Neuheiten: Ducati-Erlkönige Back to basic

Ducati-Erlkönige. Ducati entdeckt die Mittelklasse wieder. Und den luftgekühlten Twin. Und den Alltagssportler für die Straße. Wenn das keine guten Nachrichten sind.

Offiziell ist natürlich noch nichts. Kann es nicht sein, kurz vor den Herbstmessen in Köln und Mailand. Da gibt man sich geheimnisvoll, will den großen Moment der Präsentation nicht entweihen. Inoffiziell jedoch kristallisiert sich langsam heraus, wo in Bologna der Schwerpunkt der Modellpolitik für das Jahr 2017 angesiedelt ist. Mitten unter uns nämlich, bei den ganz normalen Motorradfahrern. Und ein wenig auch in der guten, alten Zeit.

„More than red“ – das ist das Motto, dem Ducati mit der Scrambler Leben einhauchte. Oder mit der XDiavel. Und auch jetzt mit der Rückkehr zur Basis-Monster und zum Sportler für den Alltag. Die Marke soll – und muss – sich breiter aufstellen, weg vom Leistungssport und ewigem Wettbewerb. Das mahnte zuletzt auch VW-Chef Müller an. An dem, was MOTORRAD da unlängst noch leicht getarnt vor die Linse fuhr, wird er seine Freude haben.

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Denn es hat nichts zu tun mit Leistungs- oder Hightech-Exzessen, wenn Bologna für eine große Scrambler den alten luftgekühlten Monster-Antrieb wieder auspackt. Aber das haben Kenner der Marke ohnehin erwartet. Überraschender ist, dass die Roten sich offensichtlich auch dem unteren Ende der Monster-Baureihe widmen und zukünftig den kleinen 803-Kubikzentimeter-Motor der Scrambler mit einem komplett neuen Rahmen kombinieren. Wer jedoch einen Blick in die Modell- und Preislisten von Ducati wirft, stellt fest, wie dringend notwendig das war. Unterhalb von rund 11 000 Euro ist mit Ausnahme der Scrambler ein Einstieg in die Ducati-Welt nämlich nicht möglich, während Motorräder weit jenseits der 15 000 Euro eher Regel als Ausnahme sind.Im Detail – und soweit es die Analyse der Erlkönig-Bilder zulässt: Für die neue Basis-Monster greift Bologna nicht etwa auf den Rahmen der 2014 viel zu früh verstorbenen Monster 796 zurück, sondern konstruierte einen deutlich einfacher gestrickten Gitterrohrrahmen. Motor und Schwinge steuert augenscheinlich die Scrambler bei, wobei jedoch auffällt, dass die neue kleine Monster über einen Ölkühler verfügt, der an der Scrambler nicht vorhanden ist. Eine mögliche Erklärung: Ein dank Ölkühler stabilerer Temperaturhaushalt ist notwendig für die Euro 4-Homologation und wird vermutlich auch den nächsten Scrambler-Jahrgang zieren. Ziemlich sicher kann man sich auch bei den technischen Daten sein. Die 75 PS des Scrambler-Motors werden vermutlich im neuen Monster-Umfeld so nicht stehen bleiben – die Monster 796 hatte mit diesem Motor 87 PS –, das Leergewicht sollte aber klar unter 200 Kilogramm liegen. Bliebe die Frage nach dem Preis. So um die 9000 Euro, vielleicht etwas mehr: Das wäre eine Perspektive für künftige Ducatisti.

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Ob sie im Regal nebeneinander lagen, der kleine und der große luftgekühlte V2? Vermutlich lag der große 1100er mit 100 PS weiter hinten, denn er verschwand schon Ende 2013 aus dem Ducati-Sortiment. Wie auch immer: Auch er ist jetzt, im Zuge von Heritage und Modern Classics, wieder da. Und weil man heutzutage mit 1100 Kubik und um die 100 PS (vor allem gegen  den luftgekühlten Boxer von BMW) keinen Staat machen kann, haben sie in Bologna dem begnadeten Charakterdarsteller Gerüchten zufolge sogar noch eine Hubraumerweiterung spendiert. Mit 1200 Kubikzentimetern soll er jetzt in der großen Scrambler werkeln. Das sollte ausreichen für einen satten Schlag in allen Drehzahlbereichen, muss aber zunächst ein Stück weit Spekulation bleiben

