Interview mit Moto-GP Riding-Coach Luca Cadalora Ein Mann für alle Fälle

Immer mehr Grand Prix-Piloten holen sich persönliche Trainer, sogenannte Riding Coaches, zu Hilfe. Prominentes Beispiel ist Luca Cadalora, der für Valentino Rossi arbeitet und weiß: Wenn es gut läuft, kann das an ihm liegen. Wenn nicht, ist sein Rat umso mehr gefragt.

Foto: 2snap
Hat der Fahrer die Ideallinie genau getroffen? Sitzt er entspannt oder verkrampft auf dem Motorrad? Schaltet er zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Gang, oder können Konkurrenten das besser? Valentino Rossi lässt sich von Luca Cadalora beraten – und fährt nicht schlecht damit.
Hat der Fahrer die Ideallinie genau getroffen? Sitzt er entspannt oder verkrampft auf dem Motorrad? Schaltet er zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Gang, oder können Konkurrenten das besser? Valentino Rossi lässt sich von Luca Cadalora beraten – und fährt nicht schlecht damit.

Luca Cadalora war 125 cm³-Weltmeister 1986 und 250 cm³-Champion 1991 und 1992. In 16 GP-Jahren feierte er 34 Siege, den letzten 1996 auf einer Honda NSR 500. Vor 16 Jahren beendete er seine Profi-Karriere, gründete eine Familie und fährt seither nur noch zum Spaß Motorrad – zum Beispiel in diesem Frühjahr, als Valentino Rossi ihn auf seine Ranch in Tavullia und zu einem privaten Kräftemessen mit Yamaha R1-Maschinen auf den Misano-Circuit einlud.

Dort, so erklärt der mittlerweile 53-Jährige in allen Interviews, fragte ihn Rossi, ob er auf ein Grand-Prix-Comeback Lust habe, als Beobachter und Berater, der mit seinem scharfen Auge, seinem technischen Verständnis und seinem Instinkt mit hilfreichen Tipps zum Erfolg des Teams beitragen könnte. Cadalora sagte zu, woraufhin Rossi in seiner Begeisterung eine Mütze mit fünf gewaltigen Lettern für seinen neuen Mitarbeiter besticken ließ.

Seither ist Cadalora offiziell „Coach“ – ein Beruf, der nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Karrieren und in der kreativen Gestaltung des Lebens überhaupt mehr und mehr in Mode kommt. Normalbürger, die zur Lebensmitte einen neuen Weg einschlagen wollen, verpflichten einen Coach ebenso wie Musiktalente auf dem Weg zum Ruhm. Oder Spitzensportler, die oben angekommen sind und dort auch bleiben wollen. Dabei ist ein Coach weder Berater noch Trainer im klassischen Sinne, sondern einer, der hilft, Lösungen und Verbesserungen zu finden, die sein Mandant ohnehin in sich trägt. Das Wort „Coach“ steht im Englischen für „Kutsche“. Coaching bedeutet nichts anderes, als jemanden auf den richtigen Weg zu bringen – etwa so wie Novak Djokovics Coach Boris Becker, der am Weltruhm des Serben einen nicht zu unterschätzenden Anteil hat und von Rossi gern als Beispiel angeführt wird.

Beim Tennis oder Golf, im alpinen Skisport und anderen Individualsportarten gang und gäbe, war das Coaching im Motorradsport jahrzehntelang so gut wie unbekannt. „King“ Kenny Roberts war der Erste, der als Teamchef nicht nur auf viel PS und gute Reifen Wert legte, sondern das wahre Fahrtalent seiner Piloten beim Dirt Track in Kalifornien auskundschaftete und das Fahrgefühl des rutschenden Hinterreifens auf den Asphalt umzusetzen half. Eine ganze Generation amerikanischer Stars, von Wayne Rainey über John Kocinski bis hin zu seinem eigenen Sohn Kenny jr., profitierte von seiner Expertise.

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Talentsucher wie Alberto Puig, der Entdecker von Dani Pedrosa und Emilio Alza­mora, Mentor der Márquez-Brüder, folgten nach und versuchten, die ihnen anvertrauten Teenager fahrerisch ebenso wie mental auf die Herausforderungen einer Profi-Karriere einzustellen. Und natürlich gibt es Väter wie Helmut Bradl und Peter Öttl, die selbst Rennfahrer waren und viele ihrer eigenen Erfahrungen an die Söhne weitergeben können.

Doch insgesamt wird die Bedeutung einer guten und kreativen Fahrerbetreuung krass unterschätzt. Während sich die Techniker für Motor und Elektronik, Reifen und Federung, Helm und Leder bei den Teams die Klinke in die Hand geben, lassen sich die professionellen Riding Coaches, die überall dabei sind und auf Augenhöhe mit dem gesamten Team zusammenarbeiten, an den Fingern einer Hand abzählen.

Einer davon ist Stefan Prein, im Marc VDS-Team für die MotoGP-Helden Tito Rabat und Jack Miller, die Moto2-Nachwuchskräfte Alex Márquez und Franco Morbidelli sowie ganz allgemein für gute Laune zuständig. Schmunzelnd nimmt er für sich in Anspruch, am Deal zwischen Rossi und Cadalora „nicht ganz unbeteiligt“ gewesen zu sein. Um den Kontakt zu einem Ohrstöpsel-Spezialhersteller zu vermitteln, weilte der Wuppertaler Ende Februar nämlich zu Besuch in Tavullia, wo ihn Rossi beim Essen in der Pizzeria ganz beiläufig darauf ansprach, was er als Riding Coach vom Streckenrand aus denn überhaupt so sehen könne.

„Zum Beispiel, dass dein Teamkollege Lorenzo bei den Malaysia-Tests in dieser einen Kurve einen Gang mehr zurückschaltet als du“, gab Prein zurück. „Ich will das gar nicht bewerten. Es ist mir nur so aufgefallen“, fügte er schmunzelnd hinzu.

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Riding Coaches unter sich: Stefan Prein (links) ist bei Marc VDS für die Moto2- und MotoGP-Fahrer zuständig, Emilio Alzamora für die drei Moto3-Piloten.
Riding Coaches unter sich: Stefan Prein (links) ist bei Marc VDS für die Moto2- und MotoGP-Fahrer zuständig, Emilio Alzamora für die drei Moto3-Piloten.

Es reichte aus, Rossi zum Staunen zu bringen. Und zum Nachhaken, ob Lorenzos zusätzlicher Gangwechsel nun ein echter Vorteil war oder nicht. Schließlich gelangte er zur der Erkenntnis, dass der kleinste Tipp von außen zum vermeintlich nebensächlichsten Detail an der Linienwahl, der Getriebeabstimmung oder der Körperhaltung vielleicht auch für ihn den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen könnte. Es war ein Gespräch, das den Stein ins Rollen brachte.

Beim nächsten MotoGP-Test im australischen Phillip Island war Cadalora bereits zu einer Probezeit vor Ort und bewies nicht nur eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch das seltene Talent, sich an die Stelle des Fahrers zu versetzen und das Geschehen auf der Strecke so mitzuerleben, als sitze er selbst am Lenker. Cadalora war sofort in den engen Kreis mit Cheftechniker Silvano Galbusera und Data-Recording Mann Matteo Flamigni integriert und lieferte so konstruktive Vorschläge, dass ihm Rossi sechs Wochen später sogar seinen Sieg in Jerez widmete. „Ein Champion an der Seite eines anderen. Manche seiner Ideen sind Gold wert“, bemerkte Rossi anerkennend.

Ebenso wichtig ist der Coach an schlechten Tagen, wenn nichts zu laufen scheint und der Erfolg des Teams in einer Art Alleinverantwortung auf den Fahrer übergeht. „Tito Rabat erzählt mir in der Box nicht halb so viel wie bei anderen, ganz beiläufigen Gelegenheiten. Etwa, wenn wir mit dem Mietauto zusammen ins Hotel fahren“, sagt Stefan Prein über den spanischen Moto2-Champion, den die bockige MotoGP-Honda bereits mehrfach an den Rand der Verzweiflung brachte.

Dass auch ein neunfacher Weltmeister, ein durch und durch ausgekochter Profi wie Rossi, ab und zu einen dieser schlechten Tage hat, steht für Prein außer Frage: „Letztlich spielt sich alles in der Birne ab. Entscheidend ist, dass du frei und locker aufdrehen kannst. In einem Umfeld, das dir die nötige Sicherheit und Rückendeckung bietet. Ein Gesprächspartner, der ebenfalls Weltmeister war, selbst schon alle Höhen und Tiefen erlebt hat und weiß, was du spürst und denkst, ist da eine zusätzliche Hilfe.“

Nicht ohne Grund sind es ausnahmslos frühere Rennfahrer, die sich als Riding Coach bewähren. Das fängt an beim früheren 125 cm³-Weltmeister Emilio Alzamora und reicht über Cadalora, den Ex-Halbliter-Vizeweltmeister Randy Mamola, Prein, dem 125 cm³-WM-Dritten 1990 bis hin zum 250 cm³-GP-Sieger Wilco Zeelenberg, der als Cadalora-Pendant bei Yamaha für Jorge Lorenzo zuständig ist.

Zeelenberg wird bei Yamaha bleiben und sich im nächsten Jahr um Team-Neuling Maverick Viñales kümmern. Lorenzo hingegen wechselt zu Ducati, wo von einem möglichen neuen, ebenfalls berühmten Coach die Rede ist: Lorenzos Freund Max Biaggi. „Biaggi war ein großartiger und vor allem auch ein technisch sehr versierter Fahrer“, so die Einschätzung von Luca Cadalora. „Ich weiß, dass Lorenzo und er gute Freunde sind. Max ins Team zu bringen, ist eine gute Idee. Es würde die Sache noch interessanter machen – und noch mehr Spaß bringen.“

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Wenn Luca Cadalora Valentino Rossi (Bild) beobachtet, erlebt er mit, was Rossi spürt.
Wenn Luca Cadalora Valentino Rossi (Bild) beobachtet, erlebt er mit, was Rossi spürt.

Interview

„Was ich sehe, lässt sich nicht in Kurven und Zahlen ausdrücken“

Luca Cadalora ist seit Anfang des Jahres Valentino Rossis Riding Coach. MOTORRAD-MotoGP-Reporter Friedemann Kirn wollte von ihm wissen, ob er einen neunmaligen Weltmeister tatsächlich noch besser machen kann.

Luca, wir haben dich letztmals 1999 als MuZ-Werksfahrer an einer Grand-Prix-Strecke gesehen. Wie kam es zu diesem Comeback?
In diese Welt zurückzukehren war auch für mich eine Überraschung, völlig unerwartet, denn ich habe mich in den letzten Jahren nur noch mit den Maschinen in meiner eigenen Garage beschäftigt. Valentino kannte ich kaum, nur aus dem Fernsehen und von gelegentlichen Besuchen der Yamaha-Box. Die habe ich Yamaha zu verdanken, einem Werk, das sich immer wieder auf sehr nette Weise an seine früheren Fahrer erinnert. Jetzt, im Winter, lud mich Valentino dann mit allen seinen Youngstern auf seine Ranch zum Flat-Track-Fahren und später im Rahmen eines Track Days der Academy für den R1-Run nach Misano ein. Wir lernten uns besser kennen und hatten viel Spaß miteinander. Dann fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zusammenzuarbeiten und ob ich Lust hätte, zum Test nach Phillip Island mitzukommen. Dort zeigte sich dann, dass es beiden Seiten nutzte, gemeinsame Sache zu machen. Es war gut für ihn, doch auch ich habe viel gelernt.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass Valentino sich immer voll einsetzt. Ich habe zu meiner Zeit stets ein perfektes Motorrad gefordert, doch er ist großzügig und gibt alles, auch wenn er nicht das beste Setup hat. Jetzt denke ich oft: Mensch, dies und das habe ich nie getan. Wenn ich es versucht hätte, hätte ich bessere Resultate einfahren können. Und wenn ich auch nur ein bisschen von seinem Charisma gehabt hätte, wäre ich noch viel erfolgreicher gewesen. Doch das ist eine Frage des Charakters, und der ist gegeben.

