INTERMOT-Neuheiten PS-Explosion

Schluss mit nett, angepasst und verhalten. Was die Auto-Fraktion längst über Bord geworfen hat, zeigte sich jetzt auch bei den Bikes auf der INTERMOT: Leistung ist etwas Wunderbares.

„Das Fahrgefühl ist mit nichts vergleichbar“, flüstert der Kawasaki-Testfahrer vertraulich, als wir spät abends noch auf der Intermot vor der Kawasaki Ninja H2R stehen. Der Mann kann das beurteilen. Er ist schon lange dabei und bekennender Vollgas-Fetischist. „Wie das Ding anschiebt, kann ich nicht beschreiben“, setzt er hinzu und zeigt seinen Unterarm, den eine mächtige Gänsehaut überzieht. Kawasaki hat es jetzt angepackt, das Tiefstapeln, die vorgegaukelte bürgerliche Vernunft der Branche hat ein Ende. 300 PS wird die H2R haben. Die Turbinen-Experten des Kawasaki-Konzerns locken sie per Radial-Kompressor aus dem ZX-10R-Reihenvierer. Wiegen dürfte das Bike maximal so viel wie das Superbike (um die 200 Kilo), genau will es noch niemand rauslassen. Auch der Preis für die nicht zulassungsfähige R-Version, die zudem Stückzahl-limitiert sein soll, ist nicht offiziell.

50 000 Euro geistern durch den Raum und scheinen angesichts der Ausstattung mit feinstem Karbon realistisch. Die auffälligen Flügel sollen übrigens kein optischer Gimmick sein, sondern von den Weltraum-Experten bei Kawasaki Heavy Industries so konstruiert worden sein, dass die H2R bei ihrem mächtigen Schub sauber auf der Straße ihre Bahnen ziehen kann. Anders als bei Turboladern soll der Kawa-Kompressor-Antritt deutlich früher beginnen, entsprechenden Schub aus dem Drehzahlkeller in ungeahnter Art servieren und trotz elektronischem Sicherheitsnetz für jeden spürbar sein. In abgespeckter Darreichung dann im Serien-Ableger H2, der in wenigen Wochen in Mailand vorgestellt werden und etwa die Hälfte der R-Ninja kosten soll. Die PS-Zahl dürfte knapp über 200 liegen. Ebenfalls von Kawasaki vorgestellt wurden die neu gestaltete Versys 1000 und ihre kleine 650er-Schwester. Statt Glupschauge ziert die sportlich-hochbeinigen Tourer jetzt eine deutlich schärfere Optik. Die kleine Versys bekam ein paar technische Neuerungen, bei der 1000er blieb bei Chassis und Motor fast alles beim Alten.

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BMW: neues Superbike und sportlicher Roadster

Das BMW-Superbike S 1000 RR ist noch Chef im Ring der potenten Supersport-Raketen. Damit das auch so bleibt, haben die Bayern weiterentwickelt. Am Motor sorgen neue Kanäle, eine andere Einlass-Nockenwelle und -Ventile für mehr Druck. Vor allem der Drehmomentverlauf wurde verbessert. In dem im Racing so wichtigen Bereich zwischen 9500 und 12000/min sollen es jetzt nahezu durchweg 113 Nm sein.

Die asymmetrischen Scheinwerfer wurden neu gestaltet und seitenvertauscht. Am Fahrwerk ist ebenfalls einiges passiert. Der Radstand ist etwas geschrumpft, der Nachlauf hat sich minimal mit dem steileren Lenkkopfwinkel verkürzt. Am Rahmen änderten die Techniker Steifigkeiten und Flexibilität in bestimmten Bereichen. Auffällig ist das „Horn“ am Rahmen, an dem die Fußrasten angeschraubt sind. Rennstrecken-Fahrer könnten schlucken bei dem Gedanken, dass ihre RR seitlich auf dieses filigran wirkende Rahmenteil kracht. Das semi-aktive Fahrwerk der HP4 ist nun ebenfalls für die RR erhältlich, die auch mit Blipper-Schaltung geordert werden kann. Alle Details und den ersten Fahreindruck liefern wir bereits in PS 12 ab 12. November.

Neu und deutlich sportlicher ist der Roadster R 1200 R. Statt Biedermann-Look wie beim Vorgänger wirkt das neu gezeichnete Naked Bike mit wassergekühltem 125-PS-Boxer agil und angriffslustig. Wichtigste Neuerung ist die Telegabel, die den Telelever ersetzt und ähnliche Sportlichkeit verspricht wie bei der R nine T. Allerdings ist der Radstand für mehr Stabilität angewachsen, und die langen Federwege sprechen eher für Komfort denn harte Landstraßen-Attacken. Völlig überrascht hat uns aus PS-Sicht die sportliche Linie der RS-Version. Jetzt warten wir auf Mailand und die Premiere der RX, des 1000er-Vierzylinders im hochbeinigen Segment.

