Szene: Lenny Kravitz bei "Polo rockt!" Bock auf Rock

Mit Lenny Kravitz soll zum ersten Mal einer von den auch aktuell noch ganz Gro-ßen in der von Polo eingeführten Konzert-reihe spielen. Die früher einmal Großen hatten sich schon in den Jahren zuvor am alten Firmensitz in Düsseldorf die Klinkenstecker ihrer E-Gitarren in die Hand gegeben, Rocker und Biker mit klangvollen Namen: Deep Purple, Gary Moore, Billy Idol, die Scorpions, die Leningrad Cowboys... „Für uns gehören Rockmusik und Motorradfahren einfach zusammen“, meint Werbechefin Sabina Eickholz zu dem einfachen Konzert-Konzept von „Polo rockt!“ Einfach, aber nicht ganz billig. Was heute hier ab-gehen soll, das lässt sich Polo eine Stange Geld kosten. „Die Tickets sind durch Polo subventioniert“, sagt Eickholz. „Rund zehn Euro legen wir pro Karte drauf.“ 6000 Eintrittskarten zum Preis von 42 Euro sind zu diesem Zeitpunkt schon verkauft, 1500 werden an der Abendkasse noch dazu kommen. Um die 75000 Euro wird Polo also für diesen Event hinblättern. Vielleicht noch etwas mehr, weil Rocker Kravitz gegen später besonders gut drauf sein wird. Aber dazu kommen wir noch.
Erst mal wird aufgebaut. Am Morgen sind sechs Trucks mit PA, Licht und Bühnenequipment und drei Omnibusse mit Band und 30-köpfiger Tournee-Crew in-klusive Catering-Team und Dekorateurin für Kravitz‘ Garderobe aus dem 450 Kilometer südlich gelegenen Stuttgart angekommen. Dort hatte der Amerikaner am Vorabend sein neben Jüchen einziges Deutschland-Konzert dieses Jahr gegeben – für Kartenpreise von stolzen 61 bis 130 Euro.
Der nach außen mit Gittern und schwar-zen Sichtschutz-Planen abgesperrte, 15000 Quadratmeter große Innenhof, das Polodrom, gleicht jetzt einem Ameisenbau: Gabelstapler fahren Dixi-Klos von links nach rechts, Lkw-Anhänger verwandeln sich in mobile Bierausschänke, auf und vor der Bühne wuselt eine Armee von Männern, denen Zangen, Kabelbinder, Taperollen und Schraubenzieher aus den Taschen ihrer verbeulten Cargohosen quellen. Funkgeräte knarzen, eine Reihe Bassboxen brummt ungesund vor sich hin. Bis zum Rock ’n’ Roll gibt‘s noch reichlich was zu tun.
Gegen 16 Uhr beginnt auf der mit 400 Quadratmetern laut Veranstalter größten, fest installierten Open-Air-Bühne Europas der Soundcheck. Wer nicht unmittelbar fürs Konzert wichtig ist und einen bunten Pass um den Hals baumeln hat, wird spätestens jetzt von einem Heer von Security-Leuten nach draußen komplimentiert; Fotografen bekommen Anweisung, ab sofort nicht einmal mehr an ihre Kameras zu denken.
Draußen an der Einfahrt wird es langsam voll. Wer am Abend ganz vorn an der Bühne mit dabei sein will, sichert sich schon drei Stunden vor Einlass einen Platz an den beiden streng bewachten Eingängen. Die sollen um 19 Uhr geöffnet werden. Exakt 60 Minuten lang ertönt derweil von drinnen immer gleiches Schlagzeugwummern, dann Gitarren dazu, Bass, Keyboards, am Schluss die Bläser. Erste Akkorde werden erkennbar, genug, um unter den 300 bis 400 draußen Wartenden schon Partystimmung aufkommen zu lassen. Ein Mitarbeiter der Jüchener Polo-Filiale bietet für zwei Euro Ohrstöpsel an. Andere Polo-Mitarbeiter regeln rings ums Gelände derweil den Verkehr. Es soll alles glatt gehen, man will es sich mit der Gemeinde Jüchen auf keinen Fall gleich von Anfang an verscherzen. Die hat das Konzert und einige weitere zwar genehmigt, aber auch Auflagen erteilt: Punkt 23 Uhr muss Ruhe sein.
