Kolumne Motorrad-Auspuff Das dicke Ende kommt noch

Auspuff – was fällt Ihnen dazu ein? Geiler Sound wahrscheinlich, anderen leider der Ruf nach harten Gesetzen.

Foto: Jahn

Einige Leute würden aus dem Stand behaupten, Altkanzler Helmut Kohl habe von Motorrädern keine Ahnung und sind entsprechend irritiert, diesen hier zu finden. Gut, eine Menge Leute würden sogar so weit gehen zu behaupten, Kohl habe von ganz vielen ­Sachen keine Ahnung und habe das als Kanzler oft genug gezeigt. Das aber ist politisches Geplänkel und gehört in den Spiegel. Tatsächlich aber outete sich Helmut Kohl 1984 geradezu als Jean Paul der Motorrad-Szene. Lange bevor sich der ehemalige Kanzler 1989 gemeinsam mit der BMW K1 in Hockenheim zur Abrissbirne jeglicher Motorrad-Ästhetik machte (Toni Mang sah dabei auch nicht prickelnd aus, verdient aber als deutscher GP-Rekordweltmeister unseren ungeteilten Respekt), sprach Kohl in einer legendären Pressekonferenz, in der es eigentlich um seinen Regierungsstil ging, den wichtigsten Satz der Motorradwelt, den jeder Schüler schon in der ersten Klasse auswendig lernen müsste: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Bevor jetzt Anwohner beliebter Motorrad-Strecken aufschreien, muss es möglich sein, dies ­etwas auszuführen. Beim Motorradfahren geht es auf keinen Fall nur um die bloße Lautstärke. Sonst wären Bagger, Traktoren oder ausgemusterte Panzer deutlich beliebtere Freizeitfahrzeuge. Es ist aber ­Naturgesetz des Verbrennungsmotors, dass Leistung entsprechend laut ist. Fette Power bedingt Klangkulisse. Wer das nicht versteht: Was wäre eine Wagner-Oper ohne Helden-Tenor? Inakzeptabel wie Motörhead auf der Melodica.

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Der Ficus muss im Wohnzimmer dem Subwoofer weichen

Dies nur als passendes Simile, denn ein Plädoyer für ungezügelten Krawall kann es hier nicht geben. Der Zeitgeist lässt sich nicht im Handstreich umbiegen – ob wir das mögen oder nicht. Völlig egal, ob es noch vor 20 Jahren viel mehr Motorradfahrer gab, die viel lautere Maschinen fahren durften und Mitmenschen trotzdem viel weniger auf Motorradfahrer geschimpft haben. Der Gesetzgeber dreht den Lautstärkeregler immer weiter herunter und die Gesellschaft geht mit – oder ist es um­gekehrt? Wie auch immer, wir Motorradfahrer müssen uns weitestgehend damit anfreunden und hier ist nicht der Ort, um bei Nicht-Motorradfahrern für Toleranz zu werben.

Allerdings nimmt das Ganze mitunter bizarre Formen an. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele von denen, die sich mit gespitztem Ohr über Motorradfahrer ärgern, momentan mit der Formel 1 hadern, während sie bei Kaffee und Kuchen sonntags das brave Brummsäuseln der aufgeladenen Sechszylinder-Boliden via Lautstärkeregler der Fernbedienung zu tunen versuchen. Manch einer entdeckt plötzlich Dolby-Surround. Ohne Flachs: Während ich mir neulich aus Furcht vor Lemmys zu frühem Ableben die jüngste Motörhead-Live-DVD besorgte, konnte ich akustisch verfolgen, wie Heinz bei Margret um Verständnis warb, dass der Ficus im Wohnzimmer dem Subwoofer weichen müsse, damit Monaco endlich wieder richtig Spaß macht. Jeder ist sich selbst der Thor. Bestimmte Dinge brauchen eben den passenden Soundtrack.

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Entscheidend ist, was hinten ankommt

Aber eigentlich war Niki Laudas Kommentar zu genau der Sache das Schlagkräftigste, was je im Zusammenhang mit Racing, Fahrgefühl und Lautstärke zu hören war: „Sind wir hier zum Rennfahren oder Krachmachen?“ Damit spricht das österreichische Schlitzohr etwas Grundsätzliches an. Worum geht es uns beim Motorradfahren? Um sich nicht völlig den Spaß am Bike vermiesen zu lassen, müssen wir uns aufs Wesentliche beschränken. Valentino Rossi antwortete auf die Frage, ob er den 990er-Sound nicht mehr schätze als den 800er, dass ihm das egal sei, er trage schließlich Ohrenstöpsel, er vermisse den Punch. Es ist doch erstaunlich, dass wir heute ganz legal 200 PS aus einem Einliter-Motor herauslocken und trotzdem deutlich leiser sind als 1993 mit einer 122 PS starken ZXR 750. Freuen wir uns darüber, denn das macht uns gesellschaftlich unverwundbarer. Dann können wir den Spiegel-Leuten etwas Arbeit abnehmen. Kohl hatte also doch keine Ahnung. Sein Satz hätte lauten müssen: "Entscheidend ist, was hinten ankommt."

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