Sunday Ride Classic Frivoles Fahren

Frech, frei, französisch: Zu Ostern feierten wieder Tausende Fahrer auf und abseits des Circuit Paul Ricard in Le Castellet den Sunday Ride Classic als ein wahres, frivoles Festival des Motorrads.

Warmer Wind streichelt die Haut, Sonne und blauer Himmel betören. Das Leben ist anders in Südfrankreich, hier ist schon am ersten April-Wochenende richtig Frühling. Dazu gibt es einen Motorrad-Saisonauftakt vom Feinsten. Neben Giacomo Agostini auf der Replika der legendären 500er-Dreizylinder-MV kreischt eine Gilera-Vierzylinder vor sich hin. Sie war in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre extrem erfolgreich, ja dominant im Grand Prix. Noch heute sind ihre vier dicken Krümmer an dem dohc-Motor mit seinen beiden weit auseinandergespreizten Nockenwellen extrem charakteristisch. Genau wie der orange lackierte, lange und schmale Tank. Ein 240-km/h-Geschoss mit Trommelbremsen.

Kein Zweifel, der Sunday Ride Classic auf und am Circuit Paul Ricard findet nicht bloß an einer der schönsten Rennstrecken des Planeten statt. Sondern die gesamte Atmosphäre in Le Castellet bringt benzindurchtränktes Blut extrem in Wallung. Schiebung! Nach dem Fototermin im Stand werfen ein, zwei Helfer sprintend die MV von „Ago Nazionale“ an. Sie erwacht bellend, brüllend wie ein wildes Tier. Der Rekordweltmeister hält sie mit dosierten Gasstößen am Leben. Ehe er damit auf die Start-Ziel-Gerade losdonnert. Es tut gut, Jim Redman mal wieder zu sehen. Gentleman Jim hat immer noch Freude am Umgang mit seinen Fans. Nun, 2014, ist der alte Haudegen immerhin schon 82. Der sechsfache Weltmeister und TT-Sieger wirkt fast ein wenig verloren im Sattel.

Anzeige

Wie die belgischen Bikers’ Classics, nur eben auf Französisch

Auch sonst sind haufenweise Ex-Champs, ehemalige Weltmeister und Grand Prix-Fahrer hier. Zum Bewundert-Werden, zum Anfassen, zum Es-noch-mal-schön-Fliegen-Lassen. „Fast“ Freddie Spencer, der superschnelle Amerikaner, holte 1983 und 1985 drei Weltmeistertitel für Honda. Keine Frage, auf was der 27-fache GP-Sieger startet. Er darf heute zwischen zwei verschiedenen, pfeilschnellen Zweitakt-Renn-Replikas wählen. Nicht nur der stets smart und jugendlich wirkende US-Boy ist extrem gut drauf. Auch die anderen alten Recken sind bestens gelaunt. Christian Sarron kennt als Südfranzose die 5,81 Kilometer lange Strecke noch gut. Franco-allemand: Man darf auch auf Deutsch mit ihm parlieren, das kann Christian echt gut.

Alberto „Johnny“ Cecotto aus Venezuela hat es hierhin geschafft. Ebenso der Nordamerikaner Steve Baker (natürlich auch auf Yamaha) und der südafrikanische Kawasaki-Pilot Hugh Neville „Kork“ Ballington. Kein Zweifel, jetzt, im Frühjahr 2014, ist Paul Ricard der Nabel der klassischen Motorradwelt. Dafür sorgen auch der siebenfache Weltmeister Phil Read als „Prince of Speed“ und die Langstrecken-Legende Alain Genoud. Das sind noch längst nicht alle Motorrad-Persönlichkeiten, die hier versammelt sind. Zusammen passen sie kaum aufs Gruppenfoto. Doch zum echten Motorradfest, ja Festival, machen die vielen Zuschauer und Teilnehmer beim freien Fahren die Veranstaltung. Sie ist so etwas wie die belgischen Bikers’ Classics.

Nur eben auf Französisch, noch frecher, fröhlicher und frivoler. Schon der Besucherparkplatz ist extrem bunt. Die Motorräder sind leger, Fahrer und Fahrerinnen locker, die Atmosphäre ist gelöst. An den beiden Tagen verfolgen zusammen laut Veranstalter 15 000 zahlende Zuschauer das Spektakel. Sie kommen auf allem an, was grollt und rollt, röhrt und röchelt, stampft und bebt: Voxan Scrambler und Honda CB 750 Four, BMW R 71 und Kawasaki Z1, Sachs Mad Ass 125 und Benelli Tornado Tre: Gleich drei der höchst seltenen Dreizylinder-Maschinen donnern später beim freien Fahren gemeinsam im Tiefflug über die traumhafte Rennstrecke. Ihr hell schreiender Klang gibt Gänsehautgarantie. Herz, was willst du mehr.

