Superbike-WM-Finale in Doha/QAT Mitternachts - Krimi

In der Geisterstunde war in der Superbike-WM alles entschieden – und alles anders als ­erwartet. Der Franzose Sylvain Guintoli gewann die beiden Finalrennen von Qatar und machte Aprilia zum Weltmeister. Für den entthronten Champion Tom Sykes und Kawasaki war das Ergebnis ein Schlag ins Gesicht.

Aprilia gegen Kawasaki. Frankreich gegen Großbritannien. Italien gegen Japan. Europa gegen Asien. Der eigentlich so unscheinbare Sylvain Guintoli bäumte sich in der letzten Session der Superbike-WM auf wie nie zuvor und krönte sich unter Flutlicht aus eigener Kraft erstmals zum Weltmeister. Mit zwölf Punkten Rückstand auf Tom Sykes war er zur nächtlichen Premiere der Superbike-WM nach Qatar gekommen. Mit sechs Punkten Vorsprung machte er seinen Lebenstraum wahr. Für Tom Sykes blieb ein bitteres Hätte, Wäre, Wenn übrig.

Hätte Claudio Corti Sykes’ WM-Rivalen Silvain Guintoli beim Bootsausflug am Donnerstag tatsächlich über Bord geworfen und dieser sich eine Grippe eingefangen, hätte es das Wochenende für Sykes vermutlich einfacher gemacht. Das klingt weit hergeholt, hat aber einen realen Hintergrund: Mit einem arabischen Segelschiff war das WM-Stammpersonal zu den größten Sehenswürdigkeiten des Wüstenstaats unterwegs. Wie bei einer illustren Herrenrunde üblich, gab es an Bord auch jede Menge Jux und Dollerei, wobei besagter Kollege Corti an Guintoli die Hebelwirkung ausprobieren wollte. Vor lauter Spaß wurde dabei das Steuern vergessen, die Dau lief auf eine Sandbank. Es rumpelte gewaltig, auch zwischen Guintoli und Sykes auf der Steuerbordseite, die beim Grundlauf miteinander kollidierten.

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Für den Briten das Worst-Case-Szenario schlechthin

Was drei Tage später am Sonntag passierte, war bitterer Ernst. Das erste Rennen führte zunächst Sykes’ Teamkollege Loris Baz an. Nach sieben von 17 Runden be­fanden sich sieben Herrschaften innerhalb einer Sekunde an der Spitze und zum Schluss Guintoli ganz vorn. Sykes wurde Dritter. Die Folge: Sein Vorsprung war innerhalb eines Rennens auf nur mehr drei Zähler geschrumpft.

Für den Briten war es das Worst-Case-Szenario schlechthin. Denn ausgerechnet Baz war vor ihm ins Ziel gekommen. Derjenige, der ihm hätte ein paar Punkte schenken können, dem die Boxencrew in der vorletzten Runde unmissverständlich und offensichtlich die Tafel mit der Aufschrift „Lose“ an der Mauer entgegenstreckte. Doch der 1,93 Meter lange Baz spielte nicht mit. Warum sollte er seinem Teamkollegen, mit dem er sich in Malaysia bereits ins Gehege gekommen war, etwas schenken? Immerhin hatte er dem bis ­dato amtierenden Weltmeister schon in Frankreich Platz gemacht. Es scheint, als würde es auch persönliche Gräben zwischen den beiden geben. Außerdem wandert Baz ohnehin 2015 in die MotoGP ab und wird dort Teamkollege von Stefan Bradl bei Forward Racing und Yamaha. Ob sein Verhalten für die Zukunft ein gutes Omen ist, steht auf einem anderen Blatt. Es könnte auch zum Bumerang werden.

Der stinksaure Sykes versuchte im zweiten Lauf, seinen Vorsprung zu retten, war nach dem Start vorn, doch alles Kämpfen und Driften am Limit war vergebens. Guintoli gewann auch das zweite Rennen und holte damit die WM-Krone. Sykes blieb der dritte Platz, diesmal hinter Johnny Rea auf der Honda. Das vor dem Finale scheinbar sichere Zwölf Punkte-Polster hatte sich mit einem Schlag in Luft aufgelöst, der Titel war futsch. Baz kam als Siebter ins Ziel, aber das war nun völlig egal. Sykes hätte seine Punkte aus dem ersten Lauf gebraucht.

