Besuch bei der Auspuffschmiede

Blechkünstler

Wenn es unbedingt eine frei gewählte Form sein soll oder serienmäßiger Ersatz einfach nicht zu kriegen ist, dann hilft die Auspuffschmiede. Mit herrlichen Töpfen und Krümmern aus Edelstahl.

Sein Name transportiert nicht selten einen gewissen Beigeschmack: Blechkiste oder Blechlawine wecken ebenso wenig Sympathien für das gewalzte Metallprodukt wie die markige Aufforderung, kein Blech zu reden. Selbst Blechblasinstrumente mag nicht jeder, und dennoch geht’s einfach nicht ohne. Blech ist überall, vom Kaffeelöffel bis zum Computergehäuse, vom Scheinwerfertopf bis zum Kennzeichenhalter. Womit wir beim Motorrad wären, und dort wiederum fällt das meist stählerne Zeugs unangenehm auf, weil es noch schneller rostet als der Rest. Das ist schon dumm genug bei Seitendeckeln oder Schutzblechen, geht beim Tank jedoch an die Existenz. Bei der Auspuffanlage sowieso. Ganz genau in dieser Lage befand sich Mitte der 90er Wulf Peppmöllers ETS 250. Die seltenste und deshalb kultigste Emme stand nach aufwendiger Verjüngungskur immer noch mit ihrem alten Endrohr da, weil es über 20 Jahre nach Produktionsende eben keine neuen mehr gab.

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Blech ist doch nicht blöd

Nun gehört Wulf glücklicherweise jener Minderheit an, die Blech nicht blöd findet. Nein, schon von Berufs wegen schätzt er diesen Werkstoff wegen seiner Formbarkeit, und deshalb schnappte er sich einen guten Quadratmeter sowie ein Stückchen Rohr und formte der MZ unter Verwendung des alten und beim Zweitakter ja meist ölig konservierten Innenlebens einen neuen Auspuff. Das Werk ist aus Edelstahl und außerordentlich gelungen, Wulf hat nämlich Blechschlosser gelernt. Und als er 1996 obendrein noch Vater wurde, da halfen ihm beide, der Beruf und der Auspuff. Denn um Familienzeit zu gewinnen, machte Wulf sich selbstständig und bot nach kurzem Umweg ins Kunsthandwerkliche seinen MZ-Dämpfer an. Jeden zweiten Sonntag im Monat, beim Ruhrpott-Szenetreffen auf dem Gelände von Karl „am Kanal“ Rebuschat. Eine Story wie ein Blues, aber wahr. Und erfolgreich, denn die bodenständigen Kumpel fanden das klasse, einen Endpott, der nie vergammelt. Sie sprachen darüber, schon hatte Wulf neue Kunden, bald auch solche mit Westkrädern und Multizylindern. Das Kind war kaum zehn Jahre alt, als die ­Familienzeit wieder derart schwand, dass Benjamin Hönig in die Schmiede einziehen musste. Metallbauer und Motorradfahrer, der passte prima.

Ersatzteilregale weltweit abgeräumt

Den heute 41-jährigen XT 500-Fan Benni plagten obendrein ähnliche Sorgen wie den elf Jahre älteren Wulf mit seiner MZ: Die Auspuffanlage der Nippon-Enduro gilt als Schwachpunkt, die Ersatzteilregale sind weltweit abgeräumt. Andererseits umsorgt eine riesige und teilweise durchaus zahlungskräftige Gemeinde die olle Yamaha. Da müsste man doch... Genau, was Ordentliches aus Edelmetall formen, und zwar gleich in Serie. Aus rund 40 Teilen besteht so eine XT-Anlage, mehr als einen Tag braucht selbst ein richtig guter Blechschlosser, um alles korrekt aneinander zu fügen. Und dabei liegen die Schalen des Dämpfers sowie jene der Expansions­kammer bereits fertig auf der Werkbank. Das sind nämlich Tiefziehteile: Aufgrund der erwarteten Stückzahlen lohnte es, für die XT-Dämpfer entsprechende Formen herzustellen. Deshalb werden die Schalen hier nicht aufwendig aus einem Stück Blech gedengelt, sondern hydraulisch über der Form gepresst.

