Sport: Interview mit Nasser bin Khalifa Al Attiyah "Wir wollen das Beste"

Nasser bin Khalifa Al Attiyah ist Präsident der Motorradsportföderation von Qatar. Mit MOTORRAD-Reporter Friedemann Kirn sprach er beim MotoGP-Saisonauftakt über Wachstum und Zukunftsvisionen, aber auch die internationale Kritik an Qatar.

Herr Präsident, zunächst eine persönliche Frage. Lieben Sie die Falkenjagd?
Ja, sehr. Es ist eine unserer Traditionen, ein wichtiger Teil unserer Kultur. Überall auf der Welt gibt es Beschäftigungen, die zur Landschaft passen. Wir sind stolz darauf, Falken zu halten, Pferde oder Kamele zu reiten. Es ist Teil unserer Philosophie.
Trotz so starker Traditionen wurden Sie und Ihr Neffe Nasser Salih Al Attiyah, ein sehr erfolgreicher Rallye-Fahrer, schon früh zu echten Rennsport-Fans. Wie kam es dazu?
Wir haben älteren Fahrern zugeschaut, die hier in der Region an den Start gegangen sind. Das hat uns 1989 motiviert, uns ebenfalls mit Rennautos zu beschäftigen. Nasser Salih fährt immer noch, ich habe mich auf die Management-Seite des Motorsports hier in Qatar konzentriert. Wir beide machen gute Promotion für unser Land und verbessern gemeinsam das Image von Qatar.

Nach MotoGP- und Endurance-WM haben Sie die Motocross-Weltmeisterschaft nach Qatar gebracht, Sie planen eine weitere Strecke für die Kart-WM und haben in zwei, drei Jahren sogar die Formel 1 im Programm. Ein gewaltiges Wachstum …
Das ist unserer Passion zu verdanken. Wir haben mit einem schnellen Sport zu tun, da sind schnelle Entscheidungen gefragt. Wir sind die Einzigen in dieser Region, die sich für den Motorradsport starkmachen. Aber jetzt sehen wir die Notwendigkeit, bei Motorrad- und Automobilveranstaltungen einen Ausgleich zu schaffen und auch noch die Formel 1 hierherzubringen. Wir wollen das Beste für unser Land und unsere Region, deshalb haben sich unsere Regierung und der Emir von Qatar auch erfolgreich um
die Fußball-WM beworben. Wir haben uns nicht gescheut, als kleines Land in den Wettbewerb zu gehen, denn die Hoffnungen dieses Landes sind größer als seine Fläche.

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Foto: 2snap
Nasser bin Khalifa Al Attiyah.
Nasser bin Khalifa Al Attiyah.

Warum legt sich Qatar bei der Akquise so ins Zeug und bringt solche Großveranstaltungen ins Land?
Das ist eine seltsame Frage, mit der wir immer wieder konfrontiert werden. Die Gegenfrage ist: Warum brauchen die europäischen Länder all diese Sportveranstaltungen? Wir teilen die gleichen Hoffnungen, die auch die anderen Länder haben. Es ist wie beim Essen: Wenn wir Vielfalt promoten wollen, müssen wir neue Genüsse ins Land bringen. Unsere Gesellschaft liebt den Motorsport, ebenso wie sie Handball, Fußball, Volleyball oder Tennis liebt.
Qatar geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, bei der Vergabe der Fußball-WM ebenso wie wegen der Lebensbedingungen seiner Gastarbeiter, die die nötige Infrastruktur aufbauen. Wie antwortet Ihr Land darauf?
Qatar ist eines der sichersten Länder der Erde. Auch was Menschenrechte und Arbeitsbedingungen angeht, legen wir uns stark ins Zeug. Wenn du Südafrika und Qatar vergleichst, gibt es gewaltige Unterschiede bei Menschenrechten, Arbeitsbedingungen und Sicherheit. Warum wird bei uns so viel Krach geschlagen, aber nicht in Südafrika? Alles, was dahintersteckt, ist internationaler Neid. Der Emir von Qatar und die Regierung haben tolle Arbeit geleistet, und sie haben der Welt gezeigt, dass es künftig mehr Flexibilität geben wird und dass auch andere als die gewohnten Regionen dieser Welt eine solche Chance erhalten können. Wir danken den FIFA-Mitgliedern, dass sie uns ihr Vertrauen geschenkt haben und sich auf faire Weise für Qatar entschieden haben.
Zurück zu zwei Rädern. Gemessen an der Tatsache, dass Qatar als reichstes Land der Erde gilt, könnten Sie sich die besten Fahrer, die besten Bikes und die beste Technik der Königsklasse leisten. Warum ein so bescheidenes Moto2-Team wie QMMF?
Das ist eine clevere Frage. Wir haben mit einem World Endurance-Team angefangen und haben gleich im ersten Jahr den Titel gewonnen, obwohl Langstreckenrennen in Ländern wie Frankreich eine starke Tradition haben. Wir haben bewiesen, dass du mit der richtigen Planung, einer guten Teambesetzung, der richtigen Technik und der richtigen Strategie Erfolg haben kannst. Wir konnten sofort mithalten, fuhren zur allgemeinen Überraschung auf Platz zwei in Le Mans und holten am Ende den Titel.
Danach gingen wir in die Moto2-Klasse. Für uns war das die richtige Plattform, denn dort braucht man keine Beziehungen zu einem großen Werk. Wir haben sogar eigene Fahrer aus Qatar ins Rennen geschickt, doch leider waren sie nicht auf GP-Niveau. Wir haben dann gute Fahrer ausgewählt, wie Anthony West und jetzt Julian Simon, und unser Potenzial unter Beweis gestellt. Vorletztes Jahr waren wir Zweite in Malaysia, Zweite in Australien, haben letztes Jahr den Assen-Grand-Prix gewonnen, ein für uns märchenhaftes Ergebnis. Unser Ziel für diese Saison ist ein Top-Fünf-Gesamtrang, und natürlich wollen wir eines Tages in einem MotoGP-Team vertreten sein. Doch wir müssen die Treppe Stufe um Stufe erklimmen.
Pioniertaten haben wir in anderen Bereichen absolviert, wie mit dem ersten Nachtrennen der GP-Geschichte. Es war eine große Investition, und es war eine große technologische Herausforderung, auch wegen möglicher Sicherheitsprobleme. Neben der Rennstrecke selbst mussten auch die Auslaufzonen und die Bereiche der Streckenposten illuminiert werden. Für die Fernsehkameras mussten
wir Reflexionen vermeiden. Außerdem musst du mit den Schatten aufpassen. Motorräder sind da anders als Autos, denn wenn der Fahrer in die Kurve abwinkelt, wird er wegen seines eigenen Schattens nervös und denkt, er wird von einem anderen Fahrer überholt. Jetzt tun wir das Gleiche mit der Motocross-WM und promoten auch dort als erstes Land ein Nachtrennen. Außerdem bieten wir als erste Motocross-Strecke eine Race Control mit Kameras rund um die Strecke. Auch das ist ein Rekord für die FIM und ein Meilenstein für die Fahrersicherheit im Motocross-Sport. Die Motocross-Race-Control ist jetzt auf dem gleichen Niveau wie im Grand Prix. Wir sind sehr stolz auf diesen neuen Rekord.