Ist Rossi der Beste aller Zeiten?
Soweit ich es überblicken kann, ja. Seine Arbeitsweise ist beeindruckend. Schon allein die Tatsache, dass er seine Fahrweise an all die verschiedenen Bikes von einer 130 kg schweren Zweitakt-500er bis zu den heutigen Viertakt-1000ern mit 157 kg anpassen konnte, spricht für sich selbst. Er hat neun Titel und 114 Grands Prix gewonnen, stellt sich aber immer noch selbst infrage, denkt nie, dass er schon alles weiß, sondern ist immer noch hungrig, dazuzulernen.

Was lernt er von dir als Coach?
Ich beobachte ihn vom Streckenrand und teile ihm mit, was ich sehe. Mir geht es dabei um Dinge, die du nicht am Computer nachvollziehen kannst, die sich nicht in Kurven und Zahlen ausdrücken lassen. Im Data Recording siehst du nicht, ob du die Linie um einen Meter verpasst hast, wie deine Körperhaltung ist, ob du in deiner Komfortzone bist, und wie du dich in manchen Details von der Konkurrenz unterscheidest. Ich weiß nicht warum, aber seltsamerweise, aus irgendeinem Grund, habe ich die Gabe, Dinge zu sehen, zu spüren und zu verstehen, die hilfreich sind. Vielleicht, weil ich das Fahren so intensiv miterlebe. Bei den Rennen werde ich richtig nervös, weil ich nicht selbst auf dem Bike sitze. Auch Pole Positions und Siege lösen bei mir große Emotionen aus, ein bisschen, als würde ich selbst gewinnen.

Korrigierst du einfach Fehler oder suchst du auch nach ganz neuen Möglichkeiten, wie Rossi noch schneller werden kann?
Das eine geht in das andere über, und der Ablauf ist erfrischend spontan. Ich kann mit ihm offen darüber sprechen, was ich denke, und er tut das Gleiche. Dabei steigt Valentino nie tief in technische Details ein, er wird nicht zum Ingenieur, sondern überlässt die Technik den Spezialisten. Er ist aber extrem analytisch und in der Lage, genau zu erklären, was er fühlt und am Motorrad vor sich geht. Nach dem Gespräch weißt du genau, wo du eingreifen musst.

In einem Interview für eine italienische Website hast du ihn kürzlich als „Frankenstein des Motorradsports“ bezeichnet ...
Das muss man im Zusammenhang sehen. Wir haben über die Vergangenheit geredet und mit Worten gespielt. Was ich sagen wollte, war: Wenn du die besten Eigenschaften der berühmtesten Fahrers kombinierst, die zielgerichtete Konzentration von Eddie Lawson, den außerordentlichen Mut von Kevin Schwantz, die Improvisationskunst von Wayne Rainey und die Hartnäckigkeit von Mick Doohan, dann kommt Valentino Rossi heraus.

Wie viel trägst du zu seinem Erfolg bei?
Wir sollten ihn stets als den Fahrer ansehen, der diese Erfolge erzielt. Wenn du mit einem Champion wie Valentino zusammenarbeitest, wirst du gern überbewertet. Natürlich gebe ich mein Bestes, und wenn ich das Gefühl habe, etwas Nützliches beitragen zu können, ist das okay. Aber es sind winzige Bausteine, wie Sandkörner. Ich will nicht, dass die Leute denken, dass Valentino wegen mir schnell ist. Wir müssen uns stets daran erinnern: Er hat den harten Job.

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