Schöner Schein, aber nicht genehmigt und zugelassen: Bremshebel Ton in Ton mit der Maschine.

Reportage - Billig-Kopien aus Fernost Hebelwirkung

Im Internet findet man Brems- und Kupplungshebel sowie andere sicherheitsrelevante Ersatzteile zu Dumping-Preisen. Die Risiken und Nebenwirkungen dieser Billig-Produkte sind Käufern offenbar nicht klar: Es kann lebensgefährlich werden, bedeutet aber auf jeden Fall eine Menge Ärger.

Das gibt’s doch nicht!“ Jan Zangenfeind, Leiter der Kontrollgruppe Motorrad beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd, kann kaum fassen, was er während der Überprüfung einer Biker-Gruppe aus Köln sieht: Gerade einmal 0,3 Millimeter Restprofiltiefe weist der Vorderreifen der BMW F 650 eines Mittfünfzigers auf, der mit seinen Kumpeln unterwegs nach Sizilien ist. Für ihn endet die Urlaubsfahrt deshalb vorerst in der Kontrollstelle der Polizei. „Abgefahrene Reifen sind die Nummer eins bei der Vielzahl der technischen Mängel, die wir regelmäßig bei unseren Kontrollen feststellen“, sagt Zangenfeind.

Die Liste ist ziemlich umfangreich – von manipulierten Auspuffanlagen über viel zu kleine Rückspiegel, offene Kupplungsdeckel und Rücklichter ohne Zulassung bis hin zu den abenteuerlichsten Totalumbauten. In den letzten Jahren fallen jedoch verstärkt verstellbare Bremshebel auf, die weder geprüft noch zugelassen sind – Tendenz steigend. „Inzwischen sind diese Anbauteile der zweithäufigste Grund bei den technischen Beanstandungen und der Untersagung der Weiterfahrt aus Sicherheitsgründen“, berichtet der Motorrad-Polizist. Auch bei einem jungen Yamaha FZR-Fahrer war das der Fall. Doch der konterte: „Ich hab mir schon gedacht, dass es eines Tages Ärger deswegen geben würde, deshalb habe ich die Originalteile immer dabei.“ Die Erklärung, warum er diese gegen die Zubehörhebel getauscht habe, machte selbst den erfahrenen Beamten Zangenfeind sprachlos. „Die Teile haben die gleiche Lackierung wie meine Maschine, das sieht doch viel cooler aus.“

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Der Hauptgrund, Anbauteile aus dem Internet zu fischen, statt sich im klassischen Zubehörhandel mit Markenprodukten zu versorgen, ist indes der vermeintliche Preisvorteil: Mit knapp über 20 Euro werden Brems- und Kupplungshebel aus Asien in den einschlägigen Portalen für ein Fünftel dessen angeboten, was Hersteller wie ABM, Gilles oder LSL verlangen. Die Billigprodukte aus gefrästem Alu sind genauso eloxiert und sehen auf den ersten Blick ebenso gut aus wie die Originale „made in Germany“. Bei Licht betrachtet haben sie mehr als einen Schönheitsfehler.

Sicherheitsrelevante Bauteile wie Bremshebel und Bremspumpen, die ebenfalls im Internet zuhauf angeboten werden, müssen strenge Prüfungen durchlaufen, um eine Bauartgenehmigung, eine ABE oder ein Teilegutachten zu erhalten. Zudem hat die EU eine Vielzahl von Richtlinien zur Sicherheit und Kennzeichnung von Waren erlassen, um die Verbraucher vor unsicheren Produkten zu schützen. Trägt ein Artikel das europäische CE-Kennzeichen, so dokumentiert dies, dass der Hersteller, Vermarkter oder der EU-Bevollmächtigte des jeweiligen Produzenten Produktsicherheit verspricht.

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CE-Zeichen, ABE- oder KBA-Prüfnummern wird man auf dem Asia-Ramsch nicht finden – die Billig-Kopierer aus China und anderen asiatischen Ländern interessieren die gesetzlichen Sicherheitsauflagen und Anforderungen für den europäischen Binnenmarkt herzlich wenig. Das böse Erwachen für die Käufer solcher Anbauteile kommt dann spätestens bei der nächsten Hauptuntersuchung: Rote Karte statt ersehnter Plakette, bis mit einem zulässigen Teil nachgerüstet ist.

Dass der schwunghafte Handel mit unzulässigen Motorradteilen zu Dumping-Preisen im Netz boomt, bestätigt Thomas Schuster von der Sachverständigenorganisation KÜS: „Wir beobachten dies seit geraumer Zeit bei allen möglichen An- und Umbauteilen“, sagt er. Doch gerade Brems- und Kupplungshebel seien seit etwa fünf Jahren ein begehrter Modeartikel.

Was Motorradfahrer, die mit nicht zugelassenen Teilen erwischt werden, zuweilen als Schikane seitens der Prüfer bei der Hauptuntersuchung oder der Polizei bei Kontrollen empfinden, hat einen ernst zu nehmenden Hintergrund: Bremshebel und Bremspumpen sind sicherheitsrelevant. Illegale Billigprodukte gefährden Leib und Leben der Biker. Die europäischen Hersteller müssen eine Vielzahl von Auflagen erfüllen. Detlef Achterberg, Vertriebsleiter bei ABM Fahrzeugtechnik in Breisach, nennt ein Beispiel: „Es müssen Langzeitprüfungen an den jeweiligen Modellen durchgeführt werden, um herauszufinden, welchen Belastungen das Material auf Dauer ausgesetzt ist.“ Stimmt nämlich die Aluminiumlegierung nicht, kann der Bremshebel ohne Vorwarnung abreißen – eine Horrorvorstellung, scharf bremsen zu müssen und plötzlich ins Leere zu greifen, weil der Hebel futsch ist. Weitere Voraussetzung für die Zulassung ist zudem, dass beim Abriss der Teile keine scharfen Kanten oder Grate entstehen.

Eine wichtige Rolle bei der Produktqualität spielen die Fertigungstoleranzen. „Jeder verstellbare Hebel besteht aus zehn Einzelteilen, wobei die Toleranz jedes einzelnen vom Konstrukteur auf die anderen abgestimmt wird“, sagt ABM-Mann Achterberg. Ist ein Brems- oder Kupplungshebel lediglich kopiert, ohne diese Feinabstimmung zu kennen, kann das nicht funktionieren. „Im schlimmsten Fall rutscht der Hebel durch und lässt sich über den gesamten Verstellbereich ziehen“, so Achterberg. Spätestens bei einer Notbremsung wird es lebensgefährlich. Sind die Toleranzen nicht abgestimmt, kann auch die Bremspumpe minimal unter Druck gesetzt werden: Die Ausgleichsbohrung schließt sich, und es gibt kein Schnüffelspiel mehr. Dieses dient dazu, dass sich beim Verzögern überhitzte Bremsflüssigkeit in den Ausgleichsbehälter ausdehnt. Ist das nicht mehr möglich, setzt eine leichte Dauerbremsung ein. Dabei überhitzt die Anlage, es wird kaum noch Druck aufgebaut, am Ende ist eine Verzögerung nicht mehr möglich – ein mehr als beunruhigender Gedanke.

Nicht ganz so heikel sieht es bei der Kupplung aus. Dennoch: Konstruktive Defizite und fehlende Toleranzen erhöhen den Verschleiß. Zudem kann es passieren, dass die Kupplung nicht mehr trennt oder durchrutscht. Beides ist nicht lustig, wenn sich 250 Kilo ungewollt und völlig überraschend weiterbewegen – ob an der Bordsteinkante, auf der Garagenrampe oder vor der roten Ampel.

Interview

„Gesparte Kosten kommen doppelt und dreifach zurück“

Sven-Wulf Schöller, Fachanwalt für Versicherungsrecht und Lehrbeauftragter der Hochschule Coburg.

Der Onlinehandel mit Billig-Anbauteilen blüht. Haben Sie für Ihre BMW schon mal im Internet etwas gesucht oder gar gekauft?

Nein, wenn es um mein Motorrad geht, bin ich sehr bedacht darauf, nur Originalteile zu verwenden. Es geht hierbei nicht nur um ein in Betracht kommendes Betriebsverbot, eine bessere Funktionalität oder eine längere Haltbarkeit des Ersatzteils, sondern in erster Linie um Sicherheit. Das Risiko ist mir die paar Euro nicht wert, und ich gebe gerne etwas mehr aus, wenn es um meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Sozia geht.

Vielen Motorradfahrern scheint ein Risiko nicht bewusst zu sein. Was droht, wenn im guten Glauben solche Teile wie etwa Bremshebel gekauft und angebaut werden?

„Guter Glaube“ kann man hier zwar sehr weit verstehen. Jedoch ist man als Fahrzeughalter für seine Maschine verantwortlich und hat auch beim Kauf und Anbau von Ersatzteilen die möglicherweise daraus resultierenden Folgen zu tragen. Bei einer Reparatur in einer anerkannten Werkstatt oder beim Kauf bei einem vertrauenswürdigen Händler darf man davon ausgehen, dass es sich um Originalteile handelt. Gerade bei Fahrzeugteilen, die bauartgenehmigungspflichtig sind (siehe § 22a StVZO), ist besonders darauf zu achten, sich bei Kauf oder Reparatur nur an autorisierte Personen zu wenden.

Wann fällt so was auf und was passiert dann?

In der Regel erst bei der Hauptuntersuchung. Wird ein Teil des Motorrads ohne Bauartgenehmigung festgestellt, so erlischt die Betriebserlaubnis (§ 19 Abs. 3 StVZO).

Was bedeutet das praktisch?

Ein Erlöschen der Betriebserlaubnis hat zur Folge, dass die Maschine nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen darf – also praktisch die Höchststrafe. Wird man ohne gültige Betriebserlaubnis erwischt, zieht dies Bußgeld, Punkte in Flensburg oder ein Erlöschen des Versicherungsschutzes nach sich. Das Führen eines Fahrzeugs ohne Versicherungsschutz ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden kann. Bei einem Unfall zahlt man im Endergebnis den verursachten Schaden dann selbst.

Was kostet es, wenn man in so einem Fall von der Polizei erwischt wird?

Bei Inbetriebnahme eines Kfz trotz erloschener Betriebserlaubnis droht ein Bußgeld von 50 Euro. Kommt noch eine wesentliche Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit oder der Umwelt hinzu, sind 90 Euro fällig. In verkehrssicherheitsrelevanten Fällen bekommt man zusätzlich einen Punkt in Flensburg.

Welche Konsequenzen hat es, wenn man in solchen Fällen in einen unverschuldeten Unfall verwickelt wird?

Haben die nicht bauartgenehmigten Teile den Unfall in irgendeiner Weise beeinflusst, also das Unfallrisiko erhöht, kann dies eine erhöhte Haftung und somit eine höhere Schadensquote zur Folge haben. Kommt dies nicht in Betracht, bleibt trotzdem noch die allgemeine Betriebsgefahr bei Benutzung eines Kfz. Danach trifft den Unfallbeteiligten alleine deswegen eine Mithaftung. Auf Schuld kommt es bei der Betriebsgefahr überhaupt nicht an. Lediglich absolutes Überwiegen des gegnerischen Verschuldens kann die Haftung aus der Betriebsgefahr vom Tisch bringen. In den meisten Fällen ist damit auch bei einem unverschuldeten Unfall ein entsprechender Teil des Schadens zu tragen. Das zieht dementsprechend ein etwaiges Einschalten der Haftpflicht- und Vollkaskoversicherung nach sich. Und genau da liegt bei Fahren ohne Betriebserlaubnis das Problem: In den Versicherungsverträgen ist allgemein geregelt, dass der Versicherungsschutz erlischt oder sich zumindest drastisch reduziert, wird das versicherte Kfz ohne Betriebserlaubnis genutzt.

Und wenn man selbst der Unfallverursacher ist?

In diesem Fall sind die gleichen Aspekte zu beachten. Jedoch ist hier die Haftung deutlich höher, und es ist mit einem Vielfachen der Kosten zu rechnen, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Es bleibt damit abschließend zu sagen: Nicht an der falschen Stelle sparen und schon gar nicht an den betriebs- und sicherheitsrelevanten Teilen des Motorrads. Die vermeintlich gesparten Kosten kommen spätestens bei der nächsten Hauptuntersuchung und im schlimmsten Falle bei einem Unfall doppelt und dreifach auf einen zurück.

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