In MOTORRAD 4/2016: Homestory Markus Reiterberger.

Zu Besuch bei Markus Reiterberger Basteln am Erfolg

Markus Reiterberger hat es mit 21 Jahren bis zum Werksfahrer in der Superbike-WM gebracht. Welch innige Beziehung er daneben zur Technik von Motorrädern hat, konnte MOTORRAD bei ihm daheim erleben.

Foto: Imre Paulovits
Lohn der Mühe: Das Haus der Reiterbergers ist voller Pokale.
Lohn der Mühe: Das Haus der Reiterbergers ist voller Pokale.

Ein altes Bauernhaus im Umland von Obing, wie es bayerischer kaum sein könnte. Doch statt eines Traktors steht ein Einser-BMW mit der Startnummer 21 davor, und das Scheunentor ist nicht mit Auszeichnungen für die Rinderzucht geschmückt, sondern mit einem Emailleschild, das früher zu einer Kreidler-Werkstatt gehört hat.

Markus Reiterberger öffnet die Tür, und gleich in der Diele wird klar, dass hier schon lange keine Landwirtschaft mehr betrieben wird, aber umso ernsthafterer Motorsport. Pokale, so weit das Auge reicht, dazu Bilder einer Karriere vom Knirps auf dem Minibike bis zum Sieger in der Superbike-IDM. „Gehen wir in meine Wohnung“, lädt er ein, und das Ganze erfährt
noch einmal eine Steigerung.

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Bilder und Autogramme großer WM-Stars von Barry Sheene bis Valentino Rossi, unzählige kleine Erinnerungen aus der gesamten Bandbreite des deutschen Motorsports, und mitten dazwischen ein Laufband. Reiterberger hat sein ganzes Leben dem Rennsport gewidmet, und jetzt, wo er den Schritt zum Profi-Rennfahrer geschafft hat, arbeitet er Tag und Nacht dafür, dass seine Karriere auch in der rauen Welt der Allerbesten in der Superbike-WM so weiterläuft wie die Jahre zuvor: Minibike-Meister, Yamaha-Cup-Sieger, jüngster Deutscher Superbike-Meister aller Zeiten. Dank viel Talent, Begeisterung und noch mehr Fleiß hat er sich überall durchsetzen können, und an Letzterem soll auch der finale Schritt zu seinem großen Traum nicht scheitern. „Früher konnte ich so gut wie nie trainieren, weil ich neben der Arbeit gerade so viel Zeit hatte, dass ich die Rennen fahren konnte“, blickt er zurück. „Seit ich letztes Jahr Profi geworden bin, tue ich alles, um bestmöglich vorbereitet zu sein.“

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Ganzes Leben in diesem Haus verbracht

„Reiti“, wie ihn alle Welt nennt, hat es sich gemütlich eingerichtet, damit es ihm an nichts fehlt, wenn er sich martert, täglich seine Kilometer auf dem Band abspult, im nahe gelegenen Fitnesscenter Gewichte stemmt oder auch bei Wind und Wetter mit dem Crosser oder dem Speedway-Motorrad trainiert. Der Kamin, in dem Fichtenholz lodert, verbreitet Wärme und Gemütlichkeit, auf einer großen Couch davor kann er ausspannen. An der Decke hängt ein Beamer, mit dem er von seinem Computer Videos und Bilder der Rennen oder einfach nur Filme zur Entspannung auf eine große Leinwand projizieren kann.

„Ich habe mein ganzes Leben in diesem Haus verbracht“, sagt Reiterberger. „Mein Ururgroßvater hat es mal gekauft, bis vor 30 Jahren wurde hier noch Landwirtschaft betrieben. Mittlerweile haben wir die Felder verpachtet, und mein Vater war Werkstattleiter bei Motorrad Hungerhuber in Trostberg. Dort habe ich auch meine Lehre gemacht.“

Foto: Imre Paulovits
Tüfteln an Tempo und Technik: Markus Reiterberger am Bahn-Gerät, mit dem er fleißig trainiert.
Tüfteln an Tempo und Technik: Markus Reiterberger am Bahn-Gerät, mit dem er fleißig trainiert.

Roller sind in der Gegend ein No-Go

Dann führt er in den Teil des Hauses, der die wahre Seele der Reiterbergers widerspiegelt. In dem Durchgang, wo einst die Landwirtschaftsmaschinen ihren Platz hatten, erkennt man durch das fade Licht, das zwischen den Brettern des Holztors hindurchscheint, Motorräder aller Arten und Baujahre. Markus zeigt auf drei Speedway-Maschinen. „Dies ist eine aus den frühen 1960er-Jahren, die hat Jon Odegaard gefahren. Ihr JAP-Motor stammt sogar von 1937. Diese hier ist eine Weslake von 1984, die hat mein Vater gefahren. Und das ist die Maschine, die ich letztes Jahr von Martin Smolinski bekommen habe.“ Alle hat er selbst hergerichtet, die beiden Oldtimer aus Fragmenten wieder restauriert. Ein ungewöhnliches Hobby für einen 21-Jährigen. Wie kommt das? „Seit ich mit vier Jahren angefangen habe, auf der Wiese hinterm Haus zu fahren, hat mich auch die Technik interessiert.“ Die Smolinski-Maschine ist sein Trainingsgerät, er hat den Original-Sitz gegen die Sitzbank des BMW-Superbikes getauscht. „Da habe ich ein viel besseres Gefühl.“

Gleich neben den Speedway-Maschinen stehen mehrere Kreidler und eine Mini-Supermoto mit 50er-Honda-Motor. „Die hat 19 PS, das war eine richtig gute Übung“, grinst Reiterberger. Nachdem er den Führerschein machen konnte, hat er seine Jugendjahre auf der Straße, wie schon sein Vater, auf Kreidlern verbracht. „Roller sind in unserer Gegend ein absolutes No-Go, die Kreidler hingegen Kult. Es gibt hier einen etwa 50 Mann starken harten Kern, da ist vom 16-Jährigen bis zur alten Garde über 50 alles dabei. Wir machen auch regelmäßig Treffen und Ausfahrten. Die beste Kreidler kann ich dir leider nicht zeigen, die ist für den Winter auf dem Speicher eingemottet. Die habe ich mit dem Waldi zusammen aufgebaut, die hat 15 PS.“

Größte Hilfe vom Vater

Waldi, das ist Ralf Waldmann, nebenbei ein echter Kreidler-Freak und -Experte. „Der ist mein Nachbar. Er hat mir in meiner Karriere auch viel geholfen. Der Adi Stadler wohnt auch nicht weit weg von hier. Der hat mir damals das Minibike zur Verfügung gestellt, mit dem ich meine Karriere begonnen habe. Und der Markus Ober ist mein Firmpate.“

Doch nicht nur die Racing-Prominenz dieser renninfizierten Gegend steht hinter ihm, auch der halbe Chiemgau drückt ihm die Daumen. Für die Herausforderung Superbike-WM kommt die größte Hilfe aber von dem, der ihm schon als Kind am meisten zur Seite stand: von Vater Thomas. Seit BMW 2010 das Superbike-Projekt startete, baut er die Rennmotoren auf. Zuerst bei Alpha Racing, jetzt im BMW-Werk. Wenn er auch nicht in dem Team vor Ort dabei sein kann, so hat er so doch immer die Finger mit im Spiel.

Foto: Eva Breutel
In besten Händen: Jan Witteveen (l.) ist technischer Direktor bei Althea, Berti Hauser Rennleiter bei BMW.
In besten Händen: Jan Witteveen (l.) ist technischer Direktor bei Althea, Berti Hauser Rennleiter bei BMW.

Das Team hinter Reiterberger

Man spricht Deutsch

Das Althea-BMW-Team ist voller Spezialisten, mit denen Markus Reiterberger in Muttersprache reden kann. Das einstige Weltmeister-Team steht bereit, nicht aber alle Zulieferer.

Markus Reiterberger, für den eine gehörige Portion Nestwärme elementar ist, konnte neben Manager und Betreuer Werner Daemen noch Mechaniker Wolfgang Kampe zu Althea mitnehmen. „Mehr ging einfach nicht. Das Team hatte schon seine fest angestellten Mechaniker. Aber sie haben mich herzlich aufgenommen. Dazu sind die Ingenieure von BMW dabei, die ich bereits aus der IDM kenne, ich habe einen österreichischen Fahrwerksmann, und der technische Leiter Jan Witteveen spricht ebenfalls deutsch. Ich kann nur sagen, dass das Team bestens aufgestellt ist.“

Am 21. Januar wurde das Althea-BMW-Team in Rom vorgestellt, zwei Tage später ging es zum Testen nach Vallelunga, das nur 20 Autominuten von der Teamzentrale entfernt liegt. Richtig nutzen konnte Reiterberger aber nur den zweiten Nachmittag. „Am ersten Tag war es unter zehn Grad und bewölkt, da ist auch der Asphalt kalt geblieben. Am zweiten Tag in der Früh war die Strecke noch nass, aber dann kam die Sonne raus und es wurde angenehm warm.“

Trotzdem war der Test ein Kompromiss. Weil einige Zulieferteile zu spät kamen, konnte Reiterbergers 2016er-Motorrad nicht fertiggestellt werden. So wurden die vorhandenen  neuen Teile für den Test an Reiterbergers letztjähriges Motorrad geschraubt. Doch auch so konnte er sich gegenüber dem ersten Vallelunga-Test um eine Sekunde steigern. Jetzt hofft er, dass Althea noch einmal einen kurzen Test einschieben kann, bevor das Material zum letzten Test und zum ersten WM-Lauf auf Phillip Island nach Australien verfrachtet wird.

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