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Suzuki kommt wieder sportlich in Fahrt

Dass MotoGP-Teamchef Davide Brivio extra zur Intermot nach Köln kam, war Suzukis Signal, wieder richtig Gas zu geben. Zwar machen das neu verbaute ABS und die MotoGP-Lackierung an der GSX-R 1000 keinen neuen Racer-Sommer, aber die Zeichen stehen auf Angriff, und spätestens 2016 wird ein komplett neues Superbike von Suzuki in den Läden stehen.
Aktuell kommen aber Ableger der GSX-R, die auf die Namen GSX-S 1000 und GSX-S 1000 F hören. Der Motor der beiden Varianten stammt aus der legendären K5-Reihe, und wenn man genau hinhörte, sollen von den damals 178 PS trotz braverer Steuerzeiten und vielleicht wegen leichterer Kolben und neuem Luftfilter noch ganz schön viel PS übrig geblieben sein. Der Langhuber könnte damit deutlich über 150 PS liegen. 160 PS wären ein Wort und würden die um die 210 Kilo schwere GSX-S auf den Olymp der japanischen Naked Bikes heben. Traktionskontrolle und ABS sind selbstverständlich mit an Bord. Wem der Winddruck bei so viel Qualm dann doch zu viel wird, kann mit der F-Version eine vollverschalte Variante mit hohem Lenker ordern, die Suzuki selbst sportlich höher ansiedelt als die verschalte Z 1000-Version von Konkurrent Kawasaki, die Z 1000 SX.

Supersport-Randnotiz

Ein ABS soll noch einmal eine kleine Entscheidungshilfe für all jene sein, die doch noch eine GSX-R 1000 erwerben möchten, bis nächstes Jahr dann eine MotoGP-Replika für die Superbike-Fans der Marke kommt. Das neuerlich wieder aufgeflammte sportliche Engagement wollte Suzuki deutlich sichtbar machen, indem alle Supersport-Modelle von der GSX-R 600 bis zur 1000er jetzt auch im MotoGP-Ornat zu haben sind. Schon in Valencia beim MotoGP-Finale wird Randy de Puniet die XRH-1 beim Wildcard-Start im Rennen einsetzen. Die Suzuki-Werksfahrer für nächste Saison stehen auch schon fest: Die Spanier Aleix Espargaro und Maveric Vin ales werden versuchen, Suzuki im GP wieder ganz nach vorn zu bringen.

R1-Nachfolger: Yamaha lässt Messe-Besucher zappeln

Superbike-Fans wurden von Yamaha auf der Kölner Show jäh enttäuscht. Die Premiere des völlig neuen Yamaha-Superbikes wurde auf die Eicma in Mailand verschoben. Stattdessen zeigte die Marke mit den Stimmgabeln einen anderen Racer, auch wenn der Name hier etwas irreführend wirkt. Aus der altgedienten XJR 1300 machte Yamaha zwei Versionen, die klar dem Zeitgeist „Retro“ frönen. Der dicke luftgekühlte Vierzylinder blieb mit seinen 98 PS und 108 Newtonmeter Drehmoment unangetastet. Allerdings sind die für das Big Bike kolportierten Preise interessant. Um die 10500 Euro geisterten für die nackte Version, etwa 2000 Euro mehr für die Café Racer-Halbschalen-Variante durch die Messehallen. Und am Ende der Vorstellung gab es dann das Versprechen, gleich mit zwei Supersportlern in Mailand die Racer-Fraktion wieder versöhnen zu wollen. Neue R1 und eine hochgezüchtete SP-Version? Warten wir ab.

Ducati erfindet neue Marke und neuen Markt

Was Ducati am Abend eines langen Pressetages abzog, verdient besondere Erwähnung. Klar war, dass der Scrambler in Köln zu sehen sein wird, aber dass aus der bloßen Enthüllung der Stapellauf einer neuen Marke werden würde, damit rechnete niemand.„Scrambler“ ist jetzt eine eigene Marke unter der Ägide von Ducati und klammert die Spaß-getriebenen, luftgekühlten Retro-Bikes von der sonst hochtechnisierten, supersportlichen und leistungsstarken Ducati-Modellpalette dezent aus. Statt Racing-Lifestyle dominiert bei den Scramblern das Dolce ­Vita mit Softeis, Jet-Helm und waberndem Hippie-Sound. Genug geschwärmt, denn vor allem bedeutet das vier neue Bikes, die um die 185 Kilo wiegen und mit einem einheitlichen Motor ausgestattet sind, dem 802 cm³ großen luftgekühlten Twin, der 75 PS leistet.

Dicker aufgetragen hat dagegen noch KTM – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn aus der dicken 1190 Adventure und dem dicken Antrieb der 1290 Super Duke wurde die 1290 Super Adventure. 160 PS und 140 Newtonmeter Drehmoment in einem Adventure-Bike sind ein echtes Pfund. Der Preis von knapp 18 000 ­Euro allerdings auch.

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