Szene: Modellbauer Pere Tarragó Perfektion im Detail

Pere Tarragó ist als Klein-Künstler ein ganz Großer. Seine von Hand gefertigten Motorradmodelle im Maßstab 1:5 gelten als die detailgetreuesten Nachbildungen, die es für Geld zu kaufen gibt. Wir haben den Katalanen in seiner Werkstatt besucht.

Eigentlich ist es logisch, dass Pere Tarragó in Bar­celona lebt. Die katalanische Hauptstadt ist eben die europäische Motorrad-Metropole, egal was man in Paris oder Rom darüber denkt. Nirgendwo in Europa gibt es mehr motorisierte Zweiräder als hier, außerdem leben mit Marc Marquez und Pol Espargaro zwei der drei aktuel­len Grand Prix-Weltmeister in dieser Stadt. Ein inspirierendes Umfeld also für Pere Tarragó, dem Schöpfer der erlesensten und aufwendigsten Miniatur-Motorradmodelle, die es in Europa – vielleicht sogar auf der ganzen Welt – zu kaufen gibt.

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Modelle mit atemberaubender Liebe zum Detail

Früher, zu Zeiten Francos, war Barcelona außerdem der Schmelztiegel der spanischen Motorradindustrie, bis die Japaner nach dessen Tod 1975 auch diesen Markt überrollten. Die einzigen ­Bultacos und Montesas, die hier noch gebaut werden, sind die Modelle im Maßstab 1:5 aus Peres exquisiter Werkstatt in Molins de Rei, einer Kleinstadt im Speckgürtel Barcelonas. Es sind atemberaubende Modelle mit einer unglaublichen Liebe zum Detail, die dieser Kunst-Handwerker herstellt. Egal, ob es sich um einen Spezialauftrag für Einzelstücke zu Preisen ab 12000 Euro aufwärts handelt. Oder um ebenfalls von Hand gefertigte Klein­serien, von denen viele Komponenten nach Peres Mustervorlage in einer benachbarten Schmuck-Manufaktur hergestellt werden.

Die Bestseller in Pere Tarragós Modellreigen sind die Montesa Impala 250, von denen er zusammen mit der praktisch baugleichen 175er-Schwester bislang 52 Exemplare verkauft hat, zum Nettopreis von jeweils 2050 Euro. Eine Bultaco Metralla, von der bis heute zwölf Stück einen Käufer fanden, gibt es dagegen erst für 2500 Euro (zuzüglich Mehrwertsteuer). Zu teuer? Dann passt vielleicht ja auch ein Motor für 250 Euro oder ein Tank für 150 Euro als Erinnerung an glorreiche spanische Motorradzeiten ins Budget, die Pere mit speziellen Schaukästen verkauft. Komplette Motorräder werden dagegen in Holzboxen ausgeliefert, die ­natürlich viel schöner sind als die grobschlächtigen Bretter­verschläge, in denen einst die Vorbilder verschifft wurden.

Pere gehört zu den glücklichen Menschen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Deswegen machen dem 61-Jährigen die  langen Acht- bis Zehnstunden-Tage in seiner kleinen Werkstatt nichts aus, wo er aus den über 500 selbst gefertigten – oder nach seinem Muster hergestellten Einzelteilen – komplette Motorräder baut, die mit ihren Vorbildern bis ins kleinste Detail identisch sind.

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Der berufliche Neuanfang

Die Entscheidung, sich dem Modellbau mit Haut und Haaren zu verschreiben, traf der Elektronik-Ingenieur 2007, als er auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise sein exklusives Hi-Fi-Geschäft in Barcelona verkaufte. „Schon als Kind habe ich Modelle gebaut. Zuerst kleine Nachbauten von Autos, dann Schiffe, Flugzeuge und schließlich auch Motorräder“, erinnert sich Pere. „Mein erstes Zweirad habe ich 1995 gebaut, es war eine 1972er-Bultaco Metralla im Maßstab 1:6. Dafür musste ich die Kette noch Glied für Glied von Hand selbst herstellen – eine zeitraubende und langweilige Arbeit. Als ich das Modell auf einer Oldtimer-Ausstellung in Barcelona zeigte, gab es jedoch eine überwältigende Resonanz – viele Besucher baten mich, für sie ebenfalls so ein Motorrad zu bauen, ohne überhaupt einen Preis zu wissen. Kurz darauf gab es in Japan einen Hersteller, der Ketten in 1:5 anbot. Damit jene passten, musste ich meine Bultaco auf diesen Maßstab um­arbeiten. Dabei habe ich vieles ­gelernt, das mir heute noch zugute kommt. Das nächste Modell, das ich 1996 gebaut habe, war eine Montesa Brio, drei Jahre später dann eine Ossa 150, gefolgt von einer MV Agusta 175 Squalo, meinem ersten Viertakt-Modell.“

Ab da begann Pere darüber nachzudenken, den Modellbau zum Beruf zu machen: „Letztlich war es die erneut auf der Oldtimer-Messe in Barcelona gezeigte Montesa Impala, deren großes Echo mit vielen Anfragen 2005 dann den Ausschlag für den beruflichen Neuanfang gab. Es war wirklich ein verlockender Gedanke, künftig nur noch das zu machen, was man liebt! Und das auch noch von zu Hause aus, ohne über horrende Ladenmieten, die Bezahlung der Angestellten oder die nervtötende Pendelei ins Zentrum von Barcelona nach­denken zu müssen. Der Verkauf des Ladens war der richtige Entschluss zum richtigen Zeitpunkt. Seitdem baue ich nur noch Modelle, und mit jedem neuen lerne ich neue Techniken dazu, um eine größtmögliche Authentizität meiner Modelle zu erreichen.“

Alle Teile funktionieren

In der Tat sind es die Authentizität und die Detailtreue, die Tarragós Kreationen ebenso auszeichnen wie ihre Funktionalität. Gut, die Motoren laufen nicht. Das ist aber der einzige Unterschied zu den fünf Mal größeren Originalen. So dreht sich beispielsweise der Kardan der BMW R 32, die er 2009 gebaut hat – nur eben angetrieben vom Hinterrad und nicht vom detailgetreu nachgebauten Boxermotor. Selbiges gilt ebenso für die Ketten der anderen Bikes, während sich Kickstarter oder Ganghebel wie bei den Vorbildern bewegen lassen. Selbst Gabeln und Stoßdämpfer federn und dämpfen wie bei den Großen, obwohl kein Öl darin ist! Sogar komplexe Bauteile wie die Trommelbremsen lassen sich vorbildgetreu bedienen, ja selbst die Beleuchtung funktioniert dank einer kleinen Lithium-Batterie! Es sind eben echte Eins-zu-fünf-Repliken, nicht aus Plastik gefertigt, sondern aus authentischen Materialien wie Stahl, Blech, Blei oder Aluminium. Pere baut sie mit Techniken, die auch bei der Produktion der echten Maschinen zum Einsatz kommen, was vom Sandguss über das Wachsausschmelzverfahren, die maschinelle Bearbeitung auf der Drehbank bis hin zur Kohlefaser-Ver­arbeitung bei komplexen Formen reicht.

Wenn Pere eine neue Replika in Angriff nimmt – gleichgültig, ob Einzelauftrag oder Serienfertigung – muss er für die exakte Reproduktion erst einmal eine originale Maschine auftreiben. Ein Grund, weshalb er bislang überwiegend spanische Bikes nachgebaut hat, weil die für ihn problemlos verfügbar sind.

Als nächstes Modell hat sich Pere die 250er-Ossa-Trialmaschine von Mick Andrews vorgenommen. Bei meinem Besuch stand eine originale Maschine gerade auf seiner Werkbank und wurde akribisch vermessen. „Ich mache von einem Motorrad etwa 600 bis 800 Fotos, um von Hand Zeichnungen aller Details anfertigen zu können, die dann auf den Maßstab 1:5 übertragen werden. Handbücher und Reparaturanleitungen sind ebenfalls wertvolle Hilfen, bevor ich mit dem Bau eines Modells beginne. Dieser Ablauf ist immer gleich, egal ob ich ein Einzelstück oder eine Kleinserie baue“, erklärte Pere. Je nach Schwierigkeitsgrad braucht er zwischen 500 und 600 Stunden, bis ein neues Modell fertiggestellt ist. Jeder einzelne Schritt wird dabei sorgfältig in einem Konstruktionsbuch festgehalten. Am längsten dauerte bislang die 1:5-Nachbildung der 250er-Vierzylinder-Benelli, auf der Tarquino Provini 1964 den spanischen Grand Prix im nahen Montjuich Park gewonnen hatte: Exakt 618 Stunden benötigte Pere dafür. „Das war allerdings das schwierigste Modell, das ich bisher gemacht habe. Mit besonders zeitraubenden Details wie dem feingliedrigen Motor oder den vier Vergasern. Normalerweise brauche ich etwa 500 Stunden, um ein komplett neues Modell auf die Räder zu stellen.“