Drei Hersteller, drei Fahrer aus drei Nationen – und die ersten drei der WM-Wertung standen zum Abschluss auf dem Podest. Nur nicht in der Reihenfolge, die man eigentlich erwartet hatte. Mit Guintoli feierten Aprilia, die Fans und seine ganze Familie. „Ich habe gewusst, dass ich es irgendwie schaffen kann. Natürlich gab es wie bei Tom Sykes ein paar Kontroversen, aber nun habe ich den Titel aus eigener Kraft eingefahren“, bilanzierte der 32-Jährige. Einen kleinen Wermutstropfen muss der Hersteller dennoch schlucken. Guintoli verlässt Aprilia und geht 2015 zu Honda, wo sich Rea verabschiedet. Rea, der im letzten Rennen Marco Melandri in der Gesamtwertung um einen Punkt abzockte und jahrelang mit Honda verbandelt war, geht aus Enttäuschung, weil man ihm nie geholfen hat, den erhofften Sprung in die MotoGP-WM zu machen. 2015 fährt er die Superbike-WM auf Kawasaki. Er wird Teamkollege von Tom Sykes.

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Es ist ein Kommen und Gehen

Mit wem und wie es bei Aprilia weitergeht, steht in den Sternen. Aktuelle Spekulationen ranken sich darum, dass das Werksteam aufgelöst und der WM-Kampf an ein Kundenteam übertragen wird.

Suzuki wird Eugene Laverty verlieren, der sich bereits in der MotoGP-Weltmeisterschaft sieht. 2013 wurde der 28-jährige Nordire Superbike-Vizeweltmeister auf Aprilia. Um den Einstieg von Suzuki in die Königsklasse wissend, wechselte er 2014 zu den Japanern. Der Plan, sich damit in die Pole Position für einen Platz auf der Werks-Suzuki zu begeben, ging nicht auf. Laverty, der auf der GSX-R 1000 als Letzter in die Top Ten rutschte, fährt 2015 eine MotoGP-Honda im Aspar-Team. Es ist ein Kommen und Gehen. 2015 wird es auch wieder eine deutsche Beteiligung geben. Mit Markus Reiterberger sind neben der Superbike*IDM vermehrte Wild Card-Einsätze geplant. Mehr geht nicht. Das vom belgischen Ex-Superbiker Werner Daemen geleitete Van Zon-Remeha-Team hat zu wenig Geld. Und die Unterstützung von BMW selbst ist für Reiterberger, in der IDM auf der S 1000 RR schnellster BMW-Fahrer, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das 3C-Racing-Team mit IDM-Sieger Xavi Forés, dem ehemaligen deutschen Superbike-WM-Piloten Max Neukirchner und Lorenzo Lanzi auf der Ducati 1199 ­Panigale hegt ähnliche Pläne. Noch sind dort aber nicht einmal die Fahrer bestätigt, auch wenn ihnen Teamchef Karsten Jerschke von seiner Seite aus grünes Licht signalisiert hat. Die Freigabe von Ducati Italia, wo die endgültige Entscheidung getroffen wird, fehlt jedoch noch.

Nachdem sich die Superbike-WM im Übergangsjahr 2014 aus Kostengründen in die hochgezüchtete Superbike-Fraktion und eine seriennähere Evo-Abteilung gespalten hat, die zwar gemeinsam fuhren, aber getrennt gewertet wurden, läuft 2015 alles wieder nach technisch einheitlichen Bestimmungen ab. Die reinen Superbikes, die sich immer mehr an die MotoGP-Prototypen annäherten, wird es nicht mehr geben. Alles fährt nach Evo-Regeln, obwohl der Begriff nirgendwo auftauchen wird. Fakt ist, dass Bremsen, Fahrwerk und Elektronik so ausgelegt sein werden, dass ein Maximalbudget nicht mehr überschritten werden darf. Die Kosten sollen gesenkt werden, womit die Teams der Evo-Klasse, die von David Salom (Kawasaki) gewonnen wurde, heuer den Anfang machten.

Am gravierendsten wird sich das neue Prinzip bei der Elektronik auswirken, deren finanzieller Spielraum bei 8000 Euro zu Ende ist und von der Internationalen Motorradföderation FIM sowie Superbike-Promoter Dorna abgesegnet sein muss. Damit soll der unterschiedliche Entwicklungsstand der Hersteller kompensiert werden. Zur Information: Heutzutage kostet eine frei gewählte Elektronik der Spitzenklasse leicht 20 000 Euro.

Die neuen Regeln könnten vor allem Ducati zugutekommen. Seit zwei Jahren fahren die Italiener einem Sieg hinterher. 2015 werden die Voraussetzungen für Aprilia, BMW, Ducati, Honda, Kawasaki, MV Agusta, Suzuki und Yamaha auf gleichem Level sein. Dann dürften auch die Zuschauer wieder durchblicken.

Foto:
Ergebnisse Superbike-WM in Doha/QAT.
Ergebnisse Superbike-WM in Doha/QAT.

Ergebnisse: Superbike-WM in Doha/QAT

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