Reportage: PS-Rookie am Salzburgring Männer Kurve

Noch einmal durfte PS-Rookie Uwe Seitz im Yamaha-R6-Cup am Kabel ziehen. Was auf dem Papier locker aussah, entpuppte sich als harte Nuss: der Salzburgring und die echte Männerkurve!

Nach dem ersten Mal war ich total angefixt. Fast hätte ich mich, Haus und Hof vergessen und gleich einen Vertrag für die nächste Saison unterschrieben. Fast, denn kurz vor dem Pakt mit dem Teufel wurde ich gerade nochmal Herr meiner Sinne. Der Teufel trug eine weiße 31 auf schwarzem Grund, ein weiß-rotes Mäntelchen und darunter ein schaurig-schön brüllendes Höllenteil. Die Yamaha Cup-R6 der Saison 2008 traf mich mitten ins Herz, als ich zum Rookie-Gaststart in Oschersleben anrücken und in diesem heiß umkämpften und vor Talenten nur so strotzenden Cup meine sehr bescheidenen Fahrkünste einmal ausprobieren durfte. Irgendwie muss Cup-Kapo Thomas Kohler meine tiefe Zuneigung zu seinem Schätzchen gespürt haben – gut, ich konnte meine Begeisterung ob all des fließenden Adrenalins auch kaum bändigen – und lud mich für die kommende Saison noch einmal ein. Das Los, das mir ein passendes Zeitfenster zuspielte, fiel auf Salzburg. ?Da war ich schon mal", schoss es mir durch den Kopf. ?Da habe ich ein paar Runden mit Testmotorrädern gedreht, relativ unspektakulärer Kurs", fiel meine erste Beurteilung aus. Zur Sicherheit warf ich noch einmal einen Blick auf die Ideallinie (siehe www.ps-online.de, Angaben für 1000er), packte meine sieben Sachen und zog gen Österreich. Mein großer Held Barry Sheene bestritt da auch noch seine Grand-Prix-Rennen. Na, wenn das keine Motivation ist? Was mir allerdings schon im Vorfeld etwas das Mütchen kühlte, war ein Blick auf die Homepage des Cups: Gegenüber der Vorsaison waren die Typen und die wenigen Mädels mit der baugleichen Maschine noch einmal ein gutes Stück schneller geworden. Nicht, dass ich mir irgendwelche Chancen ausgerechnet hätte, aber der Blamage-Koeffizient sank deshalb nicht gerade. Und dann kam der Wetterbericht: wechselhaft mit schweren Regengüssen. Als ich nachts ankomme, zeigt sich der Salzburgring von seiner schrulligen Seite. Tief im schmalen Tal gelegen, ist das Fahrerlager auf mehrere Plätze fern der Boxenanlage verteilt, die mehr an die Garageneinheit einer Neubau-Siedlung erinnert als an die Behausung PS-strotzender Rennteams. Als am nächsten Morgen das Blöken von Schafen den Weckdienst der blechernen Stimme aus der Lautsprecheranlage vorwegnimmt, ist das Idyll perfekt. Aber schon Minuten später unterstreicht grimmiges Brüllen und wildes Kreischen aus Zweitakt-125ern und Viertakt-Supersportlern, die Geschäftigkeit der Fahrerlager-Bewohner und das Geklimper von Schraubenschlüsseln und anderen Werkzeugen, dass das hier keine Ferien auf dem Bauernhof sind. Hier liefern die IDM und die österreichische Meisterschaft knallharten Rennsport ab – und der Rookie mittendrin. Da darf man schon ein bisschen nervös werden. Wie beruhigend wirken da die schon fast vertrauten Gesichter der Yamaha-Cup-Crew, die mir auch diesmal ungeachtet all meiner Unzulänglichkeiten als Mechaniker, Data-Recording-Berater und Hobby-Psychologen zur Verfügung stehen. Und als Pressefuzzy-Luxus bekomme ich mit Christian Schmidt auch noch meinen ganz persönlichen Service-Mann zur Seite, der selbst weitaus talentierter und erfolgreicher am R6-Cup teilgenommen hat und mittlerweile in Aresing eine Motorrad-Werkstatt betreibt. Nur fahren muss ich selbst, und das mit erhöhtem Leistungsdruck, wie mir Thomas Kohler mitgeteilt hat. In Salzburg dürfen von den 45 gemeldeten R6-Cup-Fahrern aufgrund der Sicherheitsbestimmungen nur 41 starten. Das heißt, dass ich mich im Gegensatz zu Oschersleben vor einem Jahr erst qualifizieren muss, um überhaupt am Renntag noch einmal mit der R6, diesmal mit der Startnummer 32, gegen die anderen kämpfen zu dürfen. Entsprechend angespannt geht es am Freitagnachmittag ins erste freie Training. Zu allem Übel ist die Strecke nach einem Regenguss gerade so am Abtrocknen, lauern hier und da noch nasse Stellen. Aber selbst bei noch moderatem Speed stellt sich heraus, dass Salzburg etwas ganz Besonderes ist – von wegen ?unspektakulär". Aus der überhöhten Nocksteinkehre muss der Ausgang passen, denn anschließend geht es fast schnurgerade und ewig lange den Berg hinauf. Da heißt es Schwung mitnehmen und Hahn auf Vollspannung. Einige der Top-Cuppies brettern in 125er-WM-Manier in furchterregenden Windschatten-Duellen an mir vorbei und auf das zu, was Salzburg nun wirklich einzigartig macht: die Fahrerlager-Kurve. Denn ist man schließlich oben auf dem Berg, heißt es: ?Gas stehen lassen und volle Pulle rechts weg." Was mir natürlich nicht gelingt. Weit vor dem Einlenkpunkt für die Rechts muss die Fuhre links ganz nahe an den Fahrbahnrand ran, sonst ist man viel zu weit innen. Allerdings merkt man bei gut über 240 km/h die Kraft, die dafür nötig ist. Wen hier der Mut verlässt, der macht schon jetzt das Gas zu – so wie ich. Zwar steigere ich mich an dieser und an anderen Stellen, bis das Training abgewunken wird, wundere mich aber dann trotzdem über die Frage meiner Crew, ob die R6 nicht zu kurz für die Bergauf übersetzt sei. Mit einer 1:35.9 min. und einem vorläufigen Platz 38 gelobe ich Steigerung und begebe mich zum Wunden lecken in die Hände des Cup-Physiotherapeuten Fritz Heuser. Ursprünglich hat man mir das Ende aller Verspannungsschmerzen durch die zarten Künste einer gewissen Herta versprochen. Als mich aber der erste Stromschlag wie ein Hieb einer Machete durchfährt, entpuppt sich Herta als Foltergerät in den Händen von Fritz Quälix. Unglaublich, wie lange fünf Minuten werden können. Aber auf wundersame Weise war ich hinterher alle Schmerzen los. Nur die Sorgen nicht, denn knapp nach dem Start zum zweiten Training gießt es wie aus Kübeln. Ich verzichte auf Regenreifen und noch schlechtere Rundenzeiten und fahre zurück an die Box. Muss im ersten Qualifying eben alles passen. Das Wetter tut es, das erste Qualifying ist trocken, und nach ersten beschwingten Runden komme ich dahinter, was die Frage der Mechaniker gestern sollte: Weit vor dem 200-Meter-Schild der Fahrerlagerlagerkurve läuft die R6 in den Begrenzer und nimmt mir so ein paar Wimpernschläge Zeit. Dafür lass ich vor der Fahrerlagerkurve jetzt das Gas fast voll stehen und kann mich insgesamt um satte 3,6 Sekunden steigern. Sofort ändert meine Crew die Übersetzung, und Tom Lischitzki erklärt mir anhand des Datarecordings, wo ich deshalb nun wohl einen kleineren Gang fahren muss. ?Das kannst du im zweiten Quali ausprobieren und dir einprägen", lautet sein Tipp. Aber Tom ist eben kein Wetterprophet. Der Platzregen im zweiten Quali erlaubt mir gerade noch, einmal auf Regenreifen rauszufahren und für ein mögliches Regenrennen zu trainieren, denn qualifiziert bin ich mit Startplatz 37 nun auf jeden Fall. Das obligatorische Fahrer-Meeting am Abend vor dem Rennen kann ich also erhobenen Hauptes mitmachen und beim ersten Start meine Bekanntschaften vertiefen. Es ist höchst interessant, die Cup-Teilnehmer einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Es gibt dort die Spaßfraktion genauso, wie die ehrgeizigen Youngster, die ganz groß rauskommen wollen, und die gestandenen Racer, die um jeden Punkt kämpfen. Einige kommen von weit her, aus der Türkei, einer sogar extra für den Cup aus Japan. Alles in allem ein sehr buntes Völkchen, mit dem man prima ein Wochenende verbringen kann. Doch am Sonntagmorgen ist das alles Makulatur, da gilt es. Und obwohl im Vorstart und auch in der Startaufstellung noch genug Mechaniker, Offizielle, Grid-Girls und andere rumstehen und -laufen, bist du, sobald du aus der Box rollst, ein einsamer Mensch, gefangen in deiner Nervosität, angespannt bis in die Haarspitzen, mit flauem Gefühl und bohrenden Fragen, die dir durch die Hirnwindungen schießen. Aber das macht wohl den Unterschied zwischen den vollkonzentrierten und wesentlich abgebrühteren Cracks und einem Frischling wie mir, einem Rookie. Grün! Gas! Getümmel vor der Schikane – bremsen! Dran bleiben! Rum geht es um die Nocksteinkehre. Holla, da muss ich jetzt viel früher schalten, und – zack – den Berg rauf. Ich kann mich im Windschatten der R6 vor mir halten, aber je schneller das Ding wird, desto unwohler wird mir bei der Sache. Ein kurzer Gaslupfer beruhigt das Gemüt, versaut aber die Perspektive, denn nach dem nächsten Bremspunkt auf die Rechtskurve zu verliere ich den Anschluss. Von nun an heißt es Zweikampf. Die 85, Roland Noack, sitzt mir im Nacken und treibt mich an, vor der Fahrerlagerkurve besser nicht mehr ganz so viel das Gas rauszunehmen. Mit vollem Speed geht es rechts weg. Trotzdem bemerkt man die vielen Zuschauer auf dem grünen Hügel. Konzentration, Rookie, sonst macht dich der Roland nass. Tatsächlich schlüpft er in Runde sieben durch, und ich glaube, mir geht die Puste aus. Plötzlich fällt mir Barry Sheene ein. Genau hier ist er mit seiner Zweitakt-500er auch rumgebrettert. Ich reiß mich zusammen und kann Roland bergauf aus dem Windschatten überholen. Fahrerlagerkurve! Den Platz gibst du jetzt nicht mehr her, stehen lassen! Wie einst Barry. Sicher hat der auch gedacht: ?Was für eine Männerkurve!" Das 2D-Datarekording gibt Aufschluss über Wagemut und Können vor der Fahrerlagerkurve. Die Kurve zeichnet das Stück von der Nocksteinkehre bis zur engen Rechtskurve auf. Die rötlichen Kurven stammen vom Rookie und belegen die Steigerung in Sachen ?Männerkurve". Während die unterste Linie das frühe Schließen der Drosselklappen anhand von Speedverlust im ersten Training zeigt, stammt die zweite aus dem Qualifying und die dritte (rosa) aus dem Rennen mit der schnellsten Runde von 1:31.59 min. Die blaue Linie gehört Cup-Fahrer Ben Gädke (68), der mit einer 1:26.25 min. die schnellste R6-Cup-Runde fuhr. Die grüne Linie stammt von Pascal Eckhard, der mit seiner SKM-R6 in der IDM die Pole in Salzburg holte und eine 1:22.96 min. in den Asphalt brannte. Tatsächlich lässt sich außerdem ablesen, dass auch die Profis leicht das Gas lupfen, bevor sie oben einlenken. Der Rookie ist aber immerhin mit über 250 km/h abgebogen – Respekt.

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