Anzeige

Ziemlich alles, was in den letzten 30, 40 Jahren auf zwei Rädern rollte

Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Von einer historischen Norton oder BSA bis zu Casey Stoners Ex-Ducati-Desmosedici. Schon mal eine Yamelli gesehen? Bitte sehr: der Motor einer Yamaha RD 250 in einem leichteren, sportlicheren Benelli-Rahmen. Im Fahrerlager parkt, auf der Strecke fährt so ziemlich alles, was in den letzten 30, 40 Jahren auf zwei Rädern rollte. Oder wenigstens denkbar war. Mit zwei oder vier Takten, wenn es sie gäbe, würden hier auch Dreitakter sein. Mehr Vielfalt an Zylinderzahlen ist jedenfalls nicht denkbar: Ein-, Zwei-, Drei-, Vier- Fünf- und Sechszylinder! Ja, richtig gelesen auch Fünfzylinder.

Möglich machen es die verrückten Konstruktionen des Monsieur Borgetto: Der Gipfel seiner frech-verwegenen Eigenbaukonstruktionen ist ein 312 cm³ kleiner Fünfzylinder, die JLSP 305. Die Initialen stehen für seinen Vornamen, also „Jean-Luc Spezial“. Das ist eine spektakuläre, klassisch inspirierte Rennmaschine im Stil der Honda RC 149, mit der Luigi Taveri 1966 125er-Weltmeister wurde. Jean-Luc Borgetto nutzte dafür den Motor einer Honda CBR 250 RR von 1990 und ergänzte ihn um einen fünften Zylinder. Er kann aber auch anders herum, sprich amputieren. Seine bildschöne Dreizylinder-JLSP 503 ist eine Hommage an Giacomo Agostinis erfolgreichen GP-Renner – hier und heute ja mit „Ago Nazionale“ live als Replika zu bewundern.

Der 495-Kubik-Triple basiert auf dem Vierzylinder einer 2000er-Yamaha R6: um einen Zylinder gekappt und mit Gehäuse, Kurbel- sowie Nockenwelle aus Eigenproduktion ergänzt. „Die Motorräder, die ich baue, entsprechen dem Geiste der Motorräder des GP der Jahre 1960/70, denn das sind die Jahre meiner Jugend“, sagt Jean-Luc. Einen vierseitigen Bericht über die beiden Maschinen sowie seinen 155er-Drei- und 250er-Vierzylinder brachte schon MOTORRAD Classic 8/2014. Der verrückte Franzose hat Fahrfilme mit tollen Klangproben im eigenen Video-Kanal auf Youtube eingestellt: Einfach mal das Stichwort JLSP 153, JLSP 305 oder JLSP 503 eingeben. Es lohnt sich.

Dies gilt erst recht für die Atmosphäre beim Vier-Stunden-Rennen im Rahmen der European Classic Series ECS (siehe MOTORRAD 4/2015). Am frühen Samstagabend donnern diese historisch inspirierten oder gar tatsächlich richtig alten Rennmaschinen im Le Mans-Start los. Dann gibt es kein Halten mehr. Bald leuchtet der Himmel in allen Pastellfarben. Wenn die Nacht ihren Schleier über die Rennstrecke mit den charakteristischen blauen Curbs legt, ist die Atmosphäre unvergleichlich. Es erinnert sehr an „damals“, beim sagenhaften Bol d’Or. Denn der Circuit Paul Ricard war ja schließlich von 1978 bis einschließlich 1999 Austragungsort der legendären 24-Stunden-Rennen in Frankreich.

Ehe der Tross der aktuellen Rennmaschinen im Jahr 2000 zur Rennstrecke von Magny-Cours weiterzog. 2015 kommt die Endurance-WM am 19. und 20. September zurück nach Le Castellet. Doch bereits beim Sunday Ride Classic kann man zu Ostern Sonne und Wonne tanken. Dort wartet freches, frivoles Fahren!

Infos/Tipps Sunday Ride Classic

Der Sunday Ride Classic startet 2015 zu Ostern. Karten fürs Wochenende 4. und 5. April kosten 20 Euro, inklusive Camping 30 Euro. Kinder/Jugendliche bis 16 Jahre haben freien Eintritt. Für kurzentschlossene Motorrad-Menschen auf Pilgerreise: Die Anfahrt von Karlsruhe bis nach Le Castellet über die Autobahn via Lyon sind gut 900 Kilometer, davon fast 750 in Frankreich (Ausfahrt: Gémenos); dies kostet pro Strecke und Pkw rund 60 Euro Maut. Mit Motorrad empfehlen sich dagegen schönere Strecken, wie etwa die Route Napoleon. MOTORRAD nutzt genau diese Gegend im Winter zum Testen und Fotografieren! Infos: www.sundayrideclassic.com und www.circuitpaulricard.com

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote