Szene: Menschen und ihre Motorräder Der Kult um Simson

Obwohl Simson 2002 die Werkstore endgültig schloss, finden die Suhler. Mopeds im vereinigten Deutschland immer mehr Liebhaber. Die Leiden-. schaft für Schwalbe & Co. hat den Fotografen Patrice Kunte inspiriert.

Den Präsidenten des Wadgassener Clubs, Baldur Schösser, ficht das nicht an. Der 65-jährige ehemalige Industriedesigner besitzt noch acht Motorräder, darunter eine Standard von 1928 mit MAG-Motor. Aber die Schwalbe weggeben? ?Niemals. Da steckt zu viel Herzblut drin." Für die Wadgassener, die fast alle auch Motorrad fahren, bedeuten die Simson schlicht Entschleunigung. Mit den 50er-Zweitaktern, die den rundlichen Charme der 60er-Jahre versprühen, fallen sie auf wie bunte Hunde. ?Da kann ein Rolls Royce stehen. Alle Augen sind auf die Schwalben gerichtet", freut sich Baldur Schösser. Bei einem viertägigen Ausflug in die Pfalz begleitete Patrice Kunte den Club. Der 24-Jährige, der in Hannover Fotojournalismus studiert, beschäftigte sich ein halbes Jahr lang mit Menschen, die Simson fahren. Die Bilder, die er dabei schoss, sind mit dem Fotopreis 2008 der VGH-Versicherung ausgezeichnet worden. Auf das Thema kam der Student, weil er als Jugendlicher in Mecklenburg seine Kumpels mit Opas Simson S 50 besuchte. Nach der Wende hat sich neben dem Trabant vor allem die Schwalbe zum DDR-Kultfahrzeug gemausert. Sie war unter den Simson-Vögeln Spatz, Sperber und Habicht der Top-Seller: Seit dem Serienstart 1964 bauten die Arbeiter rund eine Million Simson mit dem Kürzel KR (für Kleinroller) 51. Noch in den 80er-Jahren mussten Interessenten bis zu fünf Jahre auf eine Schwalbe warten, die äußerlich nahezu unverändert über 20 Jahre lang gebaut wurde. Mehr als 200000 Mopeds und Kleinroller produzierte Simson jährlich, seit 1955 insgesamt über fünf Millionen. Nach der Wende siechte Simson dahin, bis die Firma nach mehreren Rettungsversuchen 2002 endgültig Insolvenz anmeldete. Das erneuerte Interesse an Simson kam für das Suhler Werk zu spät. Heute, zwanzig Jahre nach der Wende, gelten Schwalbe & Co. als Kultobjekte. In jedem Fall für Robert Kiepkbusch, der auf dem Rücken stolz das tätowierte Simson-Logo zur Schau trägt und noch immer seine erste Simson, eine S 51N, fährt. Der 20-jährige Bäcker, der mit seinen Eltern 2005 von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern zog, sieht Simson als ein Stück Heimat. ?Ich bin schon mit zwölf Jahren schwarz gefahren. Als Jugendliche waren wir eine verschworene Gemeinschaft. Jeder hat jedem beim Schrauben geholfen oder Teile ausgetauscht." Seine Simson hat der Ossi, wie er sich selbst nennt, nach Bayern mitgebracht. Und so neue Freunde kennengelernt. ?Die Tätowierung mit dem Simson-Logo ist eine Art Dankeschön." Sonst wäre ihm die Eingewöhnung noch schwerer gefallen. Wenn er könnte, würde Robert Kiepkbusch zurück nach Mecklenburg. ?Aber man muss dahin, wo die Arbeit ist." Sein Moped nutzte der Lehrling für den 15 Kilometer langen Weg zur Bäckerei. ?Wenn man sie ein bisschen pflegt, bringen sie dich bei Wind und Wetter zuverlässig von A nach B", so Robert Kiepkbusch. ?Und man kommt zu zweit den Berg hoch." Denn Simson-Mopeds mit 3,6 PS fahren locker 60 km/h. So gelten sie auch in der Bundesrepublik als Mopeds, wenn sie bis zum 28. Februar 1992 erstmals versichert waren. Für 16-Jährige eine prima Alternative zu den heutigen Rollern, die 45 km/h lang-sam sind. Zudem viel preiswerter. Schon wegen der Ersatzteile: Ein Krümmer für eine Schwalbe kostet unter zehn Euro. ?Wenn einer auf den Hof knattert, höre ich schon, was los ist", sagt Jürgen Heuer, der selbst Ersatzteile verkauft. Der 73-Jährige, der in Hannover Simson restauriert, sucht nach Originalteilen, weil er nichts von den vielen im Internet angebotenen Nachbauten hält. ?Solch ein Kolben geht schneller fest, als ein Hund gucken kann." Wenn er die Teile selbst nicht hat, kennt er jemand, der sie hat oder machen kann. ?Getunt laufen die 70 Sachen oder mehr", freut sich Jürgen Heuer. ?Mich fasziniert die einfache Technik. Simson sind mit wenig Aufwand zu reparieren, wenn man mit dem Kopf dabei ist. Ohne Diagnosestecker. Bei einem asiatischen Roller musst du Wissenschaftler sein, um die Kerze auszubauen. Zuerst muss das ganze Plastik weg." Robuste Technik, große Räder, guter Windschutz und das Schaltgetriebe sprechen auch Jugendliche im Westen an. ?Es ist cool, Schwalbe zu fahren", sagt Patrice Kunte. Statt blau, grün oder weiß ist die Simson-Welt inzwischen kunterbunt: Während Puristen auf Originalteile und -farben achten, bauen Bastler Streetfighter oder rüsten 50er mit Lachgaseinspritzung auf. Und auch die Rennszene lebt: Ob Stoppelcross, Viertelmeilenrennen oder Rallyes. In Lugau in der Niederlausitz treten Simson-Fahrer auf einer 1,2 Kilometer langen Strecke mit Schikanen wie Schlamm-löchern gegeneinander an. Dabei freuen sich bis zu 2000 Zuschauer am sägenden Sound und dem Geruch nach Zweitakt-gemisch. Simson lebt. ?Ich möchte mit meinen Fotos Geschich- ten erzählen", sagt Patrice Kunte. ?Bei dem Bild von Robert mit dem Simson-Tattoo gibt es zum Beispiel drei Ebenen: Robert, das Rennen und die Zuschauer." Obwohl die Bilder komponiert wirken, lehnt Kunte eine künst-liche Inszenierung ab. ?Ich versuche, mich in die Leute reinzuversetzen." Seine Offenheit hat sich gelohnt: Mit der Reportage ?Simson – ein Zweirad als Kult" gewann der Student den VGH-Fotopreis 2008. Obwohl er erst seit 2006 mit Nikon D 300 und später D 700 fotografiert. ?Vorher hatte ich so eine kleine Digi-Knipse." Zum Fotografieren brachte ihn Rolf Nobel, der an der Fachhochschule Hannover Fotojournalismus unterrichtet. Dort studiert Kunte, der 1985 in Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern geboren ist, seit 2007; www.patricekunte.de.

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