Auf vier Simsons nach Indien Einfach fahren

Alte DDR-Mopeds, keinerlei Erfahrung damit, null Werkzeug, aber jede Menge Naivität: Ein ungewöhnliches Reisebuch schildert den Trip von fünf Studis. Geplante Irrfahrt mit Witz und 80er-Charme.

Foto: Verlag Monsenstein und Vannerdat

Die Ölflecken auf dem Umschlag sehen so echt aus, als wäre das Paperback tatsächlich auf einer x-tausend Kilometer langen Reise dabei gewesen. Doch das vermeintlich drübergekleckerte Zweitaktöl ist genauso Konzept der fünf Autoren wie die Idee, kein Konzept zu haben. Außer loszufahren mit dem irren Plan, auf vier Simson S50- bzw. S51-Mopeds von Halle nach Indien zu kommen. So hatten es sich fünf Studenten gedacht. So haben sie’s gemacht.

Und das Buch beschreibt, wie alles kam. Nämlich – klar – ganz anders. In Form zweier parallel abgedruckter Tagebücher beschreiben Elle, „das Weibchen“, und Joseph, der erst im türkischen Canakkale zu den anderen stößt, dort Sven ablöst und dessen Simson übernimmt, die Reise der „Moped-Gang“. Die jeweils obere Hälfte der Buchseiten gehört Elle, die mit ihren Worten bunte Bilder zeichnet und fantasievolle Vergleiche bemüht. Oder herrlich lakonisch schildert, wie Joseph in Canakkale erst fahren lernen muss: „Nach ein paar Stunden bedient er souverän auch den zweiten Gang. Eine kleine Fleischwunde am Knie macht ihm nichts aus.“ Die untere Seitenhälfte gehört Joseph. Er beschreibt staubtrocken oft nur das, was ihm am jeweiligen Ort am meisten auf den Sack geht: „Das Moped wurde repariert, aber fragt nicht, wie! Irgend so eine Spule, die den Funken für den Motor macht, war kaputt, und in der Türkei gibt es natürlich keine Simson-Ersatzteile, und die Spule, die man in der Werkstatt noch rumliegen hatte, passte nicht rein. Also haben sie die Spule und den Motor zurechtgeflext.“

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Doch unterm Strich erzählen beide dasselbe. Nämlich wie sie oft mehr schiebend als fahrend, fluchend und frierend über den Balkan irren, die Türkei durchqueren und in Georgien endlich das Land finden, das ihren jugendlichen Hunger auf Neues, auf Abenteuer, auf den Flair einer längst vergangenen und verloren geglaubten Zeit stillt. Nachdem sie ihren zu 95 Prozent aus Nudeln bestehenden Reiseproviant mit einem Kanister voller georgischem Selbstgebrannten aufgestockt haben, müssen sie schließlich beidrehen. Indien ist und bleibt für die „Moped-Gang“ unerreichbar, und die Sommersemesterferien sind bald zu Ende.

Wer einfach blättert, bleibt an den Zeichnungen, vor allem aber an den teils schwarz-weißen, meist aber farbigen Fotos hängen: abgeschnittene, ausgefranste Jeans, abgelatschte Birkenstocks, eine Kippe in den ölverschmierten Fingern und hinten eine dünne Isomatte mit ausgeleierten Spanngummis über dreckige T-Shirts auf den Gepäckträger gestrapst. Alles in etwas verblichenen Farben, als wären die Fotos 30 Jahre alte Papierabzüge, manchmal leicht unscharf, geknipst in einem heißen, staubigen August, irgendwo am Mittelmeer.

Ob bewusst oder unbewusst – die „Moped-Gang“ erlebt und erzählt 2013 genau dasselbe, woran sich heute 50-Jährige noch ihr Leben lang gern erinnern: wie sie (aus heutiger Sicht) untermotorisiert, mit ungewaschenen, verfilzten Haaren und kaum Geld, aber jung und voller Lebenslust, einfach losgefahren sind. Mit der SR 500 nach Griechenland, mit der XS 360 nach Spanien – egal. Einfach gedacht, gemacht und dabei glücklich gewesen. Ein etwas wirres, aber ein schönes Buch.

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