Der Schraubertipp zeigt, was zu tun ist, wenn die Bremsleitungen zu alt sind.

Schraubertipp - Bremsen optimieren Stahlbusventile – Stahlflex-Leitungen

Wenn die Original-Bremsleitungen zu alt sind, steht der Umbau auf Stahlflex an. Und wenn man schon bei der Arbeit ist: Pfiffige Stahlbusventile erleichtern das Befüllen und Entlüften. Unser Schraubertipp zeigt, wie es geht.

Wer stets sicher zum Stehen kommen will, sollte bei seinem Motorrad nicht nur die Bremsflüssigkeit, sondern auch die Leitungen im Auge behalten. Bei Wartungsarbeiten bietet sich der Umbau auf Stahlbus-Entlüftungsventile und Stahlflexleitungen an. Entsprechende Erfahrung ist natürlich unerlässlich: Weshalb nicht versierte Schrauber nur kontrollieren und den Rest der Werkstatt überlassen. Ferner gibt es bauartbedingte Abweichungen zur hier benutzten Honda Sevenfifty. Vor allem bei ABS-Bremsanlagen sind die Arbeitsschritte nicht so einfach übertragbar.

Anzeige
Foto: Ralf Petersen
Dunkel oder hell: Alterskontrolle am Ausgleichsbehälter.
Dunkel oder hell: Alterskontrolle am Ausgleichsbehälter.

Bremsflüssigkeit

Die Aufgabe der Bremsflüssigkeit ist die Druckübermittlung vom Hauptbremszylinder zur Bremszange. Der Flüssigkeitsstand in den Ausgleichsbehältern für die Vorder- und Hinterradbremse dient auch als eine Art Verschleißindikator für die Bremsbeläge. Sinkt der Stand im Behälter stark ab, muss der Zustand der Beläge geprüft werden. Da Bremsflüssigkeit altert, sollte sie alle zwei Jahre ersetzt werden. Sie ist hygroskopisch, was heißt, dass sie durchs Altern Wasser aufnimmt. Der Siedepunkt der Flüssigkeit sinkt, und das kann im Extremfall wegen Dampfblasenbildung sogar zum Versagen der Bremsanlage führen. Alte Bremsflüssigkeit ist meist schon an der Farbe gut zu erkennen. Neue Flüssigkeit ist meist hellgelb. Faustregel: Je dunkler, umso älter ist sie. Auf dem Deckel ist auch der DOT-Bremsflüssigkeitstyp angegeben. DOT 3, 4 und 5.1 dürfen untereinander, nicht aber mit dem Typ DOT 5 gemischt werden.

Kontrolle der Bremsleitungen

Dass auch die (Gummi-)Bremsleitungen zu den Verschleißteilen gehören, ist vielen Motorradfahrern gar nicht klar. Durch den Kontakt mit der Bremsflüssigkeit werden sie im Laufe der Zeit porös und weich. Man merkt es auch beim Bremsen, denn der Druckpunkt wirkt schwammig, weil sich das Gummi unter Belastung dehnt. Die Hersteller empfehlen deshalb, die Leitungen alle vier bis fünf Jahre zu erneuern. Eine Altersangabe ist entweder auf die Schläuche aufgedruckt oder auf einer Banderole angegeben. Bei unserer Sevenfifty findet sich die Angabe 1/94. Die Leitung ist also genau wie das Motorrad stolze 22 Jahre alt. Das ist leider typisch für viele ältere Motorräder und wird übrigens nicht vom TÜV beanstandet – ein Sicherheitsrisiko bleibt es trotzdem! Abgesehen vom Alter sollte man die Bremsleitungen besonders nach Umbauten auf eventuelle Scheuerstellen, knickfreie Verlegung oder lose Befestigungen überprüfen.