Auf einer Hebebühne steht eine Yamaha XS 1100

Jährlich verlassen einige XT-Anlagen die niederrheinische Schmiede, ein Blick vorbei an Presse, Trichterwalze oder Tafelschere verrät, wie die anderen Topseller heißen. Auf einer Hebebühne steht eine Yamaha XS 1100 zur Anprobe. „Bei der XS-Reihe haben wir schon alles bestückt, von den 360er-Twins bis hinauf zu diesem Vierzylinderriesen“, berichtet Wulf und verweist gleich auf einen Sonderfall: Ein Rollwagen trägt den Rahmen inklusive dem ausgeräumten Motor einer XS 650. „Die wird ja gerne individuell aufgebaut, und so kann man Krümmerführung oder Topf leichter anpassen.“

Von der Turbo-Münch bis zur Honda Shadow

Auch für XT und Guzzi-Twins existieren derartige Aufbauten, was aber nicht bedeutet, andere Modelle würden nur mit Standardware bestückt. „Nee“, brummt Wulf, „da muss aber dann das Motorrad hierher.“ Maßgeschneidert eben. So wie für den Zweiventil-Boxer auf der Bühne vorm Büro, der ganz offensichtlich einer Zukunft als Tracker entgegensieht. „Für Cafemoto, die haben schon einige An­lagen von uns.“ Benni mag die Vielfalt ­seiner Arbeit. Immer was Neues. Vermessen, ein Provisorium anhalten, Biegen. Kleine Radien mit der Biegemaschine, große von Hand. „Dann wird das Rohr vorne zugeschweißt. Sand rein. Hinten zuschweißen, erhitzen und langsam in Form bringen.“ Von wegen: Mach mir mal eben einen neuen Krümmer... Und dann kommt ja noch der geeignete Schalldämpfer hinterher. Neben der BMW parkt der Rahmen einer Vorkriegs-Tornax mit Doppelport-Einzylinder von JAP. „Deren Anlage soll natürlich aussehen wie beim ­Original.“ Ein quasi sechseckiger, flacher Schalldämpfer ist schon fertig, die Krümmer folgen alsbald. Immer mal wieder schiebt sich so ein Veteran in die Auftragsbücher. „Aber mehrheitlich bearbeiten wir Youngtimer.“ Von der Turbo-Münch bis zur Honda Shadow.

Schmiede gibt lebenslange Garantie gegen Rosten

Das Verfahren ist stets gleich: Der Kunde meldet sich an. Wenn Kapazitäten frei sind, kriegt er einen Anruf. Dann kann er seinen Liebling in der Auspuffschmiede abgeben, ungefähr 14 Tage später samt poliertem Auspuff wieder abholen. Wer lediglich einen neuen Dämpfer braucht, schickt nur den ein, klar. Originaldämpfer werden grundsätzlich aufgeschnitten und vorbildgetreu nachgebaut. „Stimmt nicht ganz“, wirft Wulf ein, „wenn die Dinger gar zu laut sind, haben wir auch schon mal ein extra Prallblech eingeschweißt.“ Muss ja eingetragen werden, das Ganze. Meistens jedenfalls, und da verlangen die Prüfstellen in der Regel eine Geräuschprüfung. Danach ist Ruhe, jedenfalls auspufftechnisch: Die Schmiede gibt lebenslange Garantie gegen Rosten und Reißen.

Kundenzufriedenheit motiviert

Zur Zeit brauchen Benni und Wulf ein halbes Jahr Vorlauf. Was Bedenken hinsichtlich der Familienzeit weckt. Manchmal. Aber bevor echter Stress aufkommt, hockt sich Wulf neben seinen Anruf­beantworter und lauscht den tief bewegten Dankesworten eines fränkischen Kunden, dessen Sachs Roadster endlich, endlich wieder einen Dämpfer bekam. Mehr noch und kaum zu fassen: einen handwerklich gar so perfekten. Wulf grinst: „Das motiviert. Komm, weiter.“

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