09.12.2010 Von: Rolf Henniges
Erschienen in: 26/ 2010 MOTORRAD

Fahrbericht: BMW G 650 GS Die neue Einzylinder-Enduro von BMW im Test

Drei Jahre war sie in der Versenkung verschwunden. Nun ist sie zurück. Im netten Kleid, mit schiefem Blick und neuem Namen - heißen wir die BMW G 650 GS also herzlich willkommen.
In diesem Artikel: BMW G 650 GS

BMW G 650 GS: Einzylinder-Viertaktmotor, 652 cm³ Hubraum, Nennleistung: 48 PS bei 6500/min.

Foto-Show: BMW G 650 GS.  

Riva del Garda, Italien, 4. Dezember 2010. Wie die Neue da so auf ihrem langen Seitenständer am Rand des Gardasees steht und wartet, könnte man der BMW-Waage tatsächlich Glauben schenken. Angeblich hat die G 650 GS gegenüber ihrer Vorgängerin vier Kilogramm abgespeckt. Kann sein. Vielleicht ist es aber nur optische Täuschung: Neue, schlankere Verkleidung, neuer Schnabel, asymmetrischer Karl-Dall-Scheinwerfer. Und: Die pummelige Taille ist jetzt ein wenig zierlicher. Der im Heck untergebrachte Tank wurde von 16,5 auf 14 Liter verkleinert. Diese Maßnahme, so beschwört es die bayerische Presselyrik, wurde ergriffen, damit Soziusbeine mehr Platz haben. Zudem soll die schlanke Taille das für Offroadeinlagen wichtige Fahren im Stehen verbessern. Der Diäterfolg errechnet sich wie folgt: zweieinhalb Liter weniger Sprit plus neu gestaltete, leichte Gussräder.

Mehr über ...
BMW  G 650 GS  Enduro  Neuheiten 2011 

Prima. Dann wollen wir Mal. Hopp, hoch das Bein. Man muss schon ordentlich schwingen, sonst touchiert der Fuß die ausladenden Sozius-Haltegriffe. Schlüssel rein. Und los geht‘s. Ha! Ein alter Bekannter lässt grüßen. Der bereits seit drei Jahren in Lizenz von Loncin in China gebaute Einzylinder scheppert durch den öldruckgesteuerten Steuerkettenspanner beim Kaltstart wie alle seine Vorgänger, auch als sie noch von Rotax aus Österreich kamen. Nach zwei Sekunden ist die Geräuschkulisse normal. Der Single stampft kräftig, aber irgendwie gefühlt gummigelagert. Im Kaltstart dreht er kurzfristig 2000/min und pendelt sich anschließend bei 1200/min ein. Das lässt sich auf dem neu gestalteten Drehzahlmesser gut ablesen. Überhaupt ist das Cockpit mit dem großen Rundtacho recht gefällig. Ein kleiner Bordcomputer hält neben Uhrzeit, Drehzahl, und Gesamtkilometerstand auch zwei Tagestrip-Zähler parat.

Okay, Gang rein, weg vom See, durch Riva schleichen und vor einigen Ampeln halten. Nach diesen ersten paar Metern ist man versucht, BMW zu gratulieren: Kuppeln kann so einfach sein. Überraschend ist nicht der neue, dreistufig in der Griffweite verstellbare Hebel, sondern der geringe Kraftaufwand. Aber lassen wir das lieber mit der Gratulation. Denn die Griffweitenverstellung für den Bremshebel haben sich die Bayern gespart. Und das, obwohl sie beflissen betonen, die neue G 650 GS sei besonders freundlich zu kleiner gewachsenen Menschen, weil durch eine Fahrwerksabsenkung und zwei verschieden gepolsterte Sitzbänke die Sitzhöhe bis zu 750 Millimeter gesenkt werden könne. Das ist toll. Doch liebe Techniker: Kleine Menschen haben oft auch kleine Füße und kleine Hände, da wäre es nicht schlecht, wenn auch der Bremshebel an solch körperliche Besonderheiten angepasst werden könnte.

BMW G 650 GS Höhle Meerblick

Der verkleinerte Tank macht die Taille schmaler, die neuen Gussräder sparen zwei Kilogramm Gewicht und der für BMW obligatorische Karl-Dall-Scheinwerfer geht nun endlich auch bei der 650er in Serie.  

Foto: Gargolov  

Stichwort Gardasee. Wer das Wort liest, dem wird bestimmt gleich warm ums Herz, stimmt‘s? Pustekuchen. Schneebeflockte Hänge, nur zwei Grad plus und Pudelmütze statt Sonnencreme. Da erliegt man der Verlockung, die zweistufigen Heizgriffe anzumachen. Die Kabel hierfür werden nicht, wie bei anderen BMWs üblich für den Piloten unsichtbar durch den Lenker geführt, sondern sind wie bei preisgünstigen Zubehör-Heizgriffen außen verlegt. Wurscht. Sie funktionieren. Lässig schwingt sich die 650er durch die Kurven, so richtig schräg wird‘s allerdings nicht. Denn die Straßen sind erst seit 48 Stunden schneefrei und fein besplittet.

Da kann man froh sein, dass die Testmaschine mit einem ABS ausgerüstet ist, welches für Offroad-Spielereien abgeschaltet werden kann. Auf dem rutschigen Rollsplitt ist das ABS hinten allerdings häufig im Regelbereich, vorne arbeitet der Blockierverhinderer feinfühliger. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist die vordere Bremsbetätigung, denn man muss schon kräftiger zupacken. Wobei wir, liebe Techniker, wieder bei den kleinen Menschen mit ihren kleinen Händen und vielleicht sogar zarteren Muskeln wären. Trotz dieser leichten Kritik sei unterstrichen: Die BMW verzögert narrensicher.

Wir biegen auf die Fernstraße. Kurzer Halt vorm Stoppschild und durchbeschleunigen. Wer den Single hochjubelt, wird von einem kleinen roten Schaltblitz zum Gangwechsel ermahnt. Die Gänge rasten sauber und präzise, der Motor hängt sehr gut am Gas. Und er wirkt in allen Drehzahlbereichen kraftvoll: 48 PS bei 6500/min gibt BMW als Maximalleistung an. 60 Nm soll er bei 5000 Touren produzieren - Werte, die mit denen der Vorgängerin identisch sind und gefühlsmäßig bestätigt werden. Die 650er lässt sich schaltfaul fahren und hackt bei niedrigen Drehzahlen auch nicht über Gebühr. Dass sich die Neue etwas spritziger anfühlt, liegt an einer etwas kürzeren Sekundärübersetzung. Im Nu stehen 100 km/h auf der Uhr. Jetzt dreht der Single exakt 4000/min im letzten Gang. Schade, dass er dabei feinfrequent vibriert. Diese Vibrationen nerven die Hände und dringen übers Sitzpolster sogar an den Allerwertesten. Freie Sicht, niemand schaut zu, 150 km/h. Die zierliche Scheibe sorgt für Turbulenzen im Helmbereich, doch sie entlastet den Oberkörper vom Winddruck. 170 km/h sollen laut BMW maximal drin sein, doch das wollen wir hier nicht ausprobieren.

BMW G 650 GS Wheelie

Der Motor hängt gut am Gas, die Gesamtübersetzung ist etwas kürzer als bei der Vorgängerin.  

Foto: Gargolov  

Einmündung voraus, Vollbremsung! Obwohl die Bremse bei Anpassungsbremsungen leicht stumpf wirkt, überzeugt sie jetzt mit ordentlicher Verzögerung. Scharfer Linksknick und rauf auf eine Landstraße dritter Ordnung. Das Fahrwerk nimmt es gelassen, schirmt den Fahrer vor den gröbsten Unebenheiten ab, spricht sauber an und bleibt stabil. Die Metzeler Tourance rollen harmonisch ab und liefern gutes Feedback. Aufgrund größerer 140/80er-Hinterrad-Dimension soll die G 650 jetzt stabiler laufen als ihre Vorgängerin. Handlicher ist sie dadurch nicht geworden, doch sie wirkt gut ausbalanciert und lässt sich über den breiten Lenker leicht dirigieren.

Ob der Markt die alte Neue annimmt, wird sich zeigen. BMW gibt sich zuversichtlich. Ein hochrangiger Mitarbeiter wollte sogar wetten, dass die G 650 GS im kommenden Jahr unter den Top Ten in der deutschen Zulassungsstatistik zu finden sein wird. Nun, dass könnte man durchaus über eine attraktive Preisgestaltung regeln. Doch über den Preis schweigen sich die Bajuwaren leider aus.

Video-Interview zur BMW G 650 GS:


WEITER ZU SEITE 2: Technische Daten

1 | 2 | 3 | 4 |     

DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN 

  • Marke

    Lade...

  • Modell

    Bitte Marke auswählen!

Infos zur Marke
Bayerische Motoren Werke AG
Petuelring 130
80788 München

Internet: www.bmw-motorrad.de
Telefon: 0180 / 5001972
BMW

Thema: Elektro-Bikes
Das E-Bike ist im Stadtverkehr eine echte Alternative. Hier finden Sie alle Infos zu E-Bikes und alternativen Antrieben.
PS-Redaktion: VIP-Fahrtraining mit Neukirchner
Für das zweitägige Motorradtraining auf dem Sachsenring gibt es noch freie Plätze. Mit dabei: Redakteure und Profi-Rennfahrer!
Neu: iPhone-App von MOTORRAD
Ab sofort steht die neue iPhone-App "MOTORRAD für iPhone" im App-Store zum Download zur Verfügung.
"Oben ohne" an der star Tankstelle
Gratis-Kaffee für alle Biker – Die Kaffee-Biker-Aktion der star Tankstellen geht pünktlich zum Beginn der Saison in die nächste Runde.
Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen
Große Übersicht über Tourenreifen, Sportreifen und Hypersportreifen - inklusive Testergebnisse, Reifenkunde und Testtagebuch.