Szene: Sicherheitstraining im Straßenverkehr Neue Wege zu mehr Sicherheit

"Realverkehrstraining" - ein neues Konzept, mit dem der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) Unfallzahlen reduzieren will. Was tollkühn erscheint, könnte als ergänzende Strategie zu bewährten Trainings funktio- nieren. Ein Report und Vergleich aus dem ganz realen Verkehr…

Plötzlich ein großes Schlagloch vor dem Vorderrad, zwei Schippen Sand, die ein Baufahrzeug beim Abbiegen verloren
hat, der Langholztransporter, der in einer
engen Ecke die Fahrbahn versperrt - Stoff, aus dem Motorradfahrers Albträume sind,
gibt es reichlich. Macht man sich darüber Gedanken, kommt man schnell zu dem Schluss: Wer solch eine Situation schon einmal erleben musste, hat vielleicht ein Rezept für die richtige Reaktion im Kopf, und sie wäre halb so gefährlich. "Ein Unfall ist für den einzelnen Motorradfahrer ein sehr seltenes Ereignis", bestätigt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). "So mancher Motorradfahrer fährt schon seit 20 Jahren, ohne je
in eine kritische Situation geraten zu sein. Aber wenn es dann passiert, hilft ihm genau deswegen seine gesamte Erfahrung nicht - normalerweise." Weil er eben genau diese eine Erfahrung noch nie gemacht hat.
Mit seinen "Motorradsicherheitstrainings auf der Straße" will der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) das Repertoire der Fahrer zur Erkennung unfallträchtiger Situationen erweitern. "Das soll kein Konkurrenzangebot zu den klassischen Trainings auf abgesperrten Plätzen sein, sondern diese ergänzen", erklärt Kay Schulte vom DVR. Vielmehr nutze das neue Training
den realen Straßenverkehr "als Übungsumgebung und bietet deshalb einen hohen
Praxisnutzen". Siegfried Brockmann fügt hinzu: "Im Realverkehrstraining geht es darum, potenzielle Gefahren besser einschätzen zu lernen. Unsere Idealvorstellung: Jeder Motorradfahrer macht jährlich ein Training beider Formen."
Der Ansatz klingt überzeugend. Und wirkt auf den ersten Blick doch befremdlich. Motorradübungen im öffentlichen Verkehrsraum - wie soll das denn gehen?
Es gibt schließlich gute Gründe dafür, Schräglagen- und Bremsversuche nur
auf abgesperrten Verkehrsübungsplätzen
oder Rennstrecken zu veranstalten.
Zwei Jahre haben sich DVR und UDV Zeit genommen, um zusammen mit
Instruktoren des Instituts für angewandte Verkehrspädagogik (AVP) die Methodik und Inhalte dieses Motorradfahrertrainings im echten Verkehrsleben zu entwickeln und
in einem über 100 Seiten starken Leitfaden für angehende Kursleiter zu dokumentieren.
Maximal sieben Teilnehmer plus Trainer arbeiten dabei zwei Tage lang zusammen, während der sie eine Fülle von typischen Gefahrensituationen diskutieren, die sie - nach einer Vorbesprechung sensibilisiert - teilweise erst bei der gemeinsamen Ausfahrt erkennen.
"Straßenverkehr ist ein soziales System", sagt AVP-Trainer Wolfgang Stern, "der
kooperative Umgang miteinander ist wichtig." Insbesondere wird das Fahren in der
Gruppe trainiert, deshalb die Entscheidung, ausschließlich zweitägige Trainings anzubieten. Der gemeinsame Abend zwischen den beiden Tagen wird dazu genutzt, die Erlebnisse des ersten Tages auszuwerten und sich auf den folgenden vorzubereiten. Denn da muss jeder aus der Gruppe einmal führen, bekommt nur Start- und Endpunkt seiner Strecke genannt. Die genaue Route muss er anhand von Straßenkarten selbst bestimmen. "Dabei haben wir in den Tests alles erlebt", so Stern: "Leute, die das souverän meistern und andere, die wegen der auf sie übertragenen Verantwortung in Panik geraten." Dass einzelne Straßen im Bereich des Übungsparcours gesperrt sein könnten, verraten die Instruktoren nicht, sondern nehmen es als willkommenen Stresstest. Stern: "Dann muss der Leitwolf eben improvisieren." Gibt’s keine Sperrung, führt Stern die Gruppe vielleicht mit einem simulierten Motorraddefekt in die Ausnahmesituation und fordert so schnelle, teamorientierte Entscheidungen heraus. Stopps an geeigneten Parkplätzen werden genutzt, um Balance- und Langsamfahrübungen zu machen, polizeibekannte
Unfallschwerpunkte, um deren spezielles Gefahrenpotenzial
zu diskutieren. So gut wie jeder denkbare Aspekt aus dem realen Leben eines Motorradfahrers wird angesprochen. Insgesamt sind es zu viele, um sie alle hier zu nennen. Wer lang genug fährt, weiß, was alles passieren kann. Und in einem Training wie diesem soll er lernen, dass es auch noch Dinge gibt, die er eben nicht weiß. Auf die er im Idealfall dann dennoch vorbereitet ist.
Ein Motorrad-Sicherheitstraining im öffentlichen Straßenverkehr - was für eine wahnsinnige Idee ist das denn? Wo soll denn der Sicherheitsgedanke bleiben, wenn ein Rudel Biker zwischen anderen Verkehrsteilnehmern Motor-
radfahren übt? Das waren meine ersten Gedanken, als ich von der neuen
Idee hörte. Doch der Praxistest hat mich überzeugt. Umso mehr, da DVR und Instruktoren unbedingt empfehlen, vorher in einem klassischen Platztraining (siehe S. 107) die Grundkenntnisse in Sachen Fahrzeugbeherrschung zu üben. Natürlich bleibt ein Restrisiko. Doch das wird durch die nach DVR-Richtlinien aufwendig geschulten Instruktoren minimiert und ist ziemlich sicher sogar geringer als bei einer privaten Ausfahrt ohne fach- und ortskundige Führung. Dass die ausgewählten Routen touristisch interessante und fahrerisch anspruchsvolle Passagen bieten, macht die Sache besonders reizvoll.
Ob für Führerscheinneulinge, Wiedereinsteiger oder Routiniers,
Sportfahrer, Gespann- oder Enduropiloten, Fahrsicherheitstrainings gibt es für praktisch jeden Bedarf. Ausführliche Infos zum beschriebenen, inklusive Übernachtung rund 250 Euro teuren, zweitägigen Training finden sich unter motorrad-sicherheitstrainings-auf-der-strasse.de im Internet.
Bundesweit werden 2011 noch elf solcher Gruppentermine angeboten,
Infos und Anmeldung unter avp-institut.de oder Telefon 0 23 91/30 11.
Der ADAC zählt zu den größten Anbietern klassischer Platztrainings, bietet aber auch mehrtägige Tourentrainings auf der Straße (auch für Nichtmitglieder, Infos in den Geschäftsstellen, unter adac.de/fahrsicherheitstraining oder über die Hotline 01 80/5 12 10 12 für 14 Cent/Min. aus dem Festnetz).
Knapp 4000 Termine für Sicherheitstrainings aller Art nennt eine 36-seitige Broschüre (rechts), kostenloser Download unter www.ifz.de.

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So geht’s auf klassische Weise

Im klassischen Platztraining wer- den Grundlagen geübt, wobei auch vermeintlich alte Hasen hier oft noch eine Menge lernen kön- nen. Angebote gibt es für jeden.

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Die Forderung nach regelmäßigen Pflichttrainings für Motorradfahrer kommt immer wieder. Was denken Sie? Sinnvoll oder nicht? Ihre Meinung, möglichst mit Foto,
bitte bis 22. Juli per E-Mail (Stichwort
Trainings) an 1988@motorpresse.de (Abdruck in MOTORRAD 17/2011).

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