Neuheiten: Der Paparazzo Caso Criminale

+++ neue Ducati enthüllt +++ italienische Zeitschrift zeigt brisante Fotos +++ revolutionäres Rahmenkonzept +++ kein Underseat-Auspuff mehr +++ erste Blicke auf Motor möglich +++

Zugegeben, was die Kollegen von der italienischen Motorradzeitschrift "Motociclismo" unlängst veröffentlicht haben, ist kein echter Kriminalfall. Genügend Brisanz dafür hätte die Sache allemal. Denn trotz strengster Geheimhaltung gelang es einem unbekannten Paparazzo, mehrere Fotos eines quasi serien-
reifen Prototyps der neuen Supersport-Ducati zu schießen. Weil "Motociclismo" von Ducati aufgefordert wurde, die Veröffentlichung zu unterlassen und über deren Rechtmäßigkeit noch diskutiert wird, gibt der Chefredakteur die originalen Fotos nicht heraus. Deshalb muss die radikal neu entwickelte Ducati über Umwege in MOTORRAD erscheinen - als Wiedergabe der "Motociclismo"-Seiten und als Computerretusche, nach den dort gezeigten Fotos. Umständlich, aber authentisch.
"Ganz neuer Motor und unsichtbarer Rahmen", titelten die italienischen Kollegen, und sie haben damit den Kern der neuen Ducati treffend beschrieben. Denn wie nach dem Patent einiger Ducati-Ingenieure auf die MotoGP-Rennmaschine Desmosedici GP08 zu erwarten war, besitzt die Neue keinen Rahmen im eigentlichen Sinn,
sondern nutzt das gleiche Prinzip wie die MotoGP-Rennmaschinen. Ein äußerst stabil und verwindungssteif ausgeführter Motor - hier ein 1200er-V2 statt eines 800er-V4 - wird mit einem Monocoque von eben-
solcher Qualität verschraubt, wenn man
so will einer mittragenden Airbox, die
auch den Lenkkopf aufnimmt (siehe auch
MOTORRAD 1/2011). Sie besteht nicht wie bei den V4-Rennmaschinen aus Karbon-
faserlaminat, sondern aus Aluminium. Dennoch hilft das Multifunktionsteil, Gewicht zu sparen. Vollgetankt soll die 1199
unter 190 Kilogramm wiegen. Die Einarmschwinge ist im Motor gelagert. Zusätzlich angeschraubte Aluteile, die auch die
Fußrasten tragen, dienen als Verstärkung.
Der Gitterrohrrahmen, der seit der Pantah 500 von 1979 zum Ducati-Repertoire gehört, hat damit in der Sportler-Baureihe ebenso ausgedient wie die zweite Eigenheit, die mit der Pantah eingeführt wurde: Zahnriemen als Nockenwellenantrieb.
Wie eine Detailaufnahme von der rechten Seite des Prototyps zeigt, werden die Nockenwellen über eine Kette und ein von ihr angetriebenes Zahnrad in Rotation versetzt. Dieselbe Aufnahme verrät auch, dass die Trockenkupplung, welche die derzeitigen Sportmotoren noch besitzen, wohl bald endgültig ausgedient hat. Die neue Ölbadkupplung scheint auch
im Durchmesser größer zu sein als die
aktuellen von Multistrada und Diavel.
Obgleich Entwicklungschef Claudio Domenicali und seine Ingenieure sehr wohl überlegt haben, ob es sinnvoll sei,
an der desmodromischen Ventilsteuerung festzuhalten, hat in diesem Fall wohl die Tradition obsiegt. Die Ventile werden
weiterhin von je einem Nocken geöffnet
und geschlossen, statt das Schließen von konventionellen Ventilfedern besorgen zu lassen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, der neue Motor habe eine extrem große Bohrung von 112 Millimeter bekommen, sechs Millimeter mehr als der heutige.
Die Leistung des nunmehr gleitgelagerten Motors soll laut neuester Ansage 200 PS betragen. Ein Ducati-Mitarbeiter berichtete, für diese PS-Ausbeute habe man allerlei Teile aus sehr speziellen Materialien benötigt. Titanventile, Titanpleuel und vielleicht sogar Stahlkolben? Technik-Freaks dürfen sich auf imposante Leistungsteile und originelle Details freuen. Vielfältige Elektronik und unterschiedliche Fahrmodi des Motors inklusive.
Wer sich eher für die optische Gestaltung der neuen Ducati interessiert, kann sich bereits entspannt zurücklehnen und genießen. Die 1199 wird ein sehr gefälliges Motorrad. Zu dieser provisorischen Modellbezeichnung ist übrigens noch zu sagen, dass einerseits die früher kolportierten Namen Superquadrata und Xtreme aus dem Rennen sind, die 1199 aber andererseits der abergläubischen Ducati-Maxime widerspricht, nach dem durchwachsenen Erfolg der 999 nie wieder einen Typencode auf 9 enden zu lassen. Vielleicht wird die Neue ja schlicht 1200 heißen.
Wie auch immer, ihre Designer haben stilsicher eine attraktive Mischung aus Kontinuität und Fortschritt gefunden. Die Frontpartie mit den in zwei große Luftführungen gezogenen Scheinwerfern und den schmalen LED-Streifen als Tagfahrlicht darüber werden die meisten Betrachter sofort der Marke Ducati zuordnen, doch trotz aller Anklänge an ihre Vorgängerinnen 1098 und 1198 wirkt sie neu und frisch. Das minimalistische Rahmenkon-
zept eröffnet reizvolle Aussichten auf den hinteren Zylinder, der neue unten liegende Auspuff ist formal gelungen. Außerdem bildet er eine wichtige Voraussetzung
für die leichte und zierliche Heckpartie.
Was den Preis der 1199 betrifft, so scheint bei den italienischen Motorradenthusiasten verschärfter Zweckoptimismus zu grassieren. Rund 16 000 Euro, so das Gerücht, würde Ducati für die Standardversion verlangen, dabei kostet schon die heutige 1198 stramme 17 790 Euro.
Am Ende wird man froh sein können, wenn die Neue unter 19 000 Euro bleibt. Für eine höchstwahrscheinliche S-Variante - von Computerretuscheur Kar Lee noch zusätzlich durch eine Valentino-Rossi-Lackierung neongelb aufgepeppt - ist ein Preis um 24 500 Euro im Gespräch. Mal sehen, was die Neuheiten-Kriminalistik bis zur Präsentation dazu noch herausfindet.
www.motorradonline.de/neuheiten

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