Intermot-Reportage Großes Motorrad-Treffen

Die zu Ende gegangene Intermot 2012 war ein großes Motorrad-Fest. Alles, was Rang und Namen hat, war vertreten, und die Besucher strömten in Massen durch die Hallen.

Stände in allen Größen, Farben und Ausstattungen. Mit fantasievollen Aufbauten und aufwendiger Licht- und Klangtechnik inszeniert oder einfach nur besetzt. Täglich polierte Kunstwerke des Motorradbaus oder bodenständig hergezeigtes Zubehör als Exponate, täglich herausgeputzte Models als Blickfang oder sachlich gestimmte Gesprächspartner - sie bilden die eine Seite einer Messe, ihren repräsentativen Vordergrund.
Doch auch im Hintergrund ereignen sich spannende Dinge. Zum Beispiel ein indirekt geführter Schlagabtausch zwischen Honda und KTM, der aber durchaus ernst gemeint ist. KTM-Geschäftsführer Stefan Pierer hatte vom Honda-Werkseinsatz bei der nächsten Dakar-Rallye erfahren und den mächtigen Konkurrenten in seiner
Rede bei der Pressevorstellung der neuen 1190 Adventure willkommen geheißen.
Mit dem Selbstbewusstsein eines Serien-
siegers. Pierer war klar, dass Honda vor allem seine Firma ins Visier nimmt, weil
die Sportenduros der Japaner gegenüber den EXC-Modellen der Österreicher ins Hintertreffen geraten und wohl auch wegen der KTM-Erfolge in der Moto3-Klasse. Dort sind die NSF 250 R und die mit ihrem Motor fahrenden Teams von den KTM-motorisierten Teams zuletzt mehrfach geschlagen worden. Tetsuo Suzuki, Chef der Honda
Racing Corporation (HRC), reagierte prompt auf Pierers Bemerkung, ohne KTM überhaupt zu nennen. Er schloss seine Rede über die Werks-Honda einfach mit der
Ankündigung: "Wir werden gewinnen."Kawasaki gab sich auf andere Weise kämpferisch. Die Grünen hatten ihre neuen Modelle schon kurz vor der Messe offenbart und ergriffen auch bei den Präsentationen die Initiative. Kurze Reden, eine fetzige Tanzeinlage, Hüllen runter - und da standen sie, offen dargeboten: drei Z 800 in
unterschiedlichen Lackierungen. Zu sehen war die neue Kawa bereits in MOTORRAD 20 und 21; mit denjenigen technischen Daten, die zum Redaktionsschluss der Printausgaben noch nicht vollständig
verfügbar waren, wird sie auch auf www.motorradonline.de vorgestellt. Blitzlicht-
gewitter, Gedränge, kurze Gespräche, und weiter ging’s zum Neuheiten-Höhepunkt der Messe: der von Grund auf neu konstruierten BMW R 1200 GS (siehe Seite 16).
Traditionsgemäß werden Messepräsentationen bei BMW Motorrad vom Chef
eröffnet, eine Gelegenheit, bei welcher der neue Geschäftsführer Stephan Schaller
erstmals vor eine größere Öffentlichkeit in Gestalt vieler Journalisten aus zahlreichen Ländern trat. Was er an Zahlen zur Unternehmensentwicklung zu verkünden hatte, bevor er zur neuen GS kam und die Bühne für Chefdesigner Edgar Heinrich freigab, war durchweg erfreulich und bedarf nur einer kleinen Präzisierung: Der Aufschwung von BMW Motorrad verlief 2012 nicht ganz so steil wie zuvor. Immerhin setzt er sich fort.
Auftritt GS: Über eine Treppe und eine schwungvoll geformte Rampe wurden drei Exemplare in unterschiedlichen Farb- und Ausstattungsvarianten von der luftigen
Höhe des Hallendachs herabgefahren, was prominente Fahrer - Rallyepilotin Tina Meier, Enduro-Pilot Dirk Thelen und Stuntweltmeister Christian Pfeiffer - besorgten. Wer unmittelbar danach die neue GS aus der Nähe betrachten wollte, konnte eine Ausbildung im Boxen, Ringen oder American Football gut gebrauchen. Jeder, der eine Kamera in den Händen hatte, hielt drauf, als ob es sich nicht um die erste neue, sondern die letzte aller GS handelte, und verteidig-
te sich dabei mit vollem Körpereinsatz.
Am Gedränge bei BMW änderte sich auch
während der Besuchertage nur wenig, es verlagerte sich nur teilweise zur S 1000 RR.
Über dem eingangs erwähnten Geplänkel soll nicht vergessen werden, dass
Honda auch die lange erwartete CB 1100 präsentierte (siehe Seite 20), die ebenfalls erwartete neue CBR 600 RR aber wohl noch bis zur Eicma hütet. Das tut auch Triumph mit der aufgefrischten Daytona. Dafür
präsentierten die Briten in Köln die liebste Triumph der Deutschen, die Street Triple, grundlegend überarbeitet (Seite 24).
Bei Yamaha ging es verhaltener zu.
Immerhin zeigten die Japaner neben der modernisierten FJR 1300 (Seite 23) einen nackten Dreizylinder-Reihenmotor, welcher in eine technische Skulptur eingeflochten war, die ein Motorrad symbolisierte. Sprecher ergingen sich in Andeutungen über 800 bis 900 cm³ Hubraum. Wie der ebenfalls gezeigte Motor der MotoGP-Rennmaschine M1 besaß der Dreizylinder ein aus dem Vollen gefrästes Kurbelgehäuse, ist also noch nicht serienreif. Doch wer wusste, in welchen Varianten das Triebwerk insgeheim noch existiert, schwieg darüber geflissentlich. Nur ein Informant deutete an, dass
das komplette Motorrad bereits im Sommer 2013 präsentiert werden könnte.
Zwei Serien-, ein Vorserien- und ein Sondermodell, eine nur leicht retuschierte GSX-R 1000 aus Anlass der einmillionsten GSX-R zeigte Suzuki, bevor Ducati mit der Vorstellung einer neuen Multistrada 1200 S Pikes Peak den Neuheitenreigen beschloss. Die unterschiedliche Quantität und Qualität der Neuheiten hinderte insgesamt 203000 Besucher nicht daran, die Stände ziemlich gleichmäßig zu fluten. Gerade der Andrang bei den japanischen Herstellern, die eher zurückhaltend agieren, zeigt, welch starke Stellung sie in Deutschland immer noch haben. Vielleicht motiviert dies die Chef-
etagen in Japan wieder zu einer optimis-
tischeren Modellpolitik.
Gut besucht war auch der Stand von
MOTORRAD. Nicht wenige verharrten in Stille vor den zehn von den Lesern gewählten Traumbikes - wer weiß, welche Erlebnisse sie dabei rekapitulierten? Noch mehr Gäste umlagerten die Vitrine mit dem zerlegten Motor der Dauertest-Aprilia RSV4. Kein Wunder, ist MOTORRAD doch weltweit die einzige Zeitschrift, die solche 50000-
Kilometer-Tests mit penibler Analyse überhaupt noch durchführt. Die nächsten
Kandidaten haben die Redakteure auf der Intermot schon ausgeguckt.

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