Sicher ist hingegen trotz der dürftigen Qualität des einzigen Erlkönig-Fotos der Scrambler: Es wird wie bei der kleinen Schwester eine Urban Enduro-Variante geben, bei der der vordere Kotflügel hoch oben über dem Vorderrad thront. Ebenso sicher scheint, dass Ducati ganz im Sinne einer cleveren Baukastenstrategie Rahmen, Schwinge und vermutlich auch die Federelemente von der 800er-Scrambler übernimmt. Wie es mit den Bremsen aussieht, darüber erlaubt das Foto leider keine gesicherten Rückschlüsse. Eine zweite Bremsscheibe schiene angesichts der um rund ein Viertel gesteigerten Leistung jedoch angemessen.

Bliebe die Dritte im Erlkönig-Bunde, und auch sie ist im Grunde vor allem eins, nämlich bodenständig. Jedenfalls, soweit man das von einem über 900 Kubikzentimeter starken Sportmotorrad sagen kann. Und solange man die aktuelle Panigale-Modellpalette zum Maßstab macht. Die geht nämlich erst bei 158 PS und 16 390 Euro für die „kleine“ Panigale 959 los und endet mit der Panigale R im Supersportler-Olymp – bei rund 200 PS und 32 990 Euro. Da ist also noch viel Luft nach unten – und die paart sich im Fall der neuen 939 SS mit der Erkenntnis, dass längst nicht jeder, der ein knackiges Sportmotorrad attraktiv findet, sich tief geduckt und hoffnungslos überfordert auf den Rundkursen dieser Welt tummeln will.

Also tut Ducati jetzt endlich das, was andere gerade lassen, nämlich einen bezahlbaren Sportler mit Alltagsattitüde anzubieten. Der neue Sport-ist-nicht-Mord-Twin stand schon in der Box bei der World Ducati Week (siehe MOTORRAD 16/2016), jetzt dreht er seine letzten Proberunden. Die ersten Erlkönig-Bilder zeigen, dass man es in Bologna mit dem Breitensport ernst nimmt. Zur tief geduckten Front­partie mit Panigale-Appeal gesellen sich nämlich ungewöhnlich hoch positionierte Lenkerhälften oberhalb der Gabelbrücke, die den Fahrer nicht in Demutshaltung zwingen. Zusammen mit den Fußrasten in erträglicher Höhe und einer etwas üppigeren Sitzbankpolsterung sollte sich daraus eine auch innerorts erträgliche Sitzposition mit guter Spielübersicht ergeben, wie sie eine Panigale niemals liefern wird.

Von der hat die neue Sportlerin außer der Frontpartie überraschend wenig. Rahmen von der Monster, Motor (mit zahlreichen Änderungen) von der 939 Hypermotard, um die 120 PS stark – auch hier nutzt Bologna das Baukastenprinzip geschickt, um Neues entstehen zu lassen. In diesem Fall ein Sportmotorrad für die Straße für alle, die genug haben vom Hyper-Supersport. Und auch für alle, die die zerklüfteten Naked Bikes mit brachialen 160 PS und mehr nicht mehr sehen können.

 

 

 

Neue Monster-Version

Ducati haucht nicht nur den luftgekühlten Motoren neues Leben ein, sondern entwickelt auch die aktuelle Monster-Palette weiter.

Schade, dass die Mauer den unteren Teil dieser Monster-Variante verdeckt. Sonst könnte man deutlicher sehen, dass die neue Sportlerin nicht nur den Rahmen, sondern auch die Schwinge der großen Mons-ter nutzt. Offensichtliche Neuerung an dieser „Touring-Monster“ ist die Plexiglasscheibe, um den Winddruck abzumildern. Ob hieraus ein eigenes Modell entsteht oder nur Werkszubehör getestet wird, muss offen bleiben. In jedem Fall ist diese Mons-ter alltagstauglicher als ihre Schwestern.

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