Premiere: Yamaha MT-09 Straßenkünstler

Verlassene Konzertsaal-Ruine, bröckelnder Beton, brennende Ghetto-fässer und viel Graffiti: Yamaha präsentierte die neue MT-09 in einer bizarren Szenerie. Inhalt der Botschaft: Das Mittelklasse-Naked goes bad! Wie böse genau?

Keiner wusste davon. Nur allgemeines Staunen über die lange Busfahrt nachts ins Nirgendwo. Dann endlich der Stopp. Den versammelten Journalisten bietet sich ein Bild wie aus einer schaurigen Filmszene: ausgediente, brennende Fässer vor zerfallenden Fassaden, graue Betonwände eingefärbt mit bunter Sprühkunst. Im Innern des halbrunden Gebäudes, mitten auf einer ehemaligen Bühne, eine riesige Projektionswand. Daneben im Scheinwerferlicht die neue MT-09. Auf den darüber liegenden Rängen lauscht das Publikum gespannt dem Zeremonienmeister, der ein neues Kapitel der „Dark side of Japan“ feiert. Zweifellos eine beeindruckende Inszenierung.
Am nächsten Tag bieten Testfahrten die Gelegenheit zu checken, was hinter der Aufführung vom Vorabend mit den stolzen Worten steckt. Leider zeigt sich das mallorquinische Wetter von seiner schlechten Seite: nasse Straßen, weiterer Regen ist angekündigt. Egal, aufsatteln. Schon bei den ersten Bodenunebenheiten fällt das straffere Grund-Setup der Federelemente auf. Hier hat Yamaha auf die allgemeine Kritik an der laschen Abstimmung der ersten MT-09 von 2013 reagiert – bravo! Doch beim Federbein schossen die Japaner womöglich übers Ziel hinaus. Ungewohnt hart dringen Schläge zum Piloten durch. Wie sich erst im Nachhinein herausstellte, änderten die Techniker speziell für dieses Event die Standard­einstellung und erhöhten sowohl die Dämpfung als auch die Federvorspannung des Monoshocks. Ob Plattschuss ins eigene Knie oder dienliche
Maßnahme, wird ein ausführlicher kommender Test zeigen.

Anzeige
Foto: Yamaha

Einen positiven Nebeneffekt hat die kleine Schummelei jedoch schon heute. Mit der stärker vorgespannten Feder erhöht sich auch die Sitzposition. Serienmäßig bereits um fünf Millimeter angehoben, sitzt der Pilot aktiver als auf der Vorgängerin. Außerdem brettert die Fuhre nun spürbar knackiger durch die Gegend und schaukelt sich im Attacke-Modus nicht auf – soweit man bei den herrschenden Bedingungen überhaupt von Angreifen reden kann. Trotz der erhöhten Stabilität ist die Höchstgeschwindigkeit der MT-09 weiterhin auf 210 km/h begrenzt. Einen großen Anteil an dieser Stabilität hat auch die gestraffte, nun voll einstellbare Gabel. Sie ist asymmetrisch ausgelegt, führt also in einem Holm die Druck-, im anderen die Zugstufe.
Dazu spendierte Yamaha der Neuen eine Anti-Hopping-Kupplung. Dank Servo-Unterstützung mit erfreulich geringer Handkraft zu bedienen, verhindert sie beim Herunterschalten wirkungsvoll Hinterradstempeln. Wer bei dieser Übung allerdings gleichzeitig hinten scharf bremst, muss weiter mit einer leicht hüpfenden Heckpartie rechnen.

Herrlich: Trotz Euro 4 geht der Triple wie Hölle

Neuerungen bietet die Yam auch bei der Elektronik. Das Durchladen der Gänge funktioniert jetzt easy per Quickshifter. Spätestens hier ist klar: Die Schalthilfe ist in der oberen Mittelklasse angekommen. Perfekt wäre es, wenn die Gangwechsel noch einen Tick geschmeidiger vonstatten gingen, doch die Richtung stimmt. Blippern, also kupplungsfreies Runterschalten, ermöglicht das System leider nicht. Das kann man in dieser Klasse aber auch nicht verlangen.
Bei der Abstimmung der drei Fahrmodi sieht das etwas anders aus. Auf Stufe „A“ springt die Yamaha so abrupt ans Gas, dass sich uns der Sinn dieser Einstellung nicht erschließt. „B“ kennt keinerlei Lastwechsel, was super ist, aber die Power begrenzt. Standard („Std“) ist jene Position, die das Beste aus den zwei Welten vereinen soll. Das schafft sie fast, könnte für besonders feinfühlige Naturen jedoch den Wechsel vom Schiebe- in den Lastbetrieb noch einen Hauch sanfter vollziehen.
Etwas mehr Sensibilität wünschen wir uns auch für die seit Anfang 2016 in der MT-09 werkelnde, zweistufige und abschaltbare Traktionskontrolle. Auf Position eins lässt sie ungeniert Wheelies zu. Achtung, Abflug via Rückwärtssalto nicht ausgeschlossen! Wer mit dem Einradtanz nichts am Hut hat, wählt Stufe zwei. Sie greift schon bei geringen Abweichungen von Vorder- zu Hinterraddrehzahl ein, regelt hierbei etwas grob, hält die Front aber immerhin zuverlässig am Boden. Ideal wäre noch eine dritte, fein arbeitende Stufe zwischen diesen beiden.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote