Technikreport Auspuffentwicklung Mehr als heiße Luft

Noch ist der Auspuff das meist gekaufte Zubehörteil. Doch Lärm- und Abgasvorschriften machen das Geschäft immer schwieriger. MOTORRAD schaut hinter die Kulissen: Auf was müssen Auspuffschmieden heute und in Zukunft achten, bei welcher Maschine lohnt eine Umrüstung, welche Reglementierungen drohen? Ein Technikreport.

Foto: 2snap
Es ist ein weiter Bogen, der sich über das Geschäft mit den Abgasen spannt. Auf der einen Seite wird von Individualität, Federgewichten, satten Leistungszuwächsen und unglaublichen Klangerlebnissen geschwärmt. So jedenfalls preist das Gros der Auspuffbauer die eigene Produktpalette an. Wenn man sich auf der anderen Seite die MOTORRAD-Testergebnisse der vergangenen Jahre anschaut, weichen die hochtrabenden Aussagen und hehren Ziele schnell einer breiten Ernüchterung. Im letzten Vergleichstest ging es gar so weit, dass mehr als die Hälfte der getesteten Nachrüstschalldämpfer für die Suzuki Bandit 650 wegen Übertretung des Fahrgeräusch-Grenzwerts aus der Wertung genommen werden mussten. Der magere Rest konnte sich ebenfalls nicht recht in Szene setzen. Ein minimales Leistungsplus, kleine Abschläge auf der Waage – zum Schluss blieb die Empfehlung, der Bandit doch bitte schön nicht den Originaldämpfer zu rauben. Ganz abgesehen davon, dass die Abgasführung beim Motorrad immer mehr von ganz anderen Themen angeheizt wird.
Beispielsweise gehört seit vergangenem Jahr die Abgasuntersuchung Krad, kurz AUK, zum Pflichtprogramm bei der Hauptuntersuchung von Motorrädern ab Erstzulassung 1989. Nun heißt es: Wer zu sehr stinkt, bleibt künftig plakettenlos. Allerdings kann nach einer ersten Bilanz Entwarnung gegeben werden. Von 100 Motorrädern ist im Schnitt eines betroffen, das die Abgashürde nicht meistert. Möglich wird das unter anderem dadurch, dass die Vorgaben seitens des Gesetzgebers nicht bindend sind, sondern die Hersteller deutlich höhere Grenzwerte festlegen können. So liest sich die
Bilanz für die Prüforganisationen vor allem von der Kostenseite her sehr positiv: Schätzungsweise 15,7 Millionen Euro dürfte die AUK allein im vergangenen Jahr in die Kassen von TÜV, Dekra und Co. gespielt haben. Wie sich die AUK in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, ist derzeit offen. Experten gehen aber
davon aus, dass die willkürliche Festlegung der Grenzwerte auf Dauer nicht haltbar ist (siehe Interview rechts).
Zunehmend ins Fahndungsraster gerät auch der Sound. Die Branche gibt unumwunden zu: Ohne Hinweis auf einen herausnehmbaren dB-Killer ist kein Nachrüstschalldämpfer zu verkaufen. Eine Option, die nach Einschätzung vieler Experten rege genutzt wird – einige gehen sogar davon aus, dass eher auf der Rennstrecke als auf der Straße mit dem geräuschreduzierenden Einsatz gefahren wird (siehe Interview auf Seite 74). Auf jeden Fall sind die Ordnungshüter in den vergangenen Jahren immer hellhöriger geworden. Gezielt wird beispielsweise auf beliebten Strecken oder angesagten Treffpunkten ein Blick aufs Auspuffrohr geworfen. Ist ein Zubehörteil am Motorrad verbaut, gehen die Fahnder fast immer von einem Lärmdelikt aus. Wer ertappt wird, muss tief in die Tasche greifen. Mit Bußgeld, Gutachten und anschließender Wiedervorführung kommen schnell mehrere hundert Euro zusammen.
Fatal wird das Ganze, wenn die Leistungskurve ohnehin nur minimale Zuwächse dokumentiert. Lediglich bei wenigen Modellen kann ein Zubehörauspuff noch ein Aha-Erlebnis auslösen. Im Regelfall ist die Werksvorlage derart perfekt, dass der Nachrüster meist in die Röhre guckt. Es sei keine zehn Jahre her, sagen die Auspuffbauer, da habe sich die Konstruktion sehr ausgewogen in dem Dreieck Sound–Gewicht–Leistung bewegt. Doch durch die Lärmvorschriften sinkt gleichzeitig die Leistungsausbeute. Es sieht wie eine Milchmädchenrechnung aus, ist aber tatsächlich so: ohne Lautstärke keine Leistung!
Bleibt letztlich allein das Thema Gewicht. Hier können die Töpfe aus dem Zubehör eigentlich immer punkten. Ab Werk werden nahezu alle Motorräder mit Reflexionsdämpfern ausgestattet. Das System, in dem Schallwellen in mehreren Kammern eliminiert werden, ist in automatisierten Fertigungsprozessen zwar günstig und effektiv herzustellen, jedoch sackschwer. Der Zubehörmarkt bietet dagegen fast ausnahmslos Absorptionsdämpfer, bei denen der Schalldruck in Dämmwolle aufgefangen wird. Konstruktionsbedingt kann das Gewicht gegenüber dem Serienteil schnell um die Hälfte reduziert werden.
Und so schiebt sich zunehmend ein emotionaler Faktor in die Verkaufsstrategie von Nachrüstschalldämpfern, die im Verkaufsranking von Zubehörteilen nach wie vor auf Platz eins stehen. Ausgefallene Designs, edle Materialien und ein hochwertiges Finish dürften zukünftig entscheidende Argumente für den Ersatz des Originals sein.
Ungeachtet dessen muss das Know-how der Auspuffbauer in immer neue Bereiche vorstoßen: Abgasverhalten, Lärmemission, dazu profunde Kenntnisse in dem Dschungel der EU-Richtlinien. Lediglich ein paar Rohre zurechtzubiegen und etwas Wolle in eine Hülle zu stopfen reicht schon lange nicht mehr. Ganz oben in
der Profiliga arbeiten Firmen wie Akrapovic, die ohne millionenschwere Investitionen in Forschung und Entwicklung gar nicht mehr existieren könnten. Die Zahl der Testläufe für jede einzelne Anlage sprengt zunehmend die 1000er-Marke. Daneben können sich aber auch Kleinserienhersteller wie SR-Racing etablieren. Das Betriebskapital von Firmenchef Sepp Bruckschlögl ist sein physikalisches Verständnis über das Strömungsverhalten der Abgase. Mit der Optimierung der BMW K 1200 konnte er ein ganzes Ingenieursteam verblüffen. Klar ist auf jeden Fall eins: Wer in den nächsten Jahren auf diesem Markt bestehen will, muss deutlich mehr als heiße Luft hinten rauslassen.

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