Saisonauftakt auf Teneriffa.

Motorradreise auf Teneriffa Schräg lass nach

Auf ihr thront Spaniens fettester Vulkan. Millionen Touristen besuchen sie. Und dennoch bewahrt sie Geheimnisse, die vielen verborgen bleiben. Gründe genug für eine Motorradreise auf Teneriffa.

Regen trommelt gegen mein Fenster. Genau wie gestern. Und vorgestern. Ich brauche dringend eine Lichtveränderung! Geraschel im Hausflur. Diana kommt nach Hause. Triefend wie Jack Sparrow, den man gerade aus der verfluchten Karibik gezogen hat, sperrt sie die Wohnungstür auf. „Was hältst du eigentlich von Teneriffa?“

Drei Wochen später: Willi fährt voraus. Mit seiner GS. Auf seiner Hausstrecke. Souverän und so was von relaxt. Willi kennt sich aus. Auf der Kanareninsel Teneriffa. Seiner Insel. Diana und ich brummeln hinterher. In Adeje waren wir noch zusammengezuckt: Der in Beton gegossene Urlaubstraum anderer Geplagter hatte Autobahnanschluss und 160 000 Hotelbetten. Aber jetzt, am Einstieg in die Masca-Schlucht, sind die immobilen Miturlauber vergessen. Gerade hopst die Straße über eine Kuppe, und vor uns breitet sich eine zerklüftete Landschaft aus. Mittendrin: eine dreidimensionale Carrera-Bahn mit einer Straßenbegrenzung aus Legosteinen.

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Erster Gang, Lenkanschlag

Viel breiter als die Kinder-Carrera-Bahn ist die Straße wirklich nicht. Überholen? Kein Problem, denn die an der Kuppe noch dräuenden Mietwagenkolonnen können wir gleich am ersten Panorama-Selfie-Punkt abschütteln. Dafür bremsen uns die Innenkurven der Kehren hinunter in die Schlucht aus. Die Dinger sind eng wie Büroklammern. Erster Gang, Lenkanschlag. Aber nicht die Kehren selber bringen ein Stakkato in unseren Rhythmus, sondern ein bemitleidenswerter Goldwing-Kollege, der seine 1800er nur im Rangierbetrieb um die Ecken bringt. So haben wir Zeit, immer wieder einen Blick durch die Schlucht in Richtung Meer und Nachmittagssonne zu werfen.

Gerade noch protzte der Sonnenuntergang mit herzerwärmendem Kitschlicht über das Meer, da stürzt auch schon die Nachtschwärze aus dem Himmel. Willi, unser freiwilliger Guide für einen Tag, hat sich verabschiedet, und wir quartieren uns bei Pascal in der „Casa la Ranita“ in Los Silos ein. Mit seiner Frau hat er das historische Stadthaus direkt an der Plaza de la Cruz in eine gemütliche Herberge verwandelt. Statt eines Dachs hat die „Casa la Ranita“ eine einladende Dachterrasse mit Sternenblick.

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Teneriffa hat noch nicht einmal die Maße des Saarlands. Aber genieren muss sich die Insel dennoch nicht. Mutter Natur spendierte ihr Spaniens Berg und Vulkan Nummer eins. Der Teide markiert mit seiner strahlend weißen Gipfelkappe den Rand Europas wie ein Leuchtturm mit Dauerlicht. Von seiner Spitze blickt man auf die Satelliteninseln herab: La Gomera, La Palma, Gran Canaria. Angefixt von dem Gedanken an diese Aussicht reitet mich der morgendliche Teufel: Sonnenaufgang am Teide!

Es wird schon nicht so kalt ...

Dianas Motivationsschwelle liegt unter Normalnull. Egal! Dann fahre ich halt alleine, und wir werden am Mittag Wiedervereinigung feiern. Ich kalkuliere mit dem Schulwissen durch: Wenn alle 100 Höhenmeter die Temperatur um 0,65 Grad nachlässt, dann wird das Quecksilber von Los Silos auf Meereshöhe bis zum Plateau zu Füßen des Teide um knapp 20 °C fallen. Jetzt, eine Stunde vor Sonnenaufgang, meldet das Thermometer neun Grad. Minus 20 macht … ach Quatsch. Es wird schon nicht so kalt. Und mit dem Sonnenaufgang ändert sich ohnehin alles. Los geht’s!

Ein bläulich-weißer Lichtkegel tastet sich über die kurvige Auffahrt von Erjos. Er huscht über Bäume, Unterholz verliert sich allzu oft in einem schwarzen Nichts. Gibt es hier nicht mal eine längere Gerade, damit ich den Streckenverlauf nicht immer erst erfühlen muss? Das Dach aus Bäumen über mir verdrückt sich langsam, macht dem interstellaren Milchstraßen-Highway Platz. Könnte mich jemand von dort aus sehen, wäre ich ein Winzling auf einer winzigen Straße auf einer winzigen Insel.

Es wird bestimmt gleich wärmer ...

Die Weltraumkälte ergießt sich über den Teide, sickert seine Hänge hinab bis unter meine Klamotten, bläst mir geeiste Luft hinter das Visier. Die Griffheizung läuft im Toaster-Modus, und dennoch frosten die Fingerspitzen wie Fischstäbchen in der Tiefkühltruhe. Bestimmt wird es gleich wärmer, wenn die Sonne ihre Strahlen über den Atlantik schickt. Hofft meine Fantasie. Das Bordthermometer hält sich mehr an die Realitäten und meldet minus sechs Grad ins Cockpit. Wann habe ich zuletzt so gefroren? Und was ist eigentlich mit Glatteis? Jetzt minus zwölf. Warum bin ich Trottel nicht im Bett geblieben? Zehn Minuten später, bei minus 14 Grad, weiß ich es dann endlich: Eine Fontäne glühenden Gelbs schießt mir in die Augen. Blinzelnd erkenne ich die weißen Kuppeln der Sternwarte jenseits des Teide. Im Rückspiegel wird der eigentlich schneefarbene Gipfel des Bergs in saftiges Orange getunkt. Ringsherum glühen die tagsüber todschwarzen Lavafelder, als ob sie sich schmelzend wieder in Bewegung setzen wollten. Dann steigt grellgelber Dunst vom Ozean auf, hüllt die Felsmassen des benachbarten Gran Canaria bis zur Unsichtbarkeit ein und vergeht dann unter der Macht der Sonne. Was für ein Spektakel! Ich brauche dringend einen Café con leche zum Auftauen.

Durch Miniaturwüsten und Mondlandschaften

Algeriens Hoggargebirge, Australiens Halbwüsten, die Lavafelder des Ätna: Der Teide hat Formen aus Mutter Erde gepresst, die allesamt von woanders zu stammen scheinen. Mitten im Geologenspektakel treffe ich Diana, die sich doch früher als gedacht auf die kleine F geschwungen hat und mir entgegengefahren ist. Durch Miniaturwüsten und Mondlandschaften strudeln wir die wilde TF-523 zur Ostküste hinunter, bis wir an der Punta de Abona auf die Landschaft des Marsianers treffen. Die einzigen Anhaltspunkte ehemaligen irdischen Lebens: der Leuchtturm. Und eine fahrbare Mülltonne. Vermutlich Mark Watneys Rettungskapsel. Wir selber retten uns nach Benijo und docken an der Nordküste an. Aber wieso habe ich die Route über San Andrés eingeschlagen?

Irgendwo vor Santa Cruz, der Inselmetropole, muss ich den falschen Abzweig genommen haben. Als ich den Fehler bemerke, hat mein hirninternes Navi schnell eine Alternativroute ausgemacht: über San Andrés nach El Bailadero. Beim schnellen Blick auf die Karte ist mir allerdings das Straßengewürm entgangen, das uns jetzt unter die Reifen kommt. Zwischen spitzen Hügeln quirlt blitzsauberer Asphalt bergan. Links piken langarmige Kakteen in den Himmel, rechts haben sich knäuelige Büsche in die Hänge gekrallt. Dazwischen unterbrechen terrassierte Felder und die allgegenwärtigen Bewässerungsrinnen der Bauern die puscheligen Teppiche aus Grün. Hoppla! Da ist ja schon der Abzweig nach Benijo! Und wo ist überhaupt Diana?

Die Verbindung zur Unendlichkeit

Mit einer Mischung aus „Äh, Tschuldigung“ und „Das war aber auch geil!“ gestikuliere ich gefühlte Minuten später in Richtung Diana. Die Gäule waren doch ordentlich mit mir durchgegangen, während Diana das motomobile Sightseeing-Programm genoss. Aber die eigentliche Attraktion kommt erst noch. Hinter einem Tunnel, in dem Aladins Wunderlampe Wunder wirken würde, knickt die Straße abrupt nach rechts ab. Zipfelmützenberge weiten sich zu einem tief eingeschnittenen Delta, an dessen Ende der türkise Atlantik die Verbindung zur Unendlichkeit hält. Auf halber Höhe sind strahlende Häuser organisch in die Landschaft eingebettet. Unsere Straße folgt allen Winkeln, umrundet einen Inselberg und pendelt dann lässig hinunter ans Meer.

Die Brandung rauscht gegen Felsen und in den Ohren. Warmer Wind streicht die salzige Gischt über den Strand. Auf einer Anhöhe gewinnt die Terrasse vom Restaurant „La Vena Marrero“ den ersten Platz im Panorama-Wettbewerb. Ohne Zögern biegt Diana auf den Parkplatz vor der Terrasse ein. Eine Viertelstunde später tunken wir die zerknitterten papas arrugadas in die Mojo-Soße, blinzeln gegen die Sonne in die glitzernden Wellen. Hat es jemals schlechtes Wetter gegeben?

Infos

Ein paar aufregende Motorradtage auf der Atlantik-Insel mit Landschaften, die in Australien, Südamerika oder auf dem Mars liegen könnten, sollte man sich mal gönnen.

Anreise/Jahreszeit: Teneriffa lebt im Luxus ganzjährig milden Klimas. Was nicht heißt, dass es dort nicht besonders warm oder kalt werden kann. Aber egal zu welcher Jahreszeit: Man findet fast immer ein angenehmes Fleckchen. Im Winter sind die Küstenregionen wohltemperiert, im Sommer ist es in den Hochlagen noch angenehm. Regen geht, wenn überhaupt, meist über der Nordhälfte der Insel nieder. Wer das Wetter einigermaßen im Blick hat, kann fast immer auf trockenen Straßen unterwegs sein. Die Anreise mit einer Billigfluggesellschaft belastet die Reisekasse unter Umständen mit weniger als 100 Euro. Zwischen September und April können Motorräder z. B. bei der deutsch geführten Firma Teneriffa on bike (www.teneriffa-on-bike.de, Partnerfirma von BMW) gemietet werden. Die Preise beginnen bei 310 Euro für drei Tage auf BMW F 700 GS. Im Programm sind aber auch F 800 GS und R 1200 GS. Selbst Bekleidung wird angeboten. Willi van Bebber kennt sich auf der Insel bestens aus und gibt wertvolle Tipps. Wer will, kann auch geführte Touren buchen.

Die Strecke: Wir haben in einer sehr entspannten Woche knappe 600 Kilometer zurückgelegt. Die meisten Straßen Teneriffas sind in gutem bis sehr guten Zustand. Wer es einmal eilig hat, findet auf drei Vierteln der Insel die durchgehende Küstenautobahn. Abseits der Küste sind die Strecken zum Teil extrem kurvig. Passionierten Alpenfahrern wird das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein besonderes Bonbon ist der Abstecher in die Masca-Schlucht. Die Straße ist zwar gut asphaltiert, aber mit engen Kehren gesegnet. Vor dem Einlenken immer auf den Gegenverkehr achten. Denn der benötigt in Kurven manchmal die ganze Straßenbreite. Bei der Auffahrt zum Teide ist früh morgens auf Glätte zu achten. An einem Tag war die Teide-Querung auf der Höhe des Paradors sogar komplett vereist.

Unterkunft: Wir haben in der „Casa La Ranita“ (www.casalaranita.org) gut gelebt (sechs Tage ca. 300 Euro, saisonabhängig). Das Haus liegt in Los Silos, abseits des Trubels an der Nordwestecke der Insel. Pascal und seine Frau Bene führen das Eco-Hotel mit viel Engagement. Das „Restaurante El Burgado“ (www.restauranteelburgado.com) erreicht man nach zehn Motorrad-Minuten. Frische Fische werden unter Fischernetzen direkt am Wasser serviert. Panorama inklusive.

Aktivitäten: Teneriffa gilt unter Wanderfreunden als Topspot. Pas­cal von casalaranita.org hat jede Menge Infos für Tagesetappen parat. Die Wanderung auf den Teide ist sicherlich ein Highlight. Dazu benötigt man eine kostenlose Genehmigung. Infos: www.reservas parquesnacionales.es. Wem der Fußweg zu anstrengend ist, kann per Seilbahn zum Gipfel hinaufgleiten: www.telefericoteide.com/de. Wasserratten und Strandfreunde finden vor allem an der Westküste alle touristischen Erleichterungen. Surfer und Kiter sind an der Südküs­te bei El Medano gut aufgehoben.

Karten: Freytag und Berndt bieten eine umfangreiche Teneriffa-Karte im Maßstab 1:50 000 an. Für 9,99 Euro geht sie auf Inseltour.

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