Szene: Porträt Blech&Drüber Blech statt Plastik

Die beiden Karosseriebauer Martin Lagler und Bernhard Naumann haben mit der Walton 2010 den sechsten Platz bei der Weltmeisterschaft der Customizer errungen. Was haben sie drauf?

"Wir bauen alles um, auf oder neu, solange wir etwas damit anfangen können und
es spannend finden", sagt Martin Lagler.
Der 33-Jährige hat mit dem gleichaltrigen Bernhard Naumann 2009 Blech & Drüber gegründet, eine Manufaktur im österrei-
chischen Burgenland, in der Karosserieteile
für die Oldtimerrestaurierung, Möbel,
Motorräder und mehr entstehen. Alles, was Kunden wünschen. Unter einer Voraussetzung: "Das Plastik muss weg."
Damit hatte Walter, der seine Norton 850 Commando vorbeibrachte, sowieso kein Problem. "Eine Norton ist ein seltener Glücksfall", sagt Bernhard Naumann, der
bei Blech & Drüber fürs Design zuständig
ist. "Ich schaue, stiere und lasse mir
Zeit. Dann werden die Entwürfe immer klarer." Freilich im Kopf, seltener als Zeichnung und gar nicht am Computer. "Old School, eben", sagt Martin Lagler stolz.
So entstand die Walton als Chopper mit selbst entwickelter Gabel, kunstvoll verschnörkelter Edelstahl-Auspuffanlage und stark modifiziertem Starr-Rahmen. Am Bike sind Tank sowie Höcker, der auch als Ölreservoir dient, Batteriekasten samt Kühlrippen, Lampengehäuse, Tankdeckel und Spiegelgehäuse von Hand aus Aluminium gefertigt. Sämtliche Leitungen bestehen aus Kupfer, die mit Messinganschlüssen verbunden, gelötet und poliert sind. Blattgoldarbeiten ziehen sich vom Tank zum Heck und zieren die Startnummer 42. Rund 1400 Stunden Arbeit flossen in die Walton, die übrigens fährt.
Für Teile gaben Bernhard Naumann und Martin Lagler nicht viel Geld aus, dafür sprühten sie vor Ideen: Als Seitenständer fungiert der modifizierte Bremshebel einer Yamaha Virago, die Feder unterhalb des Sitzes entstammt ursprünglich einem Fahrrad. Dass ihnen der Humor beim Aufbau nicht ausging, bewiesen die Zwei durch den aufgemalten Ausspruch am Heck: "… gute Nacht, John Boy." Schließlich steht Walton für eine US-Fernsehserie, bei der jede Episode mit einem Gute-Nacht-Dialog endete, setzt sich als Wortspiel aber auch aus den Namen des Besitzers, Walter, und dem des Triebwerks, Norton, zusammen.
Zur Überraschung von Blech & Drüber erreichte die Walton den sechsten Platz in der Freestyle-Klasse der Weltmeisterschaft der Custom-Bike-Bauer in Sturgis 2010. "Das war eine große Honoration", sagt der Österreicher Bernhard Naumann über diese Ehre. "Wir waren nicht etabliert, haben einfach unseren Job gemacht und waren über-
wältigt, dass wir so weit gekommen sind.
Unterm Strich hat es nicht so viel gebracht, aber es war eine großartige Erfahrung."
Was so viel heißt wie, die Kunden haben ihnen hinterher nicht die Tür eingerannt. Aber einige Umbauten können Blech & Drüber vorweisen. Zum Beispiel den Streetfighter Honda CBR 900 RR, der als Eigen-
bau des Besitzers keine Straßenzulassung bekam. Jetzt schon. Martin Lagler und Bernhard Naumann bauten erst mal alles ab, was sie stört, bis nur noch Fahrwerk und Motor blieben. Aus 0,75-Millimeter-Schwarzblech formten sie den Tank, schnitten, trieben und verschweißten Blech. Genauso entstanden die Halter für die Blinker, die Lüftungsschlitze und die Halbmaske. "Wir sind mit Leib und Seele Handwerker", sagt Martin Lagler. "Blechscheren, Richteisen, eine Rollenstreckmaschine für die Wölbungen, zwei gesunde Hände und losgeht’s."
Neben dem Blech gibt es das Drüber: Airbrushing, Linieren und Blattmetallarbeiten. "Bekannt sind wir für unseren Mut zur Farbe", findet Bernhard Naumann. Das Grün an Rahmen und Motor der CBR 900 RR zierte schon 68er-VWs, der Rest am Bike ist Hellblau. Ungewöhnlich für einen Fighter. Und garantiert nicht rockertauglich. Wie der Drachen Jabberwocky auf dem Tank, der dem Umbau den Namen gab. Bernhard Naumann: "Wir kriegen das mit wenig Ausrüstung auf die Reihe. Nur der Klarlack wird in einer staubfreien Lackierbox bei einem befreundeten Unternehmen aufgebracht."
Natürlich fahren die beiden auch
Motorrad. Martin Lagler eine Buell 1125 R, Bernhard Naumann eine Honda VFR 750. "Ganz profanes Bike. Macht mir aber eine Höllenfreude." Wie ihre Umbauten. Vom Idealismus wird man nicht reich. Bernhard Naumann: "Aber Spaß macht es uns."

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