Race61: Laut, schrill und bunt Rock 'n' Roll, Lachgas und Tattoos

Auf dem ehemaligen Russen-Flugplatz von Finowfurt/Brandenburg röhren einmal im Jahr wieder Motoren: Harleys statt Tupolews, Hot Rods statt Antonows – Roadrunners Paradise.

Charlie ist sauer, Seine Mund-winkel zeigen deutlich nach unten. "Frühstart!" knirscht er durch zusammengebissene Zähne. Und das ihm, dem ungekrönten König des Race61, des Achtelmeilenrennens. Allsommerlich seit 1997 versammeln sich Fans schneller Alteisen hier in Finowfurt, auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz nordöstlich von Berlin. Hot Rods und Dodges sind ebenso dabei wie klein- und großvolumige Motorräder. Alles bis Baujahr 1961 darf mittoben, säuberlich in fünf Klassen geteilt: Big Block und Small Block die Autos; die Motorräder bis 500 Kubik, bis 750 und in einer offenen Klasse. Und normalerweise rauscht Charlie, im bürgerlichen Leben Robert Volkert, als Sieger der offenen Klasse durchs Ziel.

Die Chancen standen auch dieses Jahr gut, in den Qualifikationsläufen hat er mit seiner 54er-Harley beachtliche 139 km/h erreicht – und dann dieser Scheiß-Frühstart. Der hält ihn aber nicht davon ab, sich am Samstagabend ins Getümmel zu stürzen, die Flaniermeile vor den alten Flugzeughangars entlang zu schlendern und mit anderen Benzinverrückten das eine oder andere Bier zu verhaften.
Über dem ganzen Russenflugplatz liegt Rock 'n' Roll – akustisch, gefühlt und optisch. Bunt tätowierte Jungs mit zurückgegelten Haaren hängen die Ellbogen aus den runtergekurbelten Fenstern ihrer Hot Rods, das Mädel im Tupfenkleid und mit kirschrotem Mund neben sich – Showtime in Finowfurt.

Und zu sehen gibt es eine Menge: Da steht etwa eine MZ BK 350, wild umgebaut, neben einer AWO, deren Tank zu brennen scheint: Statt eines Benzinfasses versorgt ein Geflecht aus roten Flammen den Motor mit Sprit. Überhaupt wird die AWO-Dichte jedes Jahr größer; Ostalgie ist im Osten einfach angesagt. Dafür spricht auch der Umbau einer Simson S 51 auf Wasserkühlung und Lachgaseinspritzung. Weiter hinten rasselt ein Ducati-Dragster vorbei.

Noch vor fünf Jahren beschränkte sich das Roadrunner's Paradise mehr oder weniger auf eine Händlermeile. Inzwischen kommen jedes Jahr mehr Stände dazu, und unter die schrillen Rockabillys und cool dreinschauenden Rocker und Biker mischen sich Herrschaften mit Regenschirm und Gore-betexten Wanderschuhen. 170 Fahrzeuge sind inzwischen für die Rennen gemeldet. Zum Vergleich: 2004 waren's noch 64. Das Reglement sieht möglichst Originalität vor, Umbauten werden bei der Rennanmeldung oft heftig diskutiert. "Dieses Jahr haben sie einen nicht mitfahren lassen, weil sein Auspuff angeblich zu laut war", erzählt BMW-Fahrer Andreas – wird's hier bald zu spießig? Er selber reitet auf einer BMW Baujahr 1956 mit Isetta-Motor über die Achtelmeile. Die hat mal seinem Onkel gehört, der bis in die 70er-Jahre damit Rennen auf der Avus bestritt und auch am Fischereihafenrennen in Bremerhaven teilnahm. Vor zwei Monaten bekam er das Bike von einem Cousin, der "endlich das alte Zeug aus der Garage" haben wollte. Bisschen was an der Zündkurve optimiert, Bing-Vergaser drauf, und schon dröhnt die BMW nach 20 Jahren Standzeit mit den anderen über die Piste.

Wem dies alles zu rennlastig ist, der muss nur über die Wiese zwischen Flaniermeile und Landebahn schlendern. Grüppchen haben sich dort ihr Camp eingerichtet, man sitzt auf Faltstühlen um Holzkohlegrills und bruzzelt Steaks und Würstchen. Trotz der schleichenden Wandlung des Race61 zur Großveranstaltung mit stolzen 30 Euro Eintrittsgeld darf man sich hier immer noch selbst versorgen – anderswo keineswegs mehr selbstverständlich.

Nebenan wummert seit dem frühen Morgen Rockiges aus einem Plymouth. Die Besatzung hockt auf Stühlen schon beachtlich stramm auf dessen Dach. Die Jungs haben einen Chefplatz, um die Rennen zu beobachten. Während des zweiten Quali-Laufs am Nachmittag bricht dann tatsächlich die Sonne durch den vorher grau verhangenen Himmel.
Kirschrot funkelt eine Harley in der Sonne. Ebenso hübsch wie Fahrerin Nicole, die den 42er-Starrrahmen langsam an die Startlinie bugsiert. Mit gerade mal 20 senkt sie das Durchschnittsalter der Fahrer deutlich. Stilsicher tritt Nicole zur Achtelmeile: Lederjacke, Halbschalenhelm und Jeans. Ihr Vater hat die Harley aufgebaut, er ist genauso nervös wie sie. Gemeinsam warten beide auf die Fahne des Starter-Girls – er auf seiner Flathead, sie auf ihrem roten Traum mit Handschaltung und Fußkupplung. An diesen technischen Details mag es liegen, dass sie den ersten Qualilauf ver-semmelt. Dafür versägt sie im zweiten ihren Gegner – und Papa platzt fast vor Stolz.
Morgen findet dann noch das Race76 statt, damit die Treiber nicht ganz so alter Fahrzeuge auch ihren Spaß haben. "Ich überlege, ob ich nächstes Jahr nicht mit zwei Motorrädern komme", erklärt Andreas, stützt sich auf seine Isetta-BMW und zwinkert verschmitzt. "Ich hab' nämlich auch noch eine Guzzi V7. Die wäre genau richtig für den Sonntag."

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