Im Test: Honda Crossrunner Allzeit bereit

Wieso muss ein Universalmotorrad immer ein Mittelweg sein? Hondas Crossrunner interpretiert die Rolle mit Nachdruck und Konsequenz.

der Klang allein lässt aufhorchen: Rauh, aber keinesfalls so arhythmisch wie eine Ducati, schon gar nicht wie eine Harley macht die Crossrunner von sich hören; auch nicht so gleichmäßig wie eine Dreizylinder-Triumph. In ihr steckt ein V4-Motor. Die Vertreter dieser Gattung - Yamaha Vmax, Aprilia RSV4/Tuono V4 und Honda VFR sowie VFR 1200 F - sind nach wie vor Raritäten. Mit der Crossrunner, die auf der erwähnten Tourensportlerin Honda VFR basiert, stellt man sich also ein Stück technische Individualität in die Garage. Auch die Ergonomie der Crossrunner geht eigene Wege: Moderate Sitzhöhe und ein nicht zu breiter Lenker lassen an einen Tourer denken; die Fußrasten - recht weit hinten und oben - deuten eher auf einen Kurventänzer. Der V4 läuft nahezu vibrationsfrei, die gleichmäßige Leistungsabgabe erlebt bei 6500/min einen kleinen Kick; dann nämlich schaltet der VTEC-Motor von Zwei-
auf Vierventilbetrieb um. Dieser technische Kniff soll den Antritt eines Zweiventilers mit der Drehfreude und Leistungsausbeute eines Vierventilers verbinden: Bis fast 12 000/min jubelt der Motor hoch und setzt dabei bis zu 102 PS frei. Der Antritt aus dem Stand ist ordentlich, aber keine Offenbarung. Auch nehmen die lang übersetzten Gänge 5 und 6 dem V4 einiges Temperament. Die Federelemente gestalten ihre langen Arbeitswege recht komfortabel. Der Fahrer muss sich aber ins Zeug legen, um sie an ihre Grenzen zu bringen und beispielsweise ein pumpendes Heck zu provozieren. Die Bremsen sind mit einem konservativ abgestimmten, also früh regelnden ABS ausgestattet und arbeiten sehr verlässlich. Früh warnt auch die Tankanzeige vor Leerstand; Licht und Rückspiegel sind über jeden Zweifel erhaben. Alltagstauglicher Spaßmacher mit Tourenqualitäten? Spaßiger Tourer für den Alltag? Das Etikett ist egal; die Honda ist allzeit bereit. (mf)
21,5 Liter
1464 mm
810 mm
239 kg
Die Abkürzung VTEC bedeutet "Variable Valve Timing and Lift Electronic Control, also etwa
"Ventilbetätigung, bei der Zeitpunkt und Ventilhub elektronisch verändert werden können. Nutzt Vorteile von Zwei- und Vierventilmotoren.
? Sehr handlich und präzise
zu lenken? Brillantes Licht? Verlässliches ABS? Fairer Preis? Kultivierter, laufruhiger Motor? Über 400 Kilometer Reichweite
? Nur mäßiger Windschutz? Schwacher Durchzug? Unharmonische Sitzhaltung? Geschwindigkeit elektronisch auf 200 km/h begrenzt
10 790
Weiß/Silber
Rot/Silber
Schwarz/Silber
Der Sporttourer Honda VFR kann einerseits auf eine Ahnenreihe der V4-Sportler mit Kultstatus zurückblicken, andererseits war sie die Basis der Crossrunner-Entwicklung. Rahmen und Schwinge sind identisch, der Motor ist neu abgestimmt. Die Crossrunner hat längere Federwege, dennoch kaum mehr Sitzhöhe als die VFR. Der Sporttourer trägt standesgemäß Stummellenker, die Crossrunner
ein touristisch geformtes und plastikverschaltes Rohr. Mit ABS und Integralbremssystem sind beide Modelle serienmäßig ausgestattet.
Kawasaki Versys
KTM 990 Supermoto T
Triumph Tiger 1050
Der große Dreizylinder faucht auch
im hochbeinigen Fahrwerk herrlich. Bewährtes Konzept, eher in der touristischen Liga daheim. Preis: 11 590 Euro
Kernig, kantig, KTM - diese Dreierreihe gilt auch für das reisetauglichste Fahrzeug aus Mattighofen. Sehr feuriger, straffer Begleiter. Preis: 12 595 Euro
Genügsamer, quirliger 650er-Twin mit Spaß- und Alltagsqualitäten. Die Sitzhöhe kann im Einzelfall überfordern, die 64 PS nicht. Preis: 8195 Euro
Der sanft ansprechende Motor und die - auch dank der prima Rückspiegel - gute Übersicht punkten für die Honda
als Stadtfahrzeug. Der Lenker ist schmal genug für Manöver auf wenig Raum,
gewährt aber viel Kontrolle. Weniger gut gelöst: Die Beine sind im Verhältnis zum Rest sehr sportlich gewinkelt.
Hier besticht die Crossrunner vor
allem durch ihr gut abgestimmtes
Fahrwerk. Wechselkurven nimmt sie im Sturm, weckt viel Vertrauen. Erst spät streichen die komfortabel abgestimmten Dämpfer die Segel, schlagen durch und pumpen. Die lange Übersetzung des 5. und 6. Gangs stört hier am meisten.
200 km/h sind genug, findet Honda, und riegelt die Crossrunner bei dieser
Geschwindigkeit ab. Tatsächlich macht der geringe Windschutz wenig Lust auf hohes Tempo; jedoch läuft das Bike auch bei Vmax noch stabil. Die Reichweite beeindruckt, auch die Sitzbank ist für lange Etappen geeignet.
Bremsen
Das ABS macht Vollbremsungen
narrensicher. Es regelt allerdings so früh, dass es den einen oder anderen Meter Bremsweg verschenkt.
Fahrwerk
Passend zum Von-allem-etwas-Konzept: Federwege etwas länger als bei einem Straßenbike, die Abstimmung fast touristisch komfortabel.
Motor
Knurriger Sound, dabei beste
Manieren, obendrein V4-Technik für Feinschmecker. Die lange Übersetzung raubt ihm allerdings viel Charme.
Ausstattung
Das elektronische Cockpit glänzt mit Funktionen, aber nicht mit Ablesbarkeit. Wenig Chancen auch für Gepäck. Alles in allem höchstens Durchschnitt.
Komfort
Bis auf die sportliche Beinhaltung und den schwachen Windschutz gibt es wenig zu kritisieren. Besonders prima: verstellbare Handhebel.
Einsteigertauglichkeit
Wie man mit der Sitzhaltung klarkommt, merkt man sofort. Ob aber Neulinge die Faszination des V4 nachfühlen können und bezahlen wollen?

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