Gebaut wie die Großen

Als Erstes baut Pere immer das Fahrgestell. Das Muster entsteht aus verschweißten Stahlrohren, das für den Bau einer Rahmenlehre herhalten muss. Für die „Serien­produktion“ setzt Pere jedoch auf Messingrohre, weil deren Verarbeitung einfacher und kostengünstiger ist – der Preis für ein Modell soll ja nicht ins Unermessliche steigen. Danach sind die Räder mit den filigranen Trommelbremsen dran. Die Urform für Letztere entstehen auf der Drehbank, für die Serie nutzt Pere jedoch das Sandgussverfahren. „Zum Glück habe ich in der Nachbarschaft eine Goldschmiede, die für mich kleine Komponenten mit höchster Präzision zu einem bezahlbaren Preis herstellt. Sonst könnte ich die Modelle nicht zu halbwegs erschwinglichen Preisen anbieten.“

Die Felgenkränze fräst er aus massiven Alublöcken, für die Benelli und andere Rennmaschinen-Modelle bezieht er sie allerdings von besagter Goldschmiede. Das Bohren der Löcher und das penible Einspeichen erledigt er selbst. „Für mich wegen der Monotonie die unangenehmste Arbeit beim Aufbau eines Modells“, so Pere. Anschließend fertigt er von Hand die restlichen Bauteile. So entstehen nach und nach anhand der detaillierten Konstruk­tionszeichnungen Komponenten wie Gabel und Stoßdämpfer, Bedienhebel oder die Instrumente. Bei den Kleinserien werden diese Teile von der Goldschmiede in größeren Stückzahlen entweder gegossen oder von CNC-Maschinen nach Programmen von Peres 35-jährigem Sohn Jordi bearbeitet. Der kümmert sich zudem um die Herstellung der Reifen, die aus einem speziellen flüssigen Gummi in zweiteiligen Formen gegossen werden. Diese CNC-Formen erhalten dann mit Hilfe von Computerprogrammen durch Funkenerosion ihr charakteristisches Reifenprofil.

Erst jetzt ist der Motor dran, den Pere aus dem Vollen fräst. Ebenso die Kühlrippen, die einzeln entstehen und dann – Stück für Stück – an die Zylinder geklebt werden. Sollte dies aufgrund der Formgebung des Vorbilds zu knifflig sein, baut er ein Plastikmodell, fertigt eine Negativform und gießt die Kühlrippen aus flüssigem Aluminium nach. Eine bewährte Tech­nik, insbesondere bei den Kleinserien. Es folgen Tank und Verkleidungen, wobei der Klein-Künstler die Formen von Spritbehälter und Kotflügeln penibel aus Messingblechen herausarbeitet. Für die Serienmodelle nimmt er von den fertigen Teilen ebenfalls eine Negativform ab, um sie zu reproduzieren. Die Lackierung übernimmt Jordi, während der korrekte Farbton vom PC gemischt wird. Als Letztes erfolgt der Zusammenbau, den Pere nicht aus der Hand gibt. Echte Handarbeit also, die dieses Etikett zu Recht trägt, selbst wenn die „Volumen-Modelle“ auch ein paar Teile aus industrieller Fabrikation besitzen.

Die Frage nach dem Lieblingsmodell seiner bislang 20 verschiedenen Kreationen stellt sich für Pere nicht, er mag sie alle. „Ich genieße einfach den ganzen Entstehungsprozess eines Modells, die Dinge, die ich dabei immer wieder lernen kann – das hört bei aller Routine nie auf. Besonders viel Spaß hat mir der Bau des Tanks der 750er-MV gemacht, dessen komplexe Form sehr schwierig nachzubilden war. Letztlich brauchte ich sogar ein Tonmodell, um davon die korrekte Form für die Blechteile zu erhalten!“

Und, was kommt als Nächstes? „Mein Traummotorrad, das ich schon seit Jahren bauen will: eine Norton Manx. Für mich das schönste Rennmotorrad, das jemals gebaut wurde!“ Eine echte Herausforderung, weiß der Katalane. Dabei beherrscht keiner die große Kunst im Kleinen so perfekt wie Pere Tarragó.

Infos und Kontakt

Pere Tarragós Preziosen gibt es nicht im Laden zu kaufen. Wer sich für eines seiner derzeit drei Kleinserien-Modelle interessiert oder gar ein Einzelstück in Auftrag geben möchte, sollte sich direkt mit ihm in Verbindung setzen (siehe unten). Die hier angegebenen Preise sind Nettopreise, zu denen noch die Mehrwertsteuer zu addieren ist.

www.classicmotormodels.com

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