Verbesserungen

Egal ob nur die Bremsflüssigkeit oder auch die Leitungen gewechselt werden – der Zubehörhandel hält sinnvolle und praktische Verbesserungen bereit. Zum leichteren Befüllen und Entlüften der Bremsanlage kann man auf Stahlbusventile zurückgreifen, die gegen die serienmäßig verbauten Entlüftungsventile ausgetauscht werden. Sie bieten mehrere Vorteile. Das normale Entlüftungsventil ist während des Entlüftungsvorgangs im geöffneten Zustand am Gewinde meist nicht 100-prozentig dicht. Beim Stahlbusventil dichtet der eingebaute O-Ring dagegen perfekt ab und es kann keine Luft durch das Gewinde des Ventils in das Bremssystem eindringen. Durch das integrierte Rückschlagventil entfällt beim Entlüften außerdem das aufwendige Auf- und Zudrehen des herkömmlichen Ventils. Noch wichtiger: Durch die Rückschlagfunktion kann ein Volumenstrom erzeugt werden, der auch die hartnäckigsten Luftbläschen mitreißt und das System perfekt entlüftet. Neben dem Entlüften lässt sich das Stahlbusventil aber auch auf die Betriebsart „Befüllen“ umstellen und erleichtert die Arbeit bei der kompletten Neubefüllung nach einem Austausch der Leitungen erheblich.

Foto: Ralf Petersen
Komplettkit: hier von Lucas/TRW mit allen Dichtungen und ABE.
Komplettkit: hier von Lucas/TRW mit allen Dichtungen und ABE.

Stahlflexleitungen

Beim Austausch der Leitungen selbst sind Stahlflexleitungen geradezu alternativlos. Sie werden nicht aus Gummi, sondern aus alterungsresistentem Teflon hergestellt und sind mit einen flexiblen Drahtgewebeschlauch ummantelt, der die Leitung vor Beschädigungen wie Knicken oder Scheuern schützt. Außerdem dehnt sich die Leitung unter Druck weniger aus und der Druckpunkt wird verbessert. Einmal montiert, müssen die Stahlflexleitungen nie mehr gewechselt werden. Es gibt sie je nach Bauart bereits ab rund 60 Euro (für Einscheibenbremsen) mit ABE, der Eintrag in die Fahrzeugpapiere entfällt somit.

Klar, dass bei diesen Vorteilen niemand mehr eine oftmals auch noch teurere Original-Gummileitung verbaut. Aufgrund von guten Erfahrungen in der Vergangenheit entschied ich mich bei der Auswahl des Herstellers für die Leitungen von Lucas/TRW für die Doppelscheibenbremse vorn und wegen eines günstigen Messepreises für Probrake für die hintere Bremsleitung. Beide Umbausätze waren komplett mit Dichtungen, passten hervorragend und haben eine ABE.

Beim Umbau auf Stahlflexleitungen prüft man zunächst, wie weit man den Bremshebel ziehen kann. Wenn die Entlüftungsschraube später geöffnet ist, lässt er sich nämlich bis zum Lenker durchziehen. Um die empfindliche Dichtung des Kolbens der Bremspumpe zu schonen, zieht man den Hebel beim späteren Pumpen möglichst nicht komplett durch. Bremsflüssigkeit ist stark ätzend, deshalb sollten alle Fahrzeugteile, die sich in der Nähe der Bremsanlage befinden, gegen Spritzer und austretende Flüssigkeit gut abgedeckt werden. Zum Schutz der Haut unbedingt Handschuhe tragen.

Nach dem Öffnen des Deckels des Ausgleichsbehälters kann man die Gummidichtung entfernen. Wichtig ist, sich den Stand der Bremsflüssigkeit genau zu merken. Häufig wird nach dem Bremsflüssigkeitswechsel bis zur Maximum-Markierung aufgefüllt. Das ist falsch, denn das korrekte Niveau hängt vom Zustand der Bremsbeläge ab. Der Stand der Bremsflüssigkeit wird markiert oder durch ein Foto dokumentiert. Ich verwende immer eine Spritzflasche und markiere den Stand mit einem Kabelbinder am Saugrohr. So kann ich später sauber und problemlos den genauen Stand wiederherstellen.

Als Erstes wird die Bremsflüssigkeit im Ausgleichsbehälter mit einer Spritze etc. vollständig abgesaugt. Bei dieser Gelegenheit kann man den Behälter falls nötig mit einem sauberen nicht fusselnden Lappen reinigen. Jetzt wird ein möglichst gut passender Schlauch, dessen Ende in einem Auffangbehälter (z. B. altes Marmeladenglas) fixiert ist, auf das Entlüftungsventil des ersten Bremssattels geschoben, das Ventil geöffnet und die Bremsflüssigkeit so weit wie möglich abgepumpt. Genauso verfährt man mit dem zweiten Bremssattel. Dann können die Hohlschrauben der Bremsleitung am Bremssattel abgeschraubt werden, damit man die restliche Flüssigkeit in ein passendes Gefäß ablaufen lassen kann.

Nun werden die beiden Hohlschrauben der Bremsleitung am Verteiler und danach die Hohlschraube an der Handbremspumpe herausgedreht und alle drei Teilstücke der Bremsleitung entfernt. Die Anschlüsse werden mit Bremsenreiniger und sauberen nicht fusselnden Lappen sorgfältig gereinigt.

Vor der Montage der neuen Leitungen werden diese mit den alten Leitungen verglichen und erst lose angelegt, um zu prüfen, ob sie auch genau passen. Dabei auf Länge, Winkel und auf die Dicke der Ringanschlüsse achten. Falls die Ringanschlüsse dicker oder dünner sind, müssen andere Hohlschrauben verwendet werden. Die Stahlflex-Ringanschlüsse lassen sich bei den von mir verwendeten Leitungen mittels einer Zange und einem passenden Durchschlag vorsichtig in die richtige Position drehen. Dabei unbedingt die Montagehinweise des Herstellers beachten. Selbstverständlich werden zur finalen Montage neue Dichtscheiben verwendet, die dem Kit in der Regel auch beiliegen.

Nun werden die Halterungen der alten Bremsleitungen abgebaut, an den neuen Stahlflexleitungen angebracht und diese dann mit neuen Dichtscheiben montiert, aber noch nicht festgezogen. Nach dem Anschrauben der Halterungen an den Haltepunkten der Gabel prüft man die spannungs- und scheuerfreie Verlegung auch unter Belastung und federt die Gabel dazu kräftig ein. Ohne die Ringanschlüsse zu verdrehen, werden diese jetzt erst handfest und dann mit dem angegebenen Drehmoment (35 Nm bei der Sevenfifty) angezogen.

Der Umbau der Bremsleitung für die hintere Scheibenbremse ist im Prinzip identisch. Die Entfernung der alten und die Verlegung der neuen Leitung ist an der Sevenfifty allerdings wesentlich fummeliger. Die Halterungen an der Schwinge sind wegen des Rahmens und des Auspuffs nicht gut zugänglich. Man sollte also etwas mehr Zeit einplanen.

Foto: Ralf Petersen
Der Einbau von Stahlbusventilen ist kinderleicht.
Der Einbau von Stahlbusventilen ist kinderleicht.

Stahlbusventile

Der Einbau von Stahlbusventilen ist ganz einfach. Das alte Entlüftungsventil wird herausgeschraubt und gegen das neue Stahlbusventil ausgetauscht, dann wird es mit dem gleichen Drehmoment wie das alte Ventil (6 Nm bei der Honda) angezogen. Im Anschluss daran wird der Ausgleichsbehälter mit frischer Bremsflüssigkeit (richtige DOT-Klasse beachten) befüllt. Das Stahlbusventil am linken Bremssattel wird 1,5 Umdrehungen geöffnet und steht damit in der Position „Befüllen/Wechseln“. Das Ventil des rechten Sattels bleibt noch geschlossen. Das wichtigste Werkzeug ist die Stahlbus-Vakuum-Befüll- und Entlüftungshilfe, eine Art Minipumpe, die man bei den großen Zubehörketten für weniger als zehn Euro günstig erwerben kann. Ein Schnäppchen im Vergleich zu den sonst üblichen Bremsen-Entlüftern, die in vernünftiger Qualität mindestens 100 Euro kosten. Die Mini-Pumpe wird zusammengedrückt und der Schlauch auf das Ventil gesetzt.

