenvolles Fahrerlager eben, und in dieser einen Stunde gibt es hautnahe Action für die Öffentlichkeit. Die Fahrer lümmeln meist auf ihren Mopeds und erledigen geduldig ihren Job. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, Fotografen, Reporter, „irgendwas mit Medien“, ja selbst der ehrwürdig altgediente WDR ackert sich in Kompaniestärke artig im Nahkampf ab. Zwischen all den Autogrammwünschen, Interviews und silikonbepackten Werbemädels entdeckt man in absoluter Vielfalt eine faszinierende Form der Generationenverständigung: zum Beispiel den typischen Vater-Sohn-gemeinsamen-Spaß beim Freestyle-Motocross.

Anzeige

Keine Motorsportart lockt mehr jüngere Fans an als Freestyle

„Eric, Eric, stell dich mal schnell da r­über, ich mach ein Foto, das ist ein deutscher Fahrer!“ In wenigen Fällen ist noch die Mama mit dabei und dirigiert, bei Paaren ohne Kindern erklärt er ihr leise die Freestyle-Welt, während die Mädels ohne Partner ­direkt auf die Fahrer losgehen. Aber ganz egal, wer wie wo wen oder was antreibt, ­alle sind begeistert – und wollen in der ­Regel das auch jemandem vermitteln. Nach nur einer Stunde haben die Smartphones in der Halle garantiert kaum noch Akkulaufzeit. Aber, husch, husch, der Zeitplan drängt – es geht ab auf die Ränge.

Buuummmm. Ein Hammerböller setzt das Ende der Eröffnungsshow. Wer schon mal dabei war, kennt diese Nummer nach Mucke, Feuer und Qualm – und hält sich rechtzeitig die Ohren zu. Neuzugänge wissen ab jetzt, was die Stunde geschlagen hat. Die Nights of the Jumps (NotJ) funktionieren immer gleich – und funktionieren immer gut. Selbst die Haare von Moderator Sven Schreiber und seines Teams sind ein Erkennungsmerkmal: schräg und hoch­gestellt. Egal ob 2008 oder 2014.

Die Motoren knattern, die Frisur sitzt. Kein Witz, den Haarspraysponsor haben sie sich auch schon geangelt und eingemeindet. Aber Geschäftstüchtigkeit muss ja kein Nachteil sein. Der Besucher bekommt ja trotz, oder vielleicht gerade wegen des Dauerwerbegequassels ordentlich was ­geboten. Die Zuschauer scheinen sich jedenfalls nicht daran zu stören. Überhaupt zieht keine andere Motorsportart mehr jüngere Fans an als Freestyle. Und ­be­fruchtet damit ganz allgemein und wunderbar die leicht angegraute Zweiradszene. Das haben auch die Motorsport-Herren von der FIM mit ihren Behördenhemden schon frühzeitig bemerkt und dem wilden Freestyle und der NotJ-Serie seit 2006 einen amtlichen Weltmeisterschaftsstatus verpasst. Entgegen allen Befürchtungen schadete es dem Sport nicht im Geringsten. Das Trickniveau steigt unaufhörlich, die Jungs sind fit wie nie. Einzig die guten alten Partyhelden ohne Titelgeilheit blieben damit auf der Absprungrampe zurück. Gelegenheitsakro­ba­ten müssen eben auf Dorffesten ran. Ganz, ganz oben bleiben nur die Profis ­übrig. Erinnern Sie sich noch an die ehemalige deutsche Garde Fabian Bauersachs, Lukas Weis und Busty Wolter? Bauersachs sitzt nun in der Jury und bewertet, Lukas Weis trinkt im Fotografengraben Bier aus der Pulle und Busty Wolter erklärt den Sport: „Die Night of the Jumps sind so was wie die Harvard-Universität in unserem Sport. Du übst und übst, obwohl die Fahrer bei immer gleichen Distanzen und Aufbauten auch blind springen könnten. Aber hier in den Hallen holst du dir die Präzision und Sicherheit, um auch auf den allergrößten Events im Freien als Profi zu bestehen und richtig Geld zu verdienen. Mit Kai Haase sowie Hannes und Luc Ackermann steht die nächste talentierte Generation schon an der Startrampe. Jetzt müssen sie es nur noch beweisen.“

Anzeige

Freestyle ist wie Nougat essen: Die ersten Bissen sind grandios

80 Sekunden für sieben Sprünge plus ein doppelt gezählter Bonushüpfer bleiben den Jungs in der Qualifikation, um der ­Jury zu zeigen, was man so draufhat. Wer hier rausfliegt kann gleich Duschen gehen, denn nur sechs Fahrer erreichen das Finale. Kai Haase will es als Erster wissen, präsentiert als Bonussprung eine neue Trickgeneration. Er löst sich in der Luft vom Motorrad und dreht sich dann komplett um die eigene Achse. Er steht es fast, aber nicht ganz, und verletzt sich auch noch ein bisschen. Die strengen Richter sind heute unerbittlich und verteilen mehr Punkte für Sicherheit und Sauberkeit der Sprünge. Das trifft auch Luc Ackermann. Bruder Hannes schafft es ins Finale, muss aber dort die großen Buben ziehen lassen.

Holterdipolter geht die Show nach fünf Stunden zu Ende. Der Spanier Maikel Melero darf vor dem Australier Rob Adelberg auf dem Treppchen ganz oben stehen. Der Franzose David Rinaldo meckert auf Platz drei über das Schiedsgericht und die Punk­tevergabe. Sekt zum Rumspritzen gibt es trotzdem für alle. Hinten auf den Zuschauerrängen wird aber auch gemurrt: Ein Ostwest­fale, der sich eben noch ein frisches Bier abholte, wäre für deutlich mehr Freestyle bereit. Nun, Freestyle ist wie Nougat essen: Die ersten Bissen sind grandios – doch wie lautet die Binsenweisheit? Aufhören, wenn‘s am schönsten ist.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote