Wo lässt sich dem Kurvenrausch am besten frönen?

Test: Die schönsten Applauskurven Star-Track

Mit Hilfe der PS-Community wollen wir eine Charakterstudie der besten Kehren und Radien im deutschsprachigen Raum zeichnen. Gibt es die perfekte Kurve? Wenn ja, was macht sie so besonders?

Die schönste Verbindung zwischen zwei Punkten muss eine Kurve sein. Jeder, der ein halbwegs sportliches Motorrad besitzt, weiß das. Aber wo lässt sich dem Kurvenrausch am besten frönen? In der pittoresken Umgebung spektakulärer Bergpässe? Wäre eine Möglichkeit, die sich aber zumindest als Hausstrecken-Highlight aufgrund großer räumlicher Distanz für viele verwehrt. Also eher griffige und verkehrsarme Landstraßen? Klingt super, wäre nur deren Seltenheitswert nicht so hoch. Und was macht man, wenn sich in Schlagdistanz vom Wohnort so gar keine schöne Straßenrichtungsänderung darbieten möchte? Folglich lieber gleich zum Bikertreff um die Ecke, Benzin quatschen und Käffchen schlürfen? In diesem Fall käme die Action vielleicht doch etwas zu kurz.

Um mehr herauszufinden, starteten wir vor einiger Zeit über ein großes soziales Netzwerk einen Aufruf. Wir wollten von euch wissen, welche Favoriten ihr im deutschsprachigen Raum habt und was die Kurve auszeichnet. Das Ergebnis: Am meisten Sympathien in Form von digital erhobenen Daumen und Kommentaren gehen an die ­„Applauskurve“ auf der B 276 zwischen Schotten und Laubach. Es folgt auf Platz zwei die lange 180-Grad-Kurve am großen Feldberg im Taunus. Weiterhin wurden der sogenannte Buchhübel am Schleizer Dreieck und die Kurvenkombination an der Schwarzenbach-Talsperre nahe der B 500 im Schwarzwald genannt. Gleichstand herrscht laut Online-Community zwischen der letzten Links am Lochenpass bei Balingen auf der Schwäbischen Alb sowie Kurve zehn der Wartenbergstraße bei Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. Hinter Mitteldeutschland bis hoch zur Küste scheinen sich die meisten Kurven plötzlich in Geraden zu verwandeln. Aus diesen Regionen kamen im Gegensatz zum Süden so gut wie keine Vorschläge – wir fühlen mit euch und sprechen unser herzliches Beileid aus!

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Das Thema Kurve an sich und Applauskurven im Speziellen birgt leider einige unangenehme Aspekte und „Aufreger“. Es wurden nämlich im Zuge unserer Umfrage häufig Ecken vorgeschlagen, die als Unfallschwerpunkte verschrien sind. Darunter der Kesselberg, das Sudelfeld oder der Kyffhäuser, um nur die „Klassiker“ zu nennen. Um diese Gebiete machen wir lieber einen großen Bogen. Doch selbst unter den Routen, die es in unsere Kurvenstudie geschafft haben, befindet sich „verbrannte Erde“. Fiese Rüttelstreifen, hinterhältige Polizeikontrollen insbesondere an den Wochenenden sowie Anwohner mit hauchdünnen Nerven nehmen vielen Orten ihre Attraktivität. „Fast immer beginnt es mit Anwohnerbeschwerden über Lärm und Raserei“, verrät uns ein Insider bei den Cops. „Leider gehen damit meistens zahlreiche Unfälle einher und machen die extremste aller Maßnahmen, nämlich Streckensperrungen für Motorräder, erst möglich.“ 

Klar, physikalische Limits lotet man am besten auf einer Rennstrecke mit Auslaufzonen und Kiesbetten aus. Nicht umsonst ergattert „die längste Linkskurve der Welt“ am Sachsenring bei unserer Online-Umfrage ziemlich viele „Likes“. Das Problem mit der Lautstärke tritt allerdings selbst hier auf. Wer am Sachsenring zu viel Lärm in Höhe des Messgeräts am Eingang der Boxengasse verursacht, fliegt raus. Auch mit Serienauspuff. So toll das Fahren auf abgesperrter Piste sein mag: Rennstrecke und zügiges Landstraßenfahren ist nicht dasselbe. Schon aus Zeit- und Kostengründen kann das eine das andere schwerlich vollständig ersetzen.

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Wir finden es absolut legitim, eine Lieblingskurve auf der öffentlichen Straße zu haben, die man so oft auf und ab fährt, wie man möchte. Unsere Empfehlung lautet allerdings, Lärm in „heiklen Zonen“ gering zu halten. Benehmt euch nicht wie Hooligans und meidet bekannte Hotspots, vor allem zu Hauptverkehrszeiten und am Wochenende. Unsere 1500-Kilometer-Tour von Applauskurve zu Applauskurve zeigt sowieso: Auf die reizvollsten Strecken und Kurven stößt man nicht unmittelbar am Bikertreff, sondern im weiteren Gebiet drumherum.

Lochenpass

Das Voting der Facebook-User schickt uns also auf eine 1500 Kilometer lange Runde, die wir mit unseren vier Bikes abspulen. An jeder Autobahnabfahrt steigt der Herzschlag und wir freuen uns auf die Applauskurven, denn nichts ist öder als geradeaus zu fahren – egal wie schnell.

Die erste Kurve liegt aber quasi vor der Haustür. Lochenpass klingt etwas hochtrabend, aber immerhin geht es mit sechs schönen Kehren 300 Höhenmeter auf die Schwäbische Alb – perfektes Sportler-Terrain für leichte 600er.  Die letzte Kurve erfüllt dann alle Anforderungen, um es als Applauskurve in die Herzen der Landstraßenfeger zu schaffen: guter Asphalt, schöner Radius, gute Übersicht und ein angrenzender Parkplatz – fehlt nur die Würstchenbude!Dass der Lochen unter Motorradfahrern beliebt ist, weiß man spätestens bei der Anfahrt aus Weilstetten. Dort prangt nämlich jene Zweiraddiskriminierung, die uns unmissverständlich darauf hinweist, dass der Lochen am Wochenende zumindest aus dieser Fahrtrichtung tabu ist. An diesem Montag kann uns aber lediglich das Tempo-80-Limit etwas anhaben. Und der Trottel in seinem ausgemusterten THW-Magirus vor uns, der den Tank nicht voll genug bekam und in fast jeder Linkskehre die Straße mit überschwappendem Diesel einsaut. Sperrt die Straßen gefälligst für solche gemeingefährlichen Vollpfosten!

Kehren wie die „Lochen Turn 6“ sind für Showfahrer eine Wucht. Man muss nicht rasen wie verrückt, um eine gute Figur zu machen und das Knie an den Asphalt zu bekommen. Fahrkönnen, klar, die richtige Linie ist wichtig, schönes Wetter und griffige, warme Reifen. Damit versetzt man dann alle schaulustigen Kollegen auf dem Parkplatz in Verzückung, ohne auch nur den Hauch einer Gesetzesübertretung.Wichtig bei solchen Linkskurven ist es, lange genug mit dem Einlenken zu warten und die Kurve am Eingang zu „hinterschneiden“. Denn nicht nur am Lochen kommen gern mal Lkw oder etwas zu sportlich ambitionierte Autofahrer entgegen, die am Kurvenscheitel über den Mittelstrich hinaus drängen. Aber wer beim Einlenken die richtige Blickführung hat und weit in die Kurve hineinschaut, wird in diesem Eck mit dem vollen Überblick belohnt, denn innen ist nur eine leicht ansteigende Wiese, die volle Sicht über das Geschehen gewährt.

Von allen Kurven unserer Tour hat mir diese mit am besten gefallen. Aber einmal durch reicht völlig, denn geile Kurven liegen auf der Schwäbischen Alb und im benachbarten Schwarzwald genug und wenn ich aufs Motorrad steige, dann fahre ich in erster Linie für mein eigenes Vergnügen. Da braucht es keine Zuschauer, und nahe der berühmten Applauskurven ist mir die Rennleitungsdichte schlicht zu hoch.

Schwarzenbach-Talsperre

Früher war ich gerne auf der Strecke nach Oppenau hinunter unterwegs. Sie kreuzt nur kurz die Schwarzwaldhochstraße, dann folgt Kehre um Kehre. Meistens war nicht besonders viel los. Im Ort dann an der Tanke schnell einen Kaffee, und über die mittlerweile frisch geteerte Zuflucht hinauf wieder zurück nach Stuttgart.

Die Schwarzenbach-Talsperre kenne ich bis dato noch nicht. In Richtung Baden-Baden geht es auf der B 500 irgendwann rechts ab nach Forbach und zum Stausee. Die besagten Kurvenkombinationen ziehen sich direkt am Wasser entlang und enden an einem großen Wanderparkplatz mit einer kleinen Imbissbude für hungrige Ausflügler. Wir treffen einen Einheimischen aus der Umgebung, der sich mit seiner ZX-10R zu uns gesellt. „Samstags und sonntags ist hier die Hölle los, da kannst du kaum fahren“, erzählt er uns. „Die Zuschauer stehen in den Asphaltflächen hinter den Kurven herum, da legt sich früher oder später immer einer hin. Ich habe hier schon viele schlimme Unfälle erlebt.“ Er berichtet weiterhin von häufigen Geschwindigkeitskontrollen, meistens „aus dem Hinterhalt“ ausgeführt. Zum Quatschen und Leute treffen würde er trotzdem gerne hierher kommen.

Wir beziehen Posten, besehen die Kurven am See genauer und stellen fest: Hier muss auf jeden Fall ein Supersportler ran. Die Radien erlauben tiefe Schräglage, wenn die Geschwindigkeit verbotenerweise entsprechend hoch ausfällt. Verschätzen sollte man sich besser nicht. Die asphaltierten Flächen hinter den Kurven taugen überhaupt nicht als Auslaufzonen. Sie sind zu klein, und es liegt Rollsplitt herum. Und wenn dort an den Wochenenden wirklich Zuschauer stehen, wird es natürlich besonders heikel. Ein Abflug wäre eine Katastrophe.

In den Parkplatzkurven mit den Asphaltflächen im Hintergrund hat man gute Sicht auf den von links kommenden Gegenverkehr. Rechts herum befindet man sich aber immer einige Meter im Blindflug. Wenigstens ist der Asphalt so griffig, dass er Abwinkeln bis zu einem gewissen Grad erlaubt. Ein paar Fotoaufnahmen später kommt mir auf der Gegenfahrbahn ein Lkw entgegen. Urplötzlich steht er da und ragt ein gutes Stück in meine Spur hinein, als ich auf der R1 gerade in Schräglage gar nicht so langsam angeflogen komme. Weiter durchziehen, das passt gerade so. Danach packen wir ein und setzen die Reise fort. Hier engagiert andrücken? Muss nicht sein!

Feldberg

In der Auffahrt zum Feldberg im Taunus ist die Applauskurve die erste Kurve nach etlichen Kilometern weitgehend gerader Strecke. Vermutlich macht das ihren Rang aus. Auch der Verlauf gefällt: Eine weit herumgezogene Schlinge, ordentliches Tempo, langes, spannungsvolles Schweben in Schräglage. In beiden Richtungen macht die Kurve nach dem Eingang etwas auf, zieht sich also – egal, ob bergauf oder bergab – gegen Ende wieder zu. Kein Problem, wenn man ein wenig Schräglagenfreiheit in Reserve behält, zumal der Belag ordentlich Grip bietet und nur wenige Schadstellen aufweist.

Also alles gut? Leider nicht. Der relativ starke Verkehr ist dabei das kleinere Problem. Wahrscheinlich sind dort Motorradfahrer im Übereifer gestürzt oder der dortige Treff ist den Behörden ein Dorn im Auge oder beides. Jedenfalls setzte das Straßenbauamt ein Tempolimit von 50 km/h und ließ an beiden Enden Rüttelstreifen über die Fahrbahn ziehen. Die sind nicht ganz harmlos. Selbst sensibel ansprechende Federelemente können sie nicht glattbügeln. Das nervt in der Bergauffahrt, weil man in Schräglage Zug am Rad hat, während man über den ersten Zweierpack an Rüttelstreifen rumpelt. Selbst bei moderater Beschleunigung hüpfte dort das Hinterrad der Brutale 800 zur Seite, der Motor knallte in die Traktionskontrolle. Also gibt man lieber kein Gas, und damit ist der Rhythmus futsch. Bei Nässe grenzen die Streifen an einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Außerdem bremsen viele Autofahrer angesichts der Streifen auf unter 30 km/h herunter. Das zwingt zu mehr als dem üblichen Sicherheitsabstand.

Und schließlich taugt die Kurve nicht einmal als Treffpunkt. Der Parkplatz im Inneren ist für Motorräder gesperrt. Motorradfahrer müssen sonstwo parken und zu Fuß dorthin gehen. Warum? Die Antwort geben einige Mad Max-Kreise auf dem Parkplatz. Eine Steilvorlage für verbotswütige Sicherheitsbeauftragte. Fragt sich nur, ob der Platz auch für Autos gesperrt werden würde, wenn sich dort Burn-out-Künstler auf vier Rädern verwirklichen? Und inwiefern es der Sicherheit dienen soll, dass Motorradfahrer auf der Straße umherwandern, ist auch schwer zu verstehen.

Aber darum geht es wahrscheinlich nicht. Hier sollen die oft lästigen Begleiterscheinungen eines Motorrad-treffs durch pure Gängelei unterdrückt werden. Diese erzeugt jedoch mehr Widerstand als Einsicht und ist deshalb dumm und dysfunktional. Mein Tipp: massiv gegen Rüttelstreifen und Sperrung protestieren und andere Treffpunkte und Fahrstrecken suchen.

Schotten

Vom Feldberg aus zieht die PS-Karawane weiter nach Schotten im Vogelsbergkreis. Meine R1 fordert im Bummeltempo und über Land eine gewisse Leidensfähigkeit. Die Maschine geht hart ans Gas, nervt mit ihrer unpräzisen Kupplung und martert die Gelenke. Wird Zeit für mehr Speed und Schräglage.

Auf der B 276 in Richtung Laubach liegt der Bikertreff Falltorhaus, an dem wir uns eine kalte Apfelschorle und eine Portion Pommes, respektive einen Salat genehmigen. Das Getränk geht runter wie nix, das Essen…na ja, wir sind ja wegen der Kurve hier. Und die befindet sich nur wenige Meter hinterm Falltorhaus am Ende einer Bergabpassage. Genau am Scheitelpunkt liegt die Einfahrt zu einem Feldweg, an dem wir anhalten und die Lage inspizieren. Zum Fahrbahnaußenrand hin wirkt die Kurve relativ stark überhöht. Sie verläuft ähnlich wie am Großen Feldberg in wunderbarer Hufeisenform, jedoch etwas enger. Eine Art Grüninsel grenzt an die Innenspur. Dort herumliegende Dosen und Kippen deuten auf zeitweiligen Publikumsbesuch hin. Hinter der Einfahrt zum Feldweg hat die Leitplanke bergab einen Unterfahrschutz. Scheint so, als wären sämtliche Attribute einer beispielhaften Applauskurve versammelt. Eine Kehre wie aus dem Bilderbuch, leider mit ein paar Dornen. Schon wieder Rüttelstreifen! Dafür hält sich das allgemeine Verkehrsaufkommen in Grenzen, zum Glück kommt kein einziger Lkw vorbei. Rauf auf die R1, und erst mal Reifen warmfahren.

Die Applauskurve ist gut einsehbar und der Asphalt einer der bisher griffigsten. Hier und da weisen Kratzer auf dem Belag darauf hin, dass einige Kandidaten das Gripniveau allerdings überschätzt haben. Wie man hier stürzen kann, liegt nicht ganz auf der Hand. Zu kalte Reifen, zu viel Adrenalin im Blut? Die Kurve an sich ist nicht besonders schnell. Aufgrund des überhöhten Fahrbahnrands kann man es aber zügig hineinlaufen lassen. So was gibt es in freier Wildbahn bestimmt nicht oft. Mit der R1 fahre ich die Kehre im zweiten Gang bei moderater Drehzahl.

Tricky: Am Kurvenausgang macht die Kurve hoch wie runter im letzten Moment zu. Richtig Durchladen geht nicht, weil die Maschine in Schräglage noch mal etwas Nachdruck braucht. Kein Problem mit der R1. Die Rüttelstreifen nerven, weil sie am Kurveneingang voll in der Anbremszone liegen und am Kurvenausgang beim Herausbeschleunigen wieder derb ins Fahrwerk schlagen. Für mich trotzdem ein Highlight auf unserer Tour, auch wenn ich den weiteren Verlauf der B 276 eher langweilig finde. Als ein älterer Autofahrer unseren Fotografen anschnauzt („Was machen Sie da, ich rufe die Polizei“) fahren wir schließlich weiter.

Schleizer Dreieck

Das Schleizer Dreieck ist etwas Besonderes! Für mich neben der Nürburgring-Nordschleife einer dieser viel zu seltenen deutschen Anachronismen. Eine Rennstrecke, auf der sonst der Alltagsverkehr rollt – wo gibt es das noch? Leider macht uns auf dieser „Tour de Virage“ Thüringer Regen einen Strich durch die Rechnung, gemäß unserem Leser-Voting die Kurvenkombination am Buchhübel auf ihre Applaus-Qualitäten zu prüfen – und das im Landstraßen-Trimm. Da ich hier schon zwei Mal mit der German Twin Trophy Rennen gefahren bin, fällt mir jedoch die Aufgabe zu, über die Vorzüge der Schleizer Kurve zu sinnieren.

Wenn man hier Rennen fährt, ist es sicher ein großes Plus, dass nichts entgegenkommt, die Straßenmeisterei Leitpfosten und andere Hindernisse entlang der Straße entfernt hat und die Ordnungshüter höchstens mal aus Neugier dem Motorradtreiben zuschauen. Allerdings ist auch der Buchhübel in der Rennstreckenbeurteilung etwas heikel, weil die Auslaufzone nicht besonders groß ist und spätestens in der zweiten, der Rechtskurve, bei einem Abflug das Schicksal „Kornfeld auf, Motorrad rein, Kornfeld zu, Motorrad weg“ droht und man im hohen Bogen über den Acker fliegt.

Fahrerisch ist die Links-Rechts-Kombination mit gutem Grip großartig, und bei den Rennen sitzt hier viel Volk auf der Tribüne. Man bleibt am besten lange rechts, sogar rechts neben der weißen Linie, lenkt dann entschlossen ein und sollte am Scheitel nicht ganz innen am Curb sein, denn da ist es verdammt wellig mit Sturzgefahr übers Vorderrad. Im Alltagsbetrieb geht dieser Strich natürlich nicht, denn die Mittellinie und der Gegenverkehr stehen der Ideallinie ungesund entgegen.

Gleiches gilt für die sofort folgende Rechts, die man im Rennen von ganz links außen nimmt. Die Kurve hängt etwas. Auf der Bremse bis zum Scheitel muss man deshalb wieder aufpassen, dass einem nicht das Vorderrad einklappt. Wer so fährt, sprengt natürlich die StVO-gemäßen 100 km/h. Leider sind wir nicht im Alltag gefahren, das wäre sicher für uns, die wir Schleiz nur als Rennstrecke kennen, verdammt interessant gewesen.

Hohenstein

Von Rathewalde aus kommend, nähern wir uns dem finalen Ziel: Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. Über eine große, ziemlich unübersichtliche Kreuzung geht´s bergab auf der Wartenbergstraße ins Kurvengetümmel. Ganz früher wurden hier unter anderem Bergrennen ausgetragen, aber das war vor einer Ewigkeit und drei Tagen. Eigentlich schade, denn die ganzen kleinen bis mittelscharfen 180-Grad-Kehren runter ins Polenztal sind ein Genuss. „Kehren“ ist nicht ganz die richtige Bezeichnung, weil sich diese hier viel flüssiger als auf Pässen fahren lassen. Freilich gibt´s auf Pässen keine Verzögerungsschwellen, von denen ich mir den Spaß auf der Super Duke aber nicht nehmen lasse.

Unten im Polenztal angekommen, folgt der ähnlich kurvige Aufstieg nach Hohnstein. Der Asphalt hat auf diesem Streckenabschnitt allerdings schon bessere Tage gesehen. Im kleinen Örtchen Hohnstein angekommen, stellt sich mir die Frage: Wo war denn nun die gesuchte Kurve zehn? Muss sie im Schräglagentaumel wohl übersehen haben. Fahre ich die Achterbahn eben noch einmal zurück. Auch nicht schlimm, ganz im Gegenteil! Die Etappe macht mir in umgekehrter Richtung sogar noch mehr Spaß, weil sie vom Polenztal aufwärts gut asphaltiert ist, sich flüssig fahren lässt und doppelspurig verläuft. Selbst bei Einhaltung der erlaubten 60 bzw. 80 km/h Höchstgeschwindigkeit sind fette Schräglagen möglich. Die Situation gewinnt etwas an Schärfe, sobald es, wie jetzt, leicht zu nieseln beginnt. Wegen der über die Straße ragenden Bäume ist der Boden unterschiedlich nass und rutschig. Hui, schon klappt das Vorderrad ein. Da ich mich an die 80 km/h gehalten habe, kann ich es gerade noch so abfangen.

Plötzlich liegt Kurve zehn genau vor uns. Am Fahrbahnrand leicht überhöht und sehr weitläufig, das muss sie sein. Es handelt sich um die allererste Links, wenn man über die fette Kreuzung die Wartenbergstraße herunterfährt. Jetzt wird´s interessant. Veranstalten wir hier zu viel Halligalli, droht uns bestimmt gleich wieder einer mit der Staatsgewalt. Auf dem Wanderparkplatz direkt im Scheitelpunkt der Kurve machen gerade ein paar Jungs vom Straßenbauamt Mittag. Mir nichts, dir nichts sperren sie für ein paar Augenblicke die Straße für uns ab. Was sind wir Glückskinder! Mit einem Supersportler würde man diese Kurve mit heftigem Speed herunterhämmern können, hätte man die Piste nur für sich allein. Auf der Super Duke bieten sich satte Slides an, man kann irre weit hineindriften. Schräglagenwheelies gehen sowieso. Gäbe es diese Kurven nicht, würde ich der Gegend trotzdem wieder einen Besuch abstatten. Mittagstisch für sechs, Bier für zwei Euro. Klingt doch nach einer echten Alternative zu der anderen Schweiz, oder?

Rod

Das waren noch Zeiten, als ich für PS mit den schärfsten Bikes Rundenzeiten drücken durfte. Ich muss ehrlich sagen, diese Kawasaki H2R hätte mich schon gereizt. Aber das wird wohl nix mehr. Jetzt sitze ich zwar in der Schweiz nicht länger im Knast, hänge aber trotzdem noch im Land der verkehrsbegrenzten Möglichkeiten fest. Dauernd sehe ich die Horden von hier aus gen Schwarzwald ziehen. Könnte wetten, die lassen es dort ordentlich fliegen. Ich habe mich Bike-technisch für die Schweiz neu organisiert. Meine Enfield Classic 500 rennt stramme 145 Sachen nach Tacho, das kann ich schon riskieren. Die 28 PS des Einzylinders quetsche ich auf jeden Fall an jedem Kurvenausgang voll aus, ich schwör‘s!

Zonko

Als mich PS-Tobi nach der schönsten Kurve in Österreich fragte, zuckte ich zunächst hilflos mit den Schultern. Da hätte er auch nach dem mathematischen Beweis der Riemann-Hypothese (Verteilung der Primzahlen) fragen können. Keine Ahnung. Die sogenannte Alpenrepublik ist voll von göttlichen Radien. Aber es gibt tatsächlich eine relativ weite 180-GradKehre, die mir mehr bedeutet als alle anderen. Es ist die „zweite Schloss Ambras-Kurve“ auf der Straße von Innsbruck nach Aldrans. Hier habe ich bereits die Yamaha FS1 fest umgelegt, habe bei meiner Puch 250 SG die Auspuffe durchgeschliffen und hätte einmal beinahe die XS 650 meines Bruders in die umliegenden Felder geschossen, weil ich durch David Bowies „Starman“ im Walkman dermaßen abgelenkt und euphorisiert war, dass ich den idealen Bremspunkt verpasste. Diese Kurve löst viele Erinnerungen aus – auch an das nächstgelegene Schwimmbad „Schönruh“, das später aufgelassen wurde, zuwuchs und jetzt ein Anwesen mit Villa ist.

Da ich aber auf der Straße immer mit einer gewissen Reserve unterwegs bin, ist jene Kurve, die ich im Sinne der schrägen Dynamik am meisten liebe, die Vierer-Kurve am Pannoniaring. Hier gelingt das Ausbremsen des Gegners innen oft sehr gut, und beim vollen Rausbeschleunigen hebt auf der kleinen Kuppe das Vorderrad ab, sofern man ausreichend motorisiert ist. In dieser Kurve spüre ich die Kraft und die Herrlichkeit und die volle Qualität der Maschine. Dass mich die Vierer einmal per Highsider direkt ins Spital nach Sarvar geschossen hat, nehme ich ihr nicht übel. Bin ja nicht nachtragend.

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