Leben Glemseck 101 Hundertundeins geht immer

Wer genug hat vom Plastik-Firlefanz und dem digitalen Tsunami, konnte sich bei der neunten Auflage des Glemseck 101 in aller Ruhe zurücklehnen. Bei genial schönen Motorrädern, schrägen Typen, schrillen Mädels und einem Hauch gelebter Anarchie ließ sich sogar die Zeit ein bisschen zurückdrehen.

Jethelm, Jeans, Jacke, die Fluppe im Mundwinkel und ein Motorrad unterm Arsch, das mindestens so lässig daherkommt, wie der Kutscher selbst. Keine Frage, sicherheitstechnisch ist das oft letzte Rille, aber mehr Lust auf das leidenschaftliche Abfackeln von teurem Sprit auf zwei Rädern geht nicht. Der Konvoi aus maximal minimierten Maschinen nimmt kein Ende. Guzzi, Harley, Triumph, bayerische Flat-Twins in allen erdenklichen Variationen, dazwischen plärrende Mopeds der 70er-Jahre und japanische Youngtimer aus allen Epochen.

Gestrippt bis auf die Kühlrippen, als handwerkliche Skulpturen erster Güte oder schnoddrig zusammengebrutzelte „Eigenbauten“. Egal, am Glemseck 101 ist alles erlaubt, weil es keine Schub­laden gibt, keine Aufpasser, die der hemmungslosen Vermischung aus Klassik und Hightech den Stempel verweigern. Ein Umstand, der genau deshalb die großen Hersteller anlockte, die jenseits aller Marketing-Vorgaben mit den wildesten Bobbern und Café Racern ihren Serienmaschinen die Show stahlen. Allen voran Triumph, die sich unters Volk mischten und leidenschaftlich die Kehrtwende zum mechanisch überschaubaren Krad begleiten.

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Je älter wir werden, desto schneller sind wir früher gefahren

Logisch, im Zentrum des Retro-Bebens mit seinen über 40 000 Besuchern haben auch am Glemseck 101 die etablierten Künstler ihre Zelte aufgeschlagen. Walzwerker Markus Walz, Jens von Brauck, Urban Motor und so ziemlich alle, die sich der bodenständigen Mechanik verschrieben haben. Schön gemachte Unikate, keine Frage und allseits bekannt aus Presse und Netz. Aber irgendwie auch abgegriffen, von einer Messe zu nächsten geschleppt und irgendwann fast zum seelenlosen Muster verkommen.

Und wie so oft, lebt auch die Szene der Café Racer und Klassiker dort richtig auf, wo die Rampenlichter auf ihrem Weg zum nächsten „Highlight“ nur scheu vorbeihuschen. Draußen auf der Camping-Wiese und der Zelt-Allee abseits der Show-Meile. Vollbepackt mit Gepäckrolle und eingesifft vom fiesen Wolkenbruch, trudeln derart feine Kreationen ein, dass sie jenen der großen Customizer-Gurus in nichts nachstehen. Im Gegenteil, diese Maschinen fahren sogar im Alltag. Und zwar TÜV-gerecht und nutzwert-orientiert. Denn genau das ist die ganz große Kunst beim fachgerechten Customizing.

Einfach mit der Flex den Rahmen zurechtstutzen, eine Fünfliter-Benzinpfütze zurechtdengeln und vorn einen unfahrbar fetten Stollenreifen über die Felge stülpen, sieht zwar martialisch aus – fährt aber scheiße, und der TÜV legt die Kiste vor Ort still. Der große Applaus geht deshalb an die Jungs und Mädels draußen auf den Wiesen und Plätzen vor dem Glemseck. Dort, wo vor 50 Jahren John Surtees, Carlo Ubbiali und Konsorten ihre Wohnwagen und Werkstattzelte in die Wiese stellten, wabern heute Rauchschwaden aus würzig eingelegtem Grillgut und dem nicht minder würzigen Duft gut gestopfter Pfeifen bis in die frühen Morgenstunden durchs Glemstal. Back to the roots, prasselnde Lagerfeuer und schaurig-schöne Geschichten von früher, frei nach dem Motto: Je älter wir werden, desto schneller sind wir früher gefahren.

Stehende Ovationen gelten aber auch denen, die diese grandiose Veranstaltung samt spannender Viertelmeilen-Sprintrennen auf die Beine gestellt haben: Hannelore Sonnet, Jörg Litzenburger, Steven Flier und Peter Herrle und ihren vielen Helfern und Handlangern. Danke, thank you, merci, grazie, bedankt und Tschüss bis zum nächsten Glemseck 101.

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