Neuheiten BMW und Harley 2017 Klassik und Moderne

BMW baut die erfolgreiche klassische R nineT-Reihe mit Luftboxer massiv aus. Harley-Davidson hingegen setzt erstmals Vierventiltechnik beim Big Twin ein – eine kleine Revolution.

Retro, Vintage, Heritage – vor diesen Begriffen gibt es derzeit kein Entrinnen. Old-Style-Motorräder gelten nämlich bei jungen Menschen als angesagt, und nach dieser frischen Kundschaft verzehrt sich die Branche geradezu. Weil die Hersteller aber nichts davon haben, wenn sich Einsteiger alte Gebrauchtkisten kaufen, besinnen sie sich auf ihr Erbe. Fieberhaft werkeln die Entwicklungsabteilungen an Maschinen, die zwei Welten vereinen sollen: moderne Technik und klassisches Design.

Am meisten zu erben gibt es logischerweise bei Marken, die auf eine lange Geschichte zurückblicken. Ganz vorn dabei ist daher BMW, denn die Bayern feierten in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen – Erbgut steht zuhauf parat, man muss es nur reaktivieren. In der Motorradentwicklung in der Münchner Hufelandstraße gründete BMW im Frühsommer flugs eine eigene Abteilung namens „Heritage“, zu deutsch „Erbe“; sie ist direkt bei Motorrad-Chef Stephan Schaller angesiedelt, was ihr in der strengen BMW-Hierarchie das Etikett „Superwichtig“ verleiht. Woran genau dort gearbeitet wird, darüber hüllen sich die Münchner bislang in tiefes Schweigen.

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Sie konzentrieren sich aktuell lieber auf das Modell, das ihnen zu ihrer eigenen Überraschung einen riesigen Erfolg bescherte: die R nineT, ausgestattet mit luftgekühltem 1170-cm³-Boxer, 110 PS und Gabel statt Telelever. Nichts liegt näher, als diesem gefeierten Motorrad mehrere Heritage-Ableger zur Seite zu stellen. Neben der R nineT Scrambler folgen 2017 weitere drei Modelle, die jetzt auf den Herbstmessen in Köln und Mailand stehen (siehe Interview). Bei der strengen kalifornischen Umweltschutzbehörde hat BMW vorab bereits die neuen Familienmitglieder „Racer“ und „Pure“ angemeldet; das entsprechende Dokument liegt MOTORRAD vor.

Wie diese Erben aussehen könnten, zeigen die Computer-Renderings des englischen Designers Kar Lee: die „Pure“ mit Anklängen an die R 100 R aus den 90er-Jahren, die „Racer“ als eine Art Mischung aus der legendären R 90 S und der deutlich jüngeren HP2 Sport. Dazu kommt mit ziemlicher Sicherheit eine Art Basis-GS, auf die viele Puristen seit Jahren sehnlichst warten – nicht so mächtig, schwer und stark wie die aktuelle R 1200 GS mit Wasserboxer, sondern mit gemäßigteren Dimensionen und Leistungsdaten sowie bester Eignung für Ausflüge auf Schotter.

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Insgesamt neun Neuheiten kündigt BMW für 2017 an. Neben den drei neuen R nineT-Modellen zählen dazu die bereits bekannte Überarbeitung der F 800 GS und das Sondermodell R 1200 GS Triple Black (MOTORRAD 15/2016). Fest eingeplant scheint auch ein Tourer auf K 1600-Basis, vornehmlich für den US-Markt gedacht. Von Erlkönig-Jägern bereits gesichtet und abgelichtet wurde außerdem ein nagelneuer Mittelklasse-Roller – macht summa summarum sieben Neuheiten. Zwei echte Überraschungen hat BMW also noch in petto. Worum es sich dabei handelt, bleibt bis zu den Enthüllungen auf den Herbstmessen vorerst offen.

Foto: Harley-Davidson - Brad Chaney
Der neue
Der neue "Milwaukee-Eight"-Motor treibt ab sofort die Touring-Modelle bei Harley-Davidson an.

