Szene: E-Bike Rallye Unter Strom

„Das ist ja irre!“ Ein gut gelaunter Bundesverkehrsminister steigt begeistert vom hohen Ross. Besser gesagt, vom Sattel eines E-Rockit. Auf dem 28000 Euro teuren „Human-Hybrid“ muss der Fahrer trotz eines 75 Newtonmeter starken Elektromotors permanent selbst treten. Das gilt natürlich auch für Wolfgang Tiefensee, den Schirmherrn der ersten E-Bike-Rallye. Am Start sind scharenweise Maxi-Scooter von Vectrix und Elektro-Enduros vom Typ Quantya Strada. Doch zunächst sind Gespräche angesagt, direkt und am run-den Tisch, es geht um Informations- und Gedankenaustausch. „Elektromotorräder haben ein unglaubliches Potenzial. Ich verstehe nicht, dass das so wenig genutzt wird“, sagt zum Beispiel der Minister.

Rund 100000 Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor sind nämlich 2008 in Deutschland verkauft worden. Dagegen zeigen sich alle großen Motorradhersteller bislang reserviert. Nur kleine Firmen springen in die Bresche, ohne staatliche Förderung. Interessiert lauscht der Minister Berichten von lautlosen Quantya-Parks. Dort können Geländefreaks auf Leihmaschinen des Schweizer Herstellers – anders als auf herkömmlichen Motocross-Strecken – auch nah an Wohnorten ihre Runden drehen.

„Würden alle Kraftfahrzeuge elektrisch fahren, bräuchte man nur ganze 20 Prozent mehr Strom“, sagt Klaus-Dieter Maubach, Vorstandsvorsitzender von E.ON Energie. Eine verlockende Perspektive. Fürs Jahr 2050. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen Elektrofahrzeuge im Jahr 2020 in Deutschland gerade mal auf drei bis fünf Prozent Marktanteil kommen. 2015 werden erst 50000 bis 100000 Vehikel elektrisch fahren. Eine ernüchternde Perspektive. Momentan bleiben daher die Effizienzsteigerung konventioneller Benzin- und Dieselmotoren sowie die Erzeugung biologisch verträglicherer Kraftstoffe ebenfalls wichtige Ziele für die Mobilität der Zukunft. Am Fuße der Edersee-Staumauer in Nordhessen ist die E-Flottille frisch mit Öko-Strom aufgeladen. Fast unhörbar setzen sich die Zweiräder in Bewegung. Bei der Rallye geht es nicht um Speed, sondern um das Aufzeigen des Machbaren. Über 35 Kilometer führt die Etappe, beim Zwischenstopp in Bad Wildungen wird nachgeladen. Sicherheitshalber, da die Reichweite je nach Typ und Fahrweise nur knapp über 50 Kilometern liegt. Und völlig leere Akkus zu laden, dauert mindestens drei Stunden. „Elektro-Fahrzeuge werden sich vor allem in Ballungszentren durchsetzen“, sagt ADAC-Vizepräsident Erhard Oehm dazu. Weil dort die Umweltbelastung besonders hoch ausfalle und die noch sehr begrenzte Reichweite weniger von Bedeutung sei.

„Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor haben 100 Jahre Entwicklung hinter sich,“ ergänzt ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm, „das kann man nicht in fünf Jahren nachholen.“ 93 Prozent Wirkungsgrad des E-Motors bestechen. Doch die Technik steht und fällt mit den Batterien, sagen Marko Werner und Thomas Schuricht. Sie entwickelten das 90 Kilowatt starke Rennmotorrad von „XXL Racing“. Das belegte beim weltweit ersten Rennen für Elektromotorräder, dem TTXGP im Juni 2009 auf der Isle of Man, sensationell den zweiten Platz. Mit zehn Kilowattstunden bringen es die rund 2100 Lithium-Ionen-Akkus des E-Racers auf den Energie-Inhalt von nur einem Liter Benzin. Und sie kosten rund 15000 Euro. Wenns welche gibt: „Der Markt für Akkus ist leergefegt, die Anbieter haben fast eine Monopolstellung“, klagt Thomas Schuricht. Dagegen sei in China die E-Mobilität ganz normal. Zehn Prozent der Fahrräder und Roller seien dort bereits elektrifiziert, berichtet Marko Werner: „Die Akkus lassen sich zu Hause oder im Büro aufladen.“ Heute rollen die ersten E-Bikes für jedermann durch Europa, Elektroautos sind dagegen noch im Stadium des Feldversuchs. Das Bundesverkehrsministerium fördert die neue Elektro-Mobilität mit 500 Millionen Euro: In acht Modellregionen sollen ab 2010 Busse, Taxis, Pflegedienste und Müllwagen elektrisch fahren. Erstmals denken die Beamten nun auch an Zweiräder, ein erster Erfolg der E-Bike-Rallye.

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