MOTORRAD 24/2015: Mit dem Motorrad über den Ärmelkanal.

Leben: Mit Motorrad über den Ärmelkanal Grenzenlos

Über Grenzen hinweg Kontinente verbinden: Zu dem Zweck hat der Franzose Francis Lamotte ein Amphibien-Motorrad entwickelt. Wie das Foto zeigt, ist der erste Anlauf gescheitert. Die KTM liegt auf dem Meeresgrund. Aber Francis ist wohlauf, hat dazugelernt – und macht weiter.

Der Australier Patrick Coleman nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich dachte zuerst, der ist völlig übergeschnappt“, schildert er im Youtube-Video seinen ersten Eindruck von dem Franzosen Francis Lamotte. Beide, Patrick und Francis, sind sich 2014 mit ihren Bikes im hintersten Winkel Russlands begegnet. Patrick auf einer Suzuki DR 650, Francis auf einer KTM 690 Enduro – mit zwei ungewöhnlich dicken Packsäcken. Ihr Inhalt, so erzählte er dem staunenden Patrick, sei ein Schlauchboot und eine Art Antriebsadapter für die KTM. Denn als Ingenieur hatte sich Francis, der aus der Nähe von Grenoble stammt, einen Umrüstkit erdacht, mit dessen Hilfe sich sein Motorrad innerhalb weniger Stunden zum Motorboot umfunktionieren lasse. Eine Idee, bei der einem der Ausdruck „übergeschnappt“ durchaus in den Sinn kommen kann.

Und erst recht bei dem, was der Franzose damit vorhatte: mit seinem Motorradboot vom östlichsten Zipfel Sibiriens zur nordwestlichsten Spitze Alaskas überzusetzen. Die gut 80 Kilometer breite Beringstraße trennt Russland von Nordamerika. Die Idee hinter der Idee: „Den Menschen auf beiden Kontinenten zeigen, wie nahe sie sich eigentlich sind“ ist die gar nicht so übergeschnappte, humanistische Mission des Franzosen. Und als Techniker hatte er sich an die Umsetzung gemacht. Doch Mitte August 2014, als er in Ostsibiren angekommen war, musste Francis schließlich erkennen, dass das Wetter für die Überquerung schon wieder zu schlecht und seine Ausrüstung noch nicht gut genug war.  Er machte auf konventionelle Weise kehrt.

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Vom englischen Rye ins nordfranzösische Boulogne-sur-Mer

Wieder daheim in Europa, traf Francis erneut auf den Australier Patrick, der nach England übergesiedelt war und sich mittlerweile für Francis' Projekt begeisterte. Gemeinsam entwickelten beide den Plan, es 2016 aufs Neue und besser vorbereitet mit der Beringstraße zu versuchen. Im Juli 2015 planten sie, quasi als Test- und Promotionfahrt, auf der KTM den Ärmelkanal zu überqueren: vom englischen Rye ins nordfranzösische Boulogne-sur-Mer.

Das Meer ist spiegelglatt, als Francis im Morgengrauen des 25. Juni 2015 den Hafen von Rye verlässt. Er sitzt im Sattel seiner KTM, das Boot liegt stabil und macht rund zehn Knoten, also 18 km/h. In knapp vier Stunden, so hat er errechnet, müsste er die 65 Kilometer bis zur Küste Frankreichs geschafft haben. Die elf Liter Sprit des serienmäßigen Hecktanks der KTM sollten reichen, so die Kalkulation. Sicherheitshalber hat Francis den 14-Liter-Zusatztank vorn aber auch vollgetankt. Der Single schnurrt mit 3000/min, und es ist so windstill, wie der Wetterbericht vorhergesagt hatte.

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Nach weniger als einer Minute ist vom Motorradboot nichts mehr zu sehen

Nach zwei Stunden soll Patrick, der im gecharterten Motorboot mit zwei Ärmelkanal-Profis nebenher fährt, um zu sichern und das historische Ereignis zu filmen, auf hoher See den KTM-Lenker übernehmen. Und für fast zwei Stunden läuft auch alles nach Plan. Bis Francis den irritierenden Geruch von verbranntem Plastik wahrnimmt. „Ich dachte zuerst an ein Nylonseil, das vielleicht zu nah am Motor war“, berichtet er später. Und dass er schon wenige Augenblicke später noch einen zweiten, weitaus irritierenderen Geruch wahrnahm: Benzin! Francis greift an die Flanken des vorderen Kunststofftanks. Sie reichen weit über die Seiten des wassergekühlten Einzylinders nach unten. Ein zusätzlicher Lüfter soll den Single vor Überhitzung schützen – was funktioniert: Hier ist alles kühl und normal.

Doch die Spritfontäne, die plötzlich aus dem Hecktank seitlich ins Meer schießt, ist es nicht. Und schon gar nicht, dass nur Sekunden später das halbe Boot in Flammen steht. Francis rettet sich mit einem Kopfsprung nach vorn ins Wasser. Knallend explodieren die Luftkammern, schlapp schlägt das Schlauchoot um, zischend verlieren sich die letzten Flammen auf dem Wasser. Nach weniger als einer Minute ist vom Motorradboot schon nichts mehr zu sehen. Vom Begleitboot aus starrt Francis triefend nass und fassungslos der schwarzen Rauchwolke hinterher, die sich langsam verzieht: „Der Auspuff hat den Hecktank schmelzen lassen“, sagt er schließlich. Ein simples Hitzeschutzblech hätte das Inferno verhindert, ist sich Francis heute sicher. Und er will es noch mal versuchen. Mit einer Yamaha TT 600. Mit Patrick und der Beringstraße. Aber erst 2017.

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