Dank der guten Materialqualität sitzt der Schlauch auch stramm auf dem Ventil. Nach dem Loslassen der Pumpe saugt sie erstaunlich effizient und problemlos, sodass sehr schnell Bremsflüssigkeit in der Pumpe ankommt. Durch Betätigen des Bremshebels kann man den Vorgang noch unterstützen. Dabei immer wieder einen Blick in den Ausgleichsbehälter werfen und kontrollieren, ob genug Bremsflüssigkeit vorhanden ist. Der Pegelstand darf auf keinen Fall so weit absinken, dass Luft ins System gelangt. Gegebenenfalls das Ventil schließen, Schlauch abziehen, die Pumpe entleeren und den Vorgang wiederholen. Sind keine Blasen mehr im Schlauch erkennbar, Ventil zudrehen und den Vorgang am rechten Bremssattel wiederholen.

Natürlich muss die Bremsanlage jetzt noch entlüftet werden. Wenn das Stahlbusventil nur eine halbe Umdrehung geöffnet wird, steht es auf der Position „Entlüften“. Auch hier kann man die Minipumpe zusätzlich anschließen. Jetzt braucht man nur noch mit dem Bremshebel zu pumpen. Am Anfang bemerkt man scheinbar keine Veränderung, aber dann spürt man, wie sich langsam Druck aufbaut, und schließlich ist die Bremse wie von Zauberhand perfekt entlüftet. Am Ende wird die Bremsflüssigkeit wieder auf das korrekte Niveau aufgefüllt – fertig.

Foto: Ralf Petersen
Das alles braucht man.
Das alles braucht man.

Infos

Das wird gebraucht:

  • Reparaturanleitung
  • Tabelle mit Anzugswerten
  • Passende Stahlbusventile
  • Stahlbus-Vakuum-Entlüftungshilfe
  • Stahlflexleitungen
  • Bremsflüssigkeit
  • Auffanggefäß
  • Schlauch
  • Drehmomentschlüssel und passende Stecknüsse
  • Spritze/Spritzflasche zum Absaugen

Materialkosten:

  • Stahlflexleitungssatz vorn (z. B. von Lucas/TRW, ca. 130 Euro)
  • Stahlflexleitung hinten (z. B. von Probrake, ca. 35 Euro)
  • 3 Stahlbusventile, je 22,90 Euro
  • 3 Alu-Kappen, je 5,99 Euro
  • Vakuum-Entlüftungshilfe, 8,95 Euro
  • Bremsflüssigkeit, 6,99 Euro

Kosten in der Werkstatt:

  • Honda-Vertragswerkstatt und freie Werkstatt: ca. 100 Euro Arbeitslohn für Doppelscheibe vorn und ca. 70 Euro für hinten, zuzüglich Material (lt. telefonischer Auskunft)
Foto: Ralf Petersen
Ralf Petersen veranstaltet seit 21 Jahren Schrauberkurse.
Ralf Petersen veranstaltet seit 21 Jahren Schrauberkurse.

Schrauberkurse

Ralf Petersen. Der Autor arbeitet als Weiterbildungslehrer bei der VHS Duisburg und veranstaltet seit 21 Jahren Schrauberkurse. 12 bis 15 Praxis-Seminare zum Thema Wartung, Reparatur und Technik werden jedes Jahr angeboten. Im Delius Klasing-Verlag erschien 2015 sein Buch „Basiswissen Motorrad-Technik“.

Info:

  • www.schrauberkurse.de.ki
  • Facebook: Motorrad-Technik Petersen

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote