Rohrers Welt: Motocross-WM in St. Jean d'Angély/F Tour der Leiden

Mit Ken Roczen unterwegs, freut sich der deutsche Motocross-Fan für gewöhnlich des Lebens: cool warten, bis der Jüngling den Gegnern enteilt, Fahnen schwingen, Sieg feiern. Diesmal gab's auch andere Emotionen, und auch unser zweiter Stollenheld Max Nagl konnte es nicht rausreißen.

Motocross ist das zweitbeste Gefühl der Welt." T-Shirts mit dieser Aufschrift gab es schon vor gut 30 Jahren. Und was die deutschen Fans zurzeit beim Off-Road-Grand-Prix erleben dürfen, kommt dem schon recht nahe.
Dafür sorgt regelmäßig Ken Roczen. Der 17-jährige Thüringer gewinnt mit seiner 250er-Werks-KTM den Start, eilt der Konkurrenz davon und führt die mitgereisten Unterstützer auf den wunderbaren 45-Minuten-Trip mit wohlbekanntem Ende ganz oben auf dem Siegerpodest. Selbst ein kurzer Wackler des souveränen Tabellenführers der kleineren, nicht immer langsameren MX2-WM-Rennen gleich in der ersten Runde bringt die Fans nicht aus der sicheren Vorfreude. Gut 30000 einheimische Cross-Fanatiker brüllen sich zwar, angeheizt von zwei ebenso wirksamen wie sachkundigen Streckensprecher-Einpeitschern, beim französischen GP in
St. Jean d’Angély nahe der aus anderen Gründen berühmten Stadt Cognac die Seele aus dem Leib, als ihr Jungheld Gautier Paulin am scheinbar unbezwingbaren deutschen Superhelden vorbeiwischt.Doch selbst wenn man allein mitten im blau-weiß-roten Orkan steht, gibt es keinen Grund zur Panik. King Kenny zermürbt den Gallier in kürzester Zeit, stellt die MX2-Hierarchie wieder her und gibt dem Yamaha-Fahrer bis ins Ziel 14 Sekunden zum Nachdenken mit. Dass dann auch noch ausgerechnet Roczens Hauptwidersacher im Titelfight, sein gar erst 16-jähriger niederländischer Teamkollege Jeffrey Herlings, völlig von der Rolle als nur Siebter Roczens WM-Tabellenvorsprung auf beeindruckende 25 Punkte anwachsen lässt, macht die schwarz-rot-goldene Feierlaune komplett.
So bleibt die Herzfrequenz der Roczen-Bataillone rund um die schöne Old-School-Piste im Herzen Frankreichs auch nahe am Ruhepuls, als das Startgatter zum zweiten MX2-Rennen fällt. Was soll schon passieren? Kenny gewinnt den Start, lässt in einer halben Runde die Konkurrenz schon um zehn Meter zurück und demütigt sie schon jetzt mit einem unfassbaren Scrab-Sprung bergauf.
Dies allerdings dachten wir nur ganz kurz. Denn
das quer zur Fahrtrichtung daherfliegende Motorrad war alles andere als unter Kontrolle. "Plötzlich kam das
Hinterrad voll quer - keine Ahnung wieso", sollte der Jungmeister viel später einräumen. Auf jeden Fall lag
Ken Roczen auf der Nase, mitten in einem Steilhang - und hatte jede Menge zu tun, bis er samt KTM wieder in der richtigen Richtung unterwegs war.
Bis 28 mussten wir nach Runde eins zählen. Paulin war wieder ganz vorn dabei, der Vollalarm der Franzosen nervte diesmal deutlich mehr. Und selbst als er etwas abebbte, war es mit der coolen Erfolgsgewissheit im deutschen Lager nicht weit her. Jetzt war auch noch Herlings vorn und die schöne Tabellenführung futsch. Der einzige Schwarz-Rot-Goldene, der die Ruhe wiedergefunden hatte, schien Ken Roczen selbst zu sein. Wie sonst beim Überrunden, pflügte er durch das Feld und brachte diejenigen, die noch halbwegs den Überblick hatten, an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Kann das Unmögliche wahr werden? Kann Ken Roczen sogar von ganz hinten noch nach vorn fahren? Geht auch heute wieder alles gut, wie schon am Vorabend, als Mario Gomez in Wien die Fußballblamage gegen Österreich verhinderte und mit dem Schlusspfiff noch das 2:1 reinknallte? Die Hoffnung der Fans flog schon wieder ebenso hoch wie die KTM mit der Nummer 94, Mitte des Rennens schon wieder auf Rang sieben - mit aufsteigender Tendenz. Selbst ein weiterer kleiner Rutscher schien die Mission nicht grundsätzlich zu gefährden. Bis ganz sonderbare Dinge passierten. Lassen wir unseren Helden selbst erzählen: "Das Motorrad ging plötzlich aus, keine Ahnung warum. Das hat mich sehr verun-
sichert, vor allem bei den vielen Sprüngen." Roczen hielt sich in den restlichen Runden sichtbar zurück und brachte seine Fans in große Sorge. Würde die KTM ganz verenden und ein eventueller Sieger Herlings den ganzen schönen Vorsprung mit einem Schlag ausgleichen?
Doch es gelang tatsächlich etwas Schadensbegrenzung. Roczen eierte als Elfter ins Ziel. Der britische Kawasaki-Werksfahrer Tom Searle tat der deutschen Fraktion den Gefallen, Jeffrey Herlings den Sieg noch wegzuschnappen, und reduzier-
te so Kennys Punktverlust, über das gesamte Wochen-
ende gerechnet, auf ein unbedeutendes Pünktchen.
Ken Roczen und KTM machten den Fans jedoch noch in zwei weiteren Punkten Kummer. "Wir konnten nach dem Rennen keinen Motordefekt feststellen", ärgerte sich KTM-Rennsportchef Pit Beirer. Und unabhängig davon hatte der deutsche Super-Crosser noch einmal unmissverständlich klargemacht, dass er auf jeden Fall, mit oder ohne MX2-WM-Titel 2011, ab 2012 komplett in den USA antreten wird, also im Supercross und der AMA-Pro Motocross Championship. Die Optimisten in Schwarz-Rot-Gold werden erwidern: Dann setzen wir eben auf Max Nagl, der fährt sogar eine Klasse höher in der MX1-Topliga, gewinnt auch Rennen und war ebenfalls schon Vizeweltmeister. Tatsächlich zeigte der Bayer in Frankreich zwei kämpferische Rennen, musste sich aber im Gegensatz zu seinen sonstigen Superstarts jeweils tief aus dem Feld wühlen.
Die Ränge sieben und neun waren in ihrer Entstehung zwar ehrenwert, stellten dennoch seine eigene wie auch die Leidensfähigkeit der Fans auf eine weitere, nicht ganz erwartete Probe.

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