In dieser Nacht ist in Little Italy eine Bellezza zu Besuch.

On the road: New York bei Nacht Night Ride

Bock auf ’ne Runde durch New York City? Wir auch. Und weil Big Apple niemals schläft, wählen wir die Nacht. Da sollen die Straßen frei sein. Oder so ähnlich …

Freie Straßen?“ Der Taxifahrer prustet vor Lachen. Und scheint dabei das erste Mal halbwegs wach zu sein. Aus rot unterlaufenen Augen blinzelt er müde Richtung Innenspiegel. Vermutlich hockt er bereits seit über zwölf Stunden hinterm Steuer und kurbelt sich durch die Stadt – die, die niemals schläft. „Die Straßen von New York City sind verdammt klebrig und immer überlastet“, murmelt er und fügt hinzu: „Nur auf einem Motorrad hast du die Chance, einigermaßen voranzukommen.“ Genau das wollen wir herausfinden. Und verabschieden uns auf der Avenue of the Americas von Mr. Cabdriver, direkt vor den Glastüren des größten Ducati-Händlers Manhattans. Ein Tempel des Glücks, soviel lässt sich dem ersten langen Blick durch die großen Scheiben abringen. Neben umgebauten Monstern und Scramblern stehen dort auch einige Custombikes der zeitaufwendigen Sorte.

Jetzt naht die Nacht – und mit ihr ein teuflisches Date: Der Ritt auf einer XDiavel durch Manhattan. Warum bei Nacht? Am Tag herrscht auf den Straßen der Metropole Krieg. Scharen gelber und grüner Taxen kämpfen gegen verschrammte Lieferwagen, die nichts mehr zu verlieren haben. Polierte SUV versuchen feinste Sportwagen abzukochen. Dazwischen? Zig private Limousinen, die ihre Fahrdienste via Plattform „Uber“ anbieten – und am Ende ihre Gäste wie alle anderen dem zähen Stop and go aussetzen. Plan B? Nimm die U-Bahn oder komm wieder, wenn sich die Sonne verzieht und die meisten Besucher ausgelaugt das Feld räumen. Erst dann sind die Straßen genießbar, meint zumindest Steve, dem der Ducati-Laden gehört (siehe Interview Seite 28). Am Telefon verspricht er uns, eine schwarze Maschine vor die Tür zu stellen. „A bigger toy!“

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Schön schwarz, schön böse

Womit wir bei Antwort Nummer zwei wären: In Amerika darf bekanntlich alles etwas größer sein. Fetter eben. Da passt die XDiavel S perfekt ins Bild; ein flacher, lang gezogener Prügel mit kräftigem V2 und breitem Schlappen. Schön schwarz, schön böse. Vom Auftritt her irgendwo zwischen Showbike und abgespeckter Harley angesiedelt, zieht sie selbst hier, im Zentrum der Reizüberflutung, Likes an wie Bikinischönheiten auf Instagram. Und hält dabei den besten Trumpf für all jene zurück, die sie nicht nur anglotzen, sondern auch ausführen. Die Maschine wiegt nämlich nicht nur weniger als die meisten Ami-Bikes, sie fährt sich auch so, wie sie rüberkommt.

Ein großer Vorteil, wenn das Teerkleid viele Risse hat – und das hat es in New York. Überall. Manche sind so breit und so tief, dass selbst ein Bike vom Schlag der XDiavel S bocken kann und aus der Bahn gerät. Scheiß Flickenteppich. Hinzu kommen Autofahrer, die den toten Winkel für eine neue Star Wars-Episode halten und Spurwechsel rücksichtslos vollstrecken. Ohne geschärfte Sinne kommst du hier nicht weit.

„Is it a good ride?“

Warum es sich trotzdem lohnt, nachts auf zwei Rädern durch Manhattan zu schlendern? Könnt ihr euch noch an den Film „I am Legend“ erinnern? In dem Will Smith beneidenswert durch das verlassene New York heizt? So ähnlich fühlt es sich an, wenn man bei Nacht über eine der großen Brücken auf Manhattan zurollt. Das Dunkel legt sich dabei wie ein Filter über die Wunden und den Trubel der Stadt. Was bleibt, ist eine Art großer Parcours aus beleuchteten, stählernen Riesen. Einmal eingetaucht, lassen sich die vielen Schluchten nach Belieben erkunden. Und da das Straßennetz einer einfachen Matrix mit simpler Nummerierung folgt, fällt die Orientierung denkbar leicht. Nur die undurchsichtigen Ampelphasen versuchen, die Harmonie zu stören. Schaffen sie aber nicht. Denn die kurzen Stopps sind perfekte Atempausen, um die Aussicht zu genießen, Zwischenspurts zu starten und eine neue Richtung anzupeilen. Der Verkehr? Er wird mit jeder Minute milder. Selbst am Times Square lässt sich nach Zehn entspannt am Straßenrand auf eine Zigarettenlänge anhalten.

Was die XDiavel S kurz darauf mit reichlich Herzklopfen quittiert und all ihre 156 PS auf den breiten Zahnriemen legt. Ihr 1200er mag Testastretta heißen, fühlt sich aber eher nach einer großen Prise Testosteron an. Findet auch der Barista in Little Italy, während er einen doppelten Espresso über den Tresen reicht, der die Lider für die restliche Nacht straffen wird. „Is it a good ride?“, fragt er mit eindeutigem Akzent. Klar doch! Es ist der beste, den man in New York City bekommen kann. Nachts auf dem Bike durch Manhattan, das hat einen ganz eigenen Reiz. Hier geht’s nicht um Kurvenqualität oder den schnellen Kick von A nach B. Hier surfst du ganz allein durch eine Millionen-Metropole, einem Meer aus Stahl, Glas und Licht. Und lässt dir eine wohltuende Prise Einsamkeit um die Nase wehen, die es hier normalerweise nicht gibt. Ein monumentales Erlebnis voller Freiheit, das süchtig machen kann.

 

Im Interview

Steve Radt (46), Chef des größten Ducati-Ladens in Manhattan, ist seit dem neunten Lebensjahr auf zwei Rädern unterwegs, kennt New York wie seine Unterhose.

Fuel:Wie würdest du Motorradfahren in NYC beschreiben?

Steve: (lacht) Auf der einen Seite gibt es dir die Freiheit, durch den dichten Verkehr zu schlüpfen. Ihr müsst wissen, die Rushhour in New York City beginnt gegen sechs Uhr morgens und dauert gern mal bis 22 Uhr. Da bist du als Motorradfahrer schneller unterwegs als alle anderen. Aber du musst deine Sinne beisammen haben, sonst knallt’s ganz schnell. Auf den Straßen herrscht ein raues Klima.

Fuel:Ist es gefährlicher als in anderen Städten?

Steve: Nicht unbedingt. Ich bin viel rumgekommen und auch in anderen großen Städten Motorrad gefahren. In Rom zum Beispiel geht’s mehr zur Sache als hier.

Fuel:Welches Bike würdest du für Manhattan empfehlen?

Steve: Als Duc-Händler rate ich tagsüber im Verkehr ganz klar zur Scrambler oder Monster. Damit bist du wendig, schlank und schnell unterwegs.

Fuel:Irgendwas vergessen?

Steve: Ja, leider: Es ist schwer geworden, Bikes in Manhattan zu mieten. Die Versicherungen sind einfach viel zu teuer. Wenn du niemanden kennst, der dir privat ’ne Maschine leiht, wird es schwierig.

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