Harley jetzt mit Vierventiler

Anders als bei BMW liegt der Fall bei Harley-Davidson. Die Amerikaner müssen sich erst gar nicht auf ihr Erbe besinnen, sie verkörpern – vom Zwischenspiel mit der V-Rod einmal abgesehen – seit ihrer Gründung 1903 ohnehin Heritage pur und könnten daher einfach weitermachen wie bisher. Mit einer Ausnahme: Eine neue Abgasnorm wie die Euro 4 muss auch Harley-Davidson respektieren. Und weil das Leistung kostet, setzt Harley nun tatsächlich auf einen Vierventilmotor – erstmals, wiederum abgesehen von besagter V-Rod, die bei eingefleischten Fans der Marke aber nie als echtes Milwaukee-Gewächs durchging und deshalb Ende des Jahres endgültig entsorgt wird.

„Milwaukee-Eight“ heißt der neue Antrieb – „Eight“ wegen der nun acht Ventile. Äußerlich bleibt es beim klassischen Big Twin mit einem Zylinderwinkel von 45 Grad, ansonsten handelt es sich um eine komplette Neukonstruktion. Sie kommt in den Touring-Modellen des Hauses zum Einsatz, und zwar gleich in drei Varianten: mit 107 Kubikinch (1743 cm³, 91 PS, 153 Nm) und ölgekühlten Auslassventilen in der Street Glide Special, der Road Glide Special und der Road King/Classic; mit gleichen Eckdaten, aber wassergekühlten Auslassventilen in der Ultra Limited/Low und der Road Glide Ultra. Die Motorversion mit 114 Kubikinch (1868 cm³, 102 PS, 166 Nm) ist der teureren Sonderserie CVO vorbehalten. Neben mehr Leistung und besserer Beschleunigung verheißt Harley geringeren Verbrauch und weniger Vibrationen. Damit nicht genug, bekommen alle Touring-Modelle komfortablere Federbeine und Gabeln. Ein ausführlicher Fahrbericht dieser neuen, fast schon revolutionären Harley-Modelle folgt in der nächsten Ausgabe.

Foto: BMW
Interview mit dem BMW Motorrad-Boss Stephan Schaller.
Interview mit dem BMW Motorrad-Boss Stephan Schaller.

Interview

„Wir planen einen großen Aufschlag“

Stephan Schaller. Der BMW Motorrad-Boss (links) im angeregten Gespräch mit MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer über China, Brasilien, die USA und natürlich über die BMW-Neuheiten 2017.

? Brexit, Flüchtlingskrise, Präsidentenwahl in den USA – wir erleben aufwühlende Tage. Hat das Einfluss auf BMW Motorrad?

! Wir sind Teil dieser Welt, und deshalb beeinflusst uns das natürlich. Glücklicherweise sind wir weltweit stark vertreten; das ist das Beste, was man gegen wirtschaftliche oder politische Schwankungen tun kann. In den letzten Jahren haben wir uns verstärkt in China und Südostasien aufgestellt – sehr stabile Regionen. In Brasilien haben wir gerade unser neues Werk eröffnet, und Nordamerika ist der größte Markt für hubraumstarke Motorräder, vor allem im Cruiser-Segment, und da wollen wir stark wachsen. Europa ist im Moment eine sehr stabile Festung für uns, die wir verteidigen wollen, zumal es auch noch Wachstum gibt. Zum Brexit: Großbritannien war letztes Jahr unser sechstgrößter Markt, wir haben dort fast 8000 Motorräder verkauft und sind damit Marktführer. Wir erwarten dort erst mal keine unmittelbaren Auswirkungen auf unser Geschäft. Noch ist ja überhaupt nicht klar, wie es da weitergeht.

? Wenn sich die USA politisch verändern – ich denke da an das Schlagwort „America First“ – werden Sie sich darauf einstellen müssen?

! Wir sehen dort sehr viel Potenzial für BMW Motorrad, unabhängig von der jeweiligen Regierung. Und wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, werden wir es zu nutzen wissen.

? Wo sehen Sie weitere Wachstumsfelder?

! Ganz klar in China, dort verdoppelt sich der Markt jedes Jahr. Auch in Südostasien haben wir ein enormes Potenzial. Die andere Seite der Weltkugel, Süd- und Nordamerika, spielt in unseren Planungen ebenfalls eine große Rolle.

? Was für Motorräder sind dort gefragt?

! In den USA vor allem großvolumige, relaxte Maschinen. In diesen Bereich sind wir vor drei Jahren mit der R nineT eingestiegen, drei weitere Modelle werden wir dieses Jahr noch vorstellen. Kleinere Motorräder wie unsere 310er passen nach Südamerika; und China nimmt, wie Europa, unser gesamtes Produktportfolio auf, ohne besondere Schwerpunkte.

? Werden Sie speziell für den nordamerikanischen Markt Maschinen bringen, die bei uns keine Chance haben?

! Wir sind zu klein, um speziell für einen bestimmten Markt zu entwickeln, jedes unserer Motorräder muss ein „Weltmotorrad“ sein. Natürlich gibt es aber für viele Maschinen einen Hauptmarkt. Wir werden dieses Jahr beispielsweise noch ein Motorrad für die USA vorstellen, es aber auch weltweit anbieten. Das Gleiche gilt für die 310er. Deren Hauptmarkt ist Brasilien, verkauft wird sie aber überall.

? Können Sie uns schon verraten, was für BMW-Neuheiten auf den Messen in Köln und in Mailand stehen werden?

! Klar kann ich das.

? Dann machen Sie es doch jetzt.

! (Lacht) Ich kann Ihnen sagen, dass wir einen großen Aufschlag planen. Wir werden in der Summe neun neue Modelle zeigen. Das verteilt sich auf die INTERMOT in Köln, die EICMA in Mailand und eine Spezialvorstellung in Amerika. Drei Modelle kommen mit luftgekühltem Boxer und vergrößern die R nineT- und Scrambler-Familie auf fünf Modelle. Mehr möchte ich aber noch nicht sagen.

? Eine persönliche Frage: Als Sie vor viereinhalb Jahren Chef von BMW Motorrad wurden, hatten wir nach einiger Zeit den Eindruck, dass dort nun ein anderer Wind bläst. Wie ist das denn im Rückblick: Hat Schaller BMW verändert oder haben die Motorradleute den Schaller verändert?

! (Schmunzelt) Ich glaube, es ist eine gute Symbiose. Mir geht es wirklich sehr gut mit der Mannschaft, mit dieser hoch motivierten Truppe, die alles tut, um gute Motorräder zu entwickeln und auf die Straße zu bringen. Ich fahre seit 30 Jahren Motorrad, 99 Prozent davon auf BMW. Dass ich das Glück hatte, diese Aufgabe zu bekommen, war das Tüpfelchen auf dem i meiner bisherigen Laufbahn. Ich fühle mich rundum wohl und zufrieden. Und was das Feedback von den Mitarbeitern angeht, so scheint mir, dass sie auch ganz zufrieden sind.

? Kaum waren Sie da, haben Sie entschieden, aus der Superbike-WM auszusteigen. Haben Sie das nie bereut?

! Nein, das war goldrichtig. Wir investieren Geld nicht mehr dafür, dass zwei Fahrer im Kreis herumfahren können, sondern setzen viel weniger Geld viel breiter bei den Kundenteams ein. Mit dem Breitensport verfolgen wir außerdem eine Popularitätssteigerung für unsere RR-Produkte.

? MotoGP ist also kein Thema?

! Nein, das Geld stecken wir lieber in die Entwicklung neuer Produkte.

? Und Elektromobilität? Ist die nach wie vor ein Thema?

! Auf jeden Fall! Wir werden irgendwann die gesamte Modellpalette von BMW Motorrad elektrisch sehen, auch wenn das noch dauert. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Elektromobilität stark voranschreitet. Wir haben mit dem C evolution einen sehr erfolgreichen Start hingelegt und sehen weiter steigende Verkaufszahlen.

? Wird eine der neun Neuheiten dieses Jahr also ein Elektro-Zweirad sein?

! Wir werden Veränderungen sehen, ein komplett neues Elektrofahrzeug wird aber nicht dabei sein.

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