Zum ersten Mal wird es aber schon um 20.45 Uhr ruhig. Die Band der österreichischen Sängerin „Anna F.“ hat ihren Auftritt im Vorprogramm beendet, und 7500 Fans, darunter gar nicht wenig Motorradfahrer in Lederkombis oder mit überge-worfenen Textil-Motorradjacken, warten gespannt auf den Top-Act. Doch der lässt sich, ganz Star, viel Zeit, bis er um 21.15 Uhr endlich auf die Bühne kommt: in Jeans und T-Shirt, mit cooler Wollmütze und Flie-gerbrille. „Freedom Train“ von seinem vor exakt 20 Jahren erschienen Debüt-Album „Let Love Rule“ heißt Kravitz’ erste Nummer. Dann das weniger bekannte „Bring it on“, und jetzt folgt Knaller auf Knaller – Songs, die jeder kennt, der in den letzten 20 Jahren öfter mal das Radio eingeschaltet hat.
Neben dem gebürtigen New Yorker, der seit einem Jahr in Paris lebt, steht eine siebenköpfige Begleitband auf der Bühne. Deren Mitglieder dürfen sich immer wieder mit teils langen, packenden Soli hervortun. „Music is a weapon!“ ruft Kravitz ins Mikro, baut unvermittelt die Hymne aus Pink Floyds Wall ein: „We don’t need no education“, und geht nahtlos über zur Michael-Jackson-Hommage „Billie Jean“.
Nach einer kurzen Pause, die Kravitz dazu nutzt, mitten im Publikum Hände zu schütteln, Autogramme zu geben und selbst seine Fans zu fotografieren (die Fotos stellt er anschließend ins Internet, siehe Kasten), geht’s weiter quer durch das Greatest-Kravitz-Hits-Programm. Nur noch einmal unterbricht der Rockstar das Konzert für eine eher ungewöhnliche Ansage: „Danke, dass ihr alle hier seid! Danke, dass ihr hierfür Geld ausgebt! Ich weiß, dass das heutzutage nicht so ganz einfach ist.“ Die Anspielung auf die Auswirkungen der weltweiten Krise kommt durchaus glaubhaft rüber.
Als Zugabe gibt’s eine extra soulige und extra lange Version von „Let Love Rule“, mit der Kravitz die Sperrstunde schon um einige Minuten überzieht. Doch der Knaller soll erst noch kommen. Während schon Hunderte zum Ausgang strömen, kommt Kravitz noch einmal auf die stockdunkle Bühne zurück, sagt, dass er – wen wun-dert’s? – noch nie in Jüchen war. „But I will come back!“ Und feuert dann mit „Are you gonna go my way“ ein großartiges Finale in den Nachthimmel, das, so jedenfalls berichtet Polos Werbe-Chefin später, noch auf dem acht Kilometer entfernten Bahnhof von Grevenbroich zu hören ist.
Dass dennoch nur sechs Anrufe wegen Lärmbelästigung bei der Polizei in Jüchen eingingen, spricht dafür, dass sich Polo für seine Rock-Bühne den richtigen Platz ausgesucht hat. Auf den Hinweis, dass wegen der Zugabe unter Umständen ein Bußgeld für Polo fällig sein wird, soll Kravitz später mit einem coolen „Don’t care, it’s on me“ reagiert haben – „egal, das zahle ich.“ Scheint ihm tatsächlich Spaß gemacht zu haben, vielleicht kommt er ja wirklich noch einmal nach Jüchen zurück.
Die „Red Hot Chili Peppers”, mit denen man bei Polo fürs nächste Jahr liebäugelt, wären aber auch nicht schlecht. Doch bis dahin sind’s erst mal wieder viele Dosen Bremsenreiniger, bunte Griffgummis, Regenkombis und Montageständer. Denn Polo rockt zwar gern. Aber der Rubel muss schließlich auch noch rollen.

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