Qatar hat die „National Vision 2030“ vorgestellt, ein interessantes Dokument zur Zukunft des Landes. Wie ist Ihre Vision für 2030, wie sieht die Motorsport-Welt von Qatar in 15 Jahren aus?
Zunächst einmal hoffe ich, dass ich 2030 noch am Leben bin. Qatar ist das Herz des Motorsports im Mittleren Osten, und die Hoffnung ist groß, dass wir unsere Fähigkeiten weiter verbessern können. Schon jetzt haben wir eine lebhafte Agenda, was die Events und das Marketing der Rennstrecke angeht, mit Reifen- und Fahrzeugtests verschiedener Hersteller. Ich bin überzeugt, dass wir 2030 hundertmal besser sein werden.
Eines möchte ich noch hinzufügen. So wie wir auch in unserer Regierung immer mehr Schlüsselpositionen mit Frauen besetzen, genießen Frauen auch im Motorsport unsere uneingeschränkte Unterstützung. Wir promoten Renn-Ladys mehr als jedes andere Land. Einer unserer besten Piloten ist Nina Prinz aus Deutschland. Sie ist die erste Frau, die einen World Endurance-Event gewinnen konnte, hier in Qatar. Die Spanierin Elena Rossell ist die erste und einzige Frau, die im QMMF Racing Team eine komplette Moto2-WM-Saison bestritt. Wir haben uns für die erste Frauen-Kommission in der FIA starkgemacht. Wir zeigen der Welt, dass wir Frauen ebenso respektieren wie Männer, und geben ihnen die gleichen Chancen. Frauen besetzen bei uns nicht nur als Fahrer, sondern in allen Bereichen, von Marshalls bis zum Marketing, wichtige Positionen.
Träumen Sie auch davon, bald wieder einen Fahrer aus Qatar ins Rennen schicken zu können?
Natürlich haben wir diese Hoffnung. Aber im Moment fehlt etwas. Unsere Bevölkerung ist zu klein, und wenn man unsere Gesellschaft durchfiltert, bleiben nicht viele Talente hängen, die man in eine Renn-Akademie stecken könnte. Es gibt vieles, was wir da von Europa lernen können, und wir scheuen uns nicht zu kopieren, wie andere Länder ihre Nachwuchs-Akademie betreiben. Wir müssen versuchen, für jede Altersgruppe etwas anzubieten, in der Organisation oder als Fahrer. Die Tür ist offen für alle, die ihre Talente ausprobieren wollen.
Was wir in Qatar in kurzer Zeit erreicht haben, ist erstaunlich. Andere Länder würden dazu hundert Jahre brauchen. Wir sind Risiken eingegangen, doch Risiken sind ein wichtiger Teil des Lebens. Als ehemaliger Rallye-Fahrer weiß ich: Wenn ich keine Risiken eingehe, kann ich nicht gewinnen.

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