Husqvarna Vitpilen 1301 mit 1290er-Twin.

Neuheit: Husqvarna Vitpilen 1301 Pierers Prophezeiung

Hoppla, das geht schneller als gedacht. Noch sind die Vitpilen 401 und die große Schwester 701 nicht auf der Straße, schon läuft sich anscheinend mit der Husqvarna Vitpilen 1301 im Hintergrund die Krönung der Baureihe warm. Genau so, wie es KTM-Chef Stefan Pierer einst angekündigt hat.

Man darf nicht jedes Wort von KTM-Boss Stefan Pierer auf die Goldwaage legen. Aber es lohnt sich immer, ganz genau zuzuhören, wenn er die Zukunft seiner Marken skizziert. So wie im vergangenen Jahr im MOTORRAD-Interview: „Das, was wir jetzt tun, ist ziemlich aggressiv. Wir werden neben den Offroadern eine komplette Palette Husqvarna-Streetbikes von 125 bis 390 Kubikzentimetern (…) anbieten. Und wir werden dasselbe (…) mit unseren Motoren vom 690er-Einzylinder bis zum 1300er-Super-Duke-Motor tun. Diese Motorräder werden eindeutig Husqvarnas sein, mit einem zum jeweiligen KTM-Modell sehr unterschiedlichen Konzept.“ Dass diesen Worten auch Taten folgen, bewies nicht zuletzt die Studie der Husqvarna Vitpilen 701 auf der EICMA im Herbst letzten Jahres.

Und jetzt also die ganz große Schwester? Um ehrlich zu sein, MOTORRAD hatte zunächst mit einem anderen Konzept gerechnet, nämlich einem Power Cruiser nach Ducati XDiavel-Vorbild. Davon hatten Stefan Pierer und KTM-Designer Gerald Kiska schon häufiger öffentlich gesprochen. Pierer hatte so ein Motorrad bereits für 2019 angekündigt. Und tatsächlich waren auf den geheimen KTM-Testfahrten, bei denen die Fotos dieser Seiten entstanden, eine XDiavel und eine Harley V-Rod Muscle zum internen Vergleich dabei. Aber: Diese neue Husky hat mit einem Power-Cruiser außer der extrem reduzierten Heckpartie so viel gemein wie des KTM-Chefs ausgeprägtes Selbstbewusstsein mit einem Minderwertigkeitskomplex. Die technische Ähnlichkeit zum an gleicher Stelle fotografierten Facelift der 1290er-Super-Duke-R hingegen – die musste wegen Euro 4 ohnehin unters Messer – ist so verblüffend wie entlarvend. Die Chance, dass wir hier das Husqvarna-Pendant zur PS-gewaltigen Super Duke R sehen, ist also mehr als wahrscheinlich. Das schließt aber keinesfalls aus, dass in absehbarer Zeit auch ein Power Cruiser von KTM und/oder Husqvarna folgen wird. Ein perfekter, wenn nicht „der“ perfekte Motor dafür liegt bei KTM ja ohnehin im Regal. Laufruhig bis tief in den Drehzahlkeller, mit gleichmäßiger Leistungsentfaltung und feiner Gasannahme – das sind Anlagen, die auch einem Cruiser bestens zu Gesicht stehen. Das dürften auch diese Vergleichsfahrten bewiesen haben.

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Wie auch immer, in dieser Form ist die 1290er eindeutig eher Power Naked als Power Cruiser. Und auch eindeutig mehr Husqvarna als KTM. Unübersehbar sind Husky-Attribute wie der organisch gerundete Bugspoiler und die ovalen, ziemlich dominanten Tankausbuchtungen im Stil der kleinen 401 und 701, von denen die große 1301 auch die typische waagerechte Linienführung von Tank und Sitzbank übernommen hat. Wenn auch nur in Ansätzen, denn selbst für Stefan Pierer und Husqvarna gelten nach wie vor die physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Soll heißen: Während man es auf den kleineren Einzylindern auf der topfebenen Sitzfläche noch schafft, sich bei vollem Leistungseinsatz am Lenker festzukrallen, streckt eine 1300er mit über 140 Newtonmetern und mehr als 170 PS bei dieser Übung ziemlich sicher zuerst das Vorderrad gen Himmel und dann ihren Fahrer zu Boden.

Also lieber formale Ansprüche herunterschrauben und etwas Sitzmulde riskieren. Auch die deutlich tiefer positionierten Lenkerhälften helfen in dieser Beziehung sicher weiter. Gleichzeitig wirken sie ungemein identitätsstiftend, unterstreichen sie doch die eingeschlagene straßensportliche Husky-Linie und verhelfen so der gesamten Familie zu einer Asphalt-Verbundenheit, die im Gegensatz steht zur nach wie vor vorhandenen Offroad-Nähe der KTM-Duke-Bande.

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Wobei es abzuwarten gilt, wie weit es die Design-Lösungen der 1301 in die Serie schaffen werden. Das ultrakurze Stummelheck ist derzeit nicht mehr als eine Verkleidung des Gitterrohr-Heckrahmens, der anscheinend wie der gesamte Rahmen inklusive Rädern und Fahrwerkskomponenten von der Super Duke R übernommen wird. Einziger offensichlicher Unterschied: Die Halter für die Beifahrer-Fußrasten sind bei der KTM am Heckrahmen verschraubt, bei der Husqvarna finden sich dafür Ausleger am Hauptrahmen, die auch den Schalldämpfer halten. Dass es überhaupt Beifahrer-Fußrasten gibt, unterstreicht zusätzlich den provisorischen Charakter dieser Heck-Ansicht. Wo Fußrasten, da auch eine Sitzmöglichkeit – sollte man vermuten. Das in den Kennzeichenträger integrierte Rücklicht jedoch zeigt auch: Richtig kuschelig wird es in der zweiten Reihe nicht werden.

Aber Sofa-Komfort würde zum reduzierten Husqvarna-Image auch nur bedingt passen. „The new Classics“, sagte Stefan Pierer einmal, „das ist das Husqvarna-Thema. Mit State-of-the-Art-Komponenten, kein recycelter Schrott.“ So etwas, da sei er sich sicher, würde auch die Jungen wieder aufs Motorrad bringen. Ob’s stimmt? Bislang sind Pierers Prophezeiungen meist